2026-04-23T13:43:33.969Z

Vom Spielfeldrand

Wenn das Schlusslicht Derby kann, ist die Tabelle kurz im Urlaub

von René Diebel · Heute, 11:10 Uhr · 0 Leser

Der VfL Emslage hat sich einen dieser Abende geschnappt, an denen Formtabellen, Punktestände und Favoritenrollen ungefähr so hilfreich sind wie ein Regenschirm im Tornado. Mit 1:0 bezwang das Schlusslicht den Tabellenvierten SF Schwefingen und ließ den Flutlichtabend im Derby zum kleinen Fußballaufstand werden.

Viel Kampf, wenig Kunst und genau das wollte Emslage

Schon vor dem Anpfiff war die Rollenverteilung eindeutig: hier Schwefingen, Tabellenvierter, oben mitmischend und mit deutlich mehr Selbstvertrauen im Gepäck. Dort Emslage, Tabellenletzter, unter Druck und dringend auf Zählbares angewiesen.

Nur hielt sich der VfL nicht an das Drehbuch.

Von Beginn an war zu sehen, dass Emslage diesen Abend nicht als Pflichttermin im Abstiegskampf verstand, sondern als Gelegenheit, dem Nachbarn das Wochenende zu ruinieren. Die Gastgeber gingen früh drauf, arbeiteten eng am Mann und machten aus dem Spiel eine zähe Angelegenheit, in der Schwefingen zwar mehr Kontrolle suchte, aber nur selten Kontrolle bekam.

Die Gäste hatten im ersten Durchgang die etwas besseren Szenen, wirklich zwingend wurde es jedoch nicht. Emslage investierte dagegen reichlich Laufarbeit und Zweikampfhärte, auch wenn nach vorne zunächst die bekannte Durchschlagskraft fehlte. Zur Pause stand ein 0:0, das nicht schön aussah, aber exakt nach dem Geschmack der Hausherren war.

Ein langer Ball, ein leerer Kasten, ein Derby im Ausnahmezustand

Nach dem Seitenwechsel änderte sich zunächst wenig. Viel Mittelfeld, viel Gerangel, viel Flutlichtromantik für Menschen mit Vorliebe für robuste Fußballschuhe. Schwefingen drückte phasenweise etwas mehr, Emslage hielt weiter dagegen.

Dann kam Minute 70 und mit ihr der Moment, der in Emslage vermutlich noch beim Frühschoppen nacherzählt wird.

Ein Steckpass hebelte die Gästeabwehr aus, den ersten Versuch parierte der Schwefinger Keeper noch, doch der Ball blieb heiß. Timo Lüken reagierte am schnellsten und schob zum 1:0 ins leere Tor ein. Neuntes Saisontor, Derbyführung, Ausnahmezustand.

Schwefingen wirkte danach geschockt. Statt kontrollierter Antwort nahm das Spiel eher die Gestalt eines nervösen Anrennens an, während Emslage plötzlich Feldvorteile sammelte, Ecken herausholte und in jeder Aktion spüren ließ, dass hier niemand freiwillig etwas hergeben würde.

Favorit ohne Punch, Außenseiter mit Feiertagsgefühl

Die Schlussphase brachte viele kleine Fouls, hitzige Zweikämpfe und einen Schiedsrichter, der sein Gelb inzwischen griffbereit hatte. Schwefingen versuchte noch einmal alles, kam in der Nachspielzeit sogar zu einer starken Abschlusschance, doch der Emslager Defensivverbund hielt stand.

Nach über 99 intensiven Derbyminuten stand fest: Das Schlusslicht hatte den Favoriten gelegt.

Für Emslage war es erst der dritte Saisonsieg und ein Befreiungsschlag, der in der Tabelle zwar noch keine Wunder vollbringt, im Kopf aber Gold wert sein dürfte. Schwefingen dagegen verpasste die Chance, im oberen Drittel weiter Boden gutzumachen und kassierte einen Dämpfer, der vor allem deshalb schmerzt, weil er verdient war.

Oder, um es mit Daniel Vehring zu sagen: Seine Mannschaft habe es „gar nicht verdient“ gehabt.

Und damit ist über dieses Derby eigentlich schon alles gesagt.

Für die Klicks etwas nackte Haut, fürs Herz ehrlicher Amateurfußball, klingt nach einem fairen Deal. 📸⚽
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