Verbieten oder nicht: Sollten Kinder schon in jungen Jahren spezifisch Kopfbälle trainieren?
Verbieten oder nicht: Sollten Kinder schon in jungen Jahren spezifisch Kopfbälle trainieren? – Foto: DFB

Wie gefährlich sind Kopfbälle?

Sportmediziner Dr. Patrick Belikan rät, wie im Juniorenfußball mit der Thematik umgegangen werden sollte

MAINZ. Dr. Patrick Belikan arbeitet im Ärzteteam des NLZ von Mainz 05. Im Interview spricht er über den Umgang mit dem Kopfballspiel im Juniorenbereich vonseiten des DFB, über Gefahren von Kopfverletzungen und wieso auf dem Gebiet noch viel mehr geforscht werden muss.

Herr Belikan, in den USA herrscht seit einigen Jahren ein Kopfballverbot im Fußballbetrieb für Kinder im Alter von bis zu 11 Jahren, in England sogar bis 12. Was halten Sie davon?

Diese Verbote sind Reaktionen auf Hinweise in wissenschaftlichen Studien, dass bei Kontaktsportlern im Verlauf des Lebens vermehrt Erkrankungen des Gehirns auftreten können. Dabei lässt sich allerdings noch nicht genau sagen, welche Zusammenhänge bestehen und vor allem auch, ob der Kopfball eine Rolle spielt. Daher bin ich zum heutigen Stand kein Fan davon, das Kopfballspiel im Fußball, explizit im Kinder- und Jugendfußball, komplett zu verbieten.

In Deutschland fordern immer mehr deutsche Mediziner dennoch ein Kopfballverbot. Was wäre denn eine Alternative zu einem Verbot?

Das große Problem ist, dass wir aktuell noch nicht so weit sind, die Frage beantworten zu können, welchen Einfluss Kopfbälle auf die Hirnentwicklung und auf mögliche Folgeschäden haben. Daher ist noch unklar, welcher Weg medizinisch am sinnvollsten ist. Es gibt einfach noch sehr viele offene Fragen, die man wissenschaftlich klären muss. Wenn diese beantwortet sind, können definitive Schlüsse gezogen werden.

Welche Fragen sind das?

Es ist relativ sicher, dass viele Gehirnerschütterungen im Laufe des Lebens zu Demenz, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen führen können. Was man aber noch nicht weiß: Wie wirken sich häufige Kopfbälle aus? Es wird vermutet, dass mehrfache Erschütterungen des Gehirns, die aber keine richtigen Gehirnerschütterungen sind, auch Folgeschäden verursachen können. Das ist aber noch nicht abschließend geklärt. Die entscheidende Frage ist: Zu was führt der Kopfball wirklich im Gehirn und kommt es durch vermehrte Kopfbälle tatsächlich zu Folgeschäden oder eher nicht?

Sportwissenschaftler und -mediziner Patrick Belikan.
Sportwissenschaftler und -mediziner Patrick Belikan. – Foto: Tim Würz/VRM

Gibt es dazu schon Erkenntnisse in der Forschung?

Spannend ist: Wenn man die Gehirnerschütterung betrachtet, treten 80 Prozent der Kopfverletzungen durch Kontakt mit dem Gegenspieler auf. Sei es durch Ellenbogen, Schulter oder Kopf-an-Kopf-Duelle. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Gehirnerschütterungen im Fußball tritt durch einen Kopfball auf. Das wurde bereits erforscht. Wie gefährlich der Kopfball ohne Gegnerkontakt ist, ist noch nicht wirklich geklärt.

Und bis dahin?

Bis dahin bin ich eher dafür, dass man die Leute, die Spieler und Betreuer schult und das Köpfen dosiert übt. Das ist auch das, was der DFB empfiehlt. Dadurch können Ängste abgebaut werden und die Technik trainiert werden, sodass man gut vorbereitet ist, wenn dann die Kopfbälle im Erwachsenenfußball angewandt werden sollen.

Sie sprechen den DFB bereits an. Der setzt künftig auf neue Richtlinien und auf "nachhaltigere Wirkung statt kurzfristiger Verbote". Von Kleinfeldspielformen und weicheren Bällen ist die Rede. Was halten Sie davon?

Ich halte das für sinnvoll. Bei den bald verpflichtenden Kleinfeldspielformen liegt der Fokus auf flachen Pässen. Man hat gar nicht den Raum, die weiten und hohen Pässe zu schlagen. Bei diesen Spielformen werden deutlich weniger Kopfbälle gespielt und vor allem finden die gefährlichen Kopfballduelle weniger statt. Noch dazu wird in diesem Programm des DFB die Nutzung von weicheren Bällen, von Soft- oder Luftbällen empfohlen. Dadurch wird die Kraft, die auf den Kopf wirkt, wenn man Kopfbälle übt, deutlich reduziert. Entsprechend sollte der Kopfball auch deutlich weniger gefährlich sein.

Wie wird in Sachen Kopfbälle im medizinischen Bereich jetzt weiter vorgegangen?

Was auf jeden Fall gemacht werden muss und was bereits viel gemacht wird: Man führt wissenschaftliche Studien durch und wertet viele Daten aus. Diese müssen genau beobachtet werden und gegebenenfalls muss der bis dahin eingeschlagene Weg entsprechend neuer Kenntnisse geändert werden.

Und außerdem?

Definitiv schulen, und zwar nicht nur die Kinder, sondern auch die Trainer, die Betreuer und die Eltern. Jeder sollte wissen, welche grundlegenden Maßnahmen ergriffen werden sollten, falls es zu einer Kopfverletzung kommt.

Wie sehen diese Maßnahmen aus?

Wenn jemand eine Gehirnerschütterung hat, ist es leider oft die Regel, dass dann weitergespielt wird und Kinder vielleicht auch im nächsten Training mitmachen, obwohl sie das eigentlich nicht sollten. Dies liegt daran, dass die wenigsten wissen, wie man mit Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen umgeht. Ich glaube, das müssen wir in Deutschland noch verbessern. Das ist in den USA zum Beispiel ganz anders.

Nämlich?

Dort wird viel mehr für das Thema Gehirnerschütterung sensibilisiert. Das passiert durch hohe Präsenz in den Medien und durch regelmäßige Schulungen. In den USA hat es in den vergangenen Jahren so einen medialen Hype gegeben, dass diese Gehirnerschütterungsproblematik bei jedem präsent ist. Entsprechend wird viel genauer darauf geachtet. Es ist also wichtig, die Thematik in die Köpfe zu bekommen.

Aufrufe: 020.1.2023, 05:00 Uhr
Aaron NeumannAutor

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