Voller Tatendrang

Patrick Ortlieb, der Trainer des FSV Eintracht Hildburghausen, legte mit seiner Mannschaft eine ordentliche Saisonhälfte hin. Im ausführlichen Interview spricht er über sein erstes halbes Jahr in Hildburghausen.

Der FSV-Eintracht Hildburghausen liegt zur Winterpause der laufenden Saison 2022/23 auf dem 3. Tabellenplatz in der Landesklasse Staffel 3. Der Abstand nach ganz vorne beträgt lediglich drei Punkte. Seit Beginn dieser Spielserie wird die Mannschaft von Patrick Ortlieb trainiert. Wir sprachen im Interview mit dem neuen Coach in einer Zwischenbilanz über sportliche Leistungen, die neue Philosophie, Offensivpower, Torspektakel und sportliche Ziele.

Hallo Patrick, ein dritter Platz zur Winterpause lässt vermuten, dass du als Trainer in Hildburghausen bei deiner neuen Mannschaft angekommen bist?

Patrick Ortlieb: "Die sportliche Bilanz nach der Hinrunde ist gut. Die Mannschaft hat eine kontinuierliche Entwicklung vollzogen, die noch nicht abgeschlossen ist. Und auch ich und mein Trainerteam stecken voller Tatendrang und möchten auch in der Rückrunde ans oberste Limit gehen. Darüber hinaus fühle ich mich auch unabhängig der derzeitigen Tabellensituation in Hildburghausen sehr wohl. Es gibt viele Menschen im und um den Verein, die viele Minuten ihrer Zeit investieren und den FSV mit Leben füllen. Das spürt man als Teil des Clubs und dies treibt zusätzlich an."

Die neue Spielphilosophie sieht eine offensiv ausgerichtete Mannschaft mit einem aggressiven, hohen Pressing vor. Dies klappt schon ausgesprochen gut. Warum haben sich deine Spieler so schnell daran gewöhnt?

"Unsere Spielphilosophie spiegelt sich in jedem einzelnen Training wider. Wir trainieren und arbeiten nach einer bestimmten Ausrichtung und Periodisierung, die darauf abzielt, die Spieler fußballerisch und physisch maximal zu fordern und zu entwickeln aber nicht zu überfordern. Verschiedenste wettkampfspezifische Spielformen in jedem Training und die dazugehörige ausgewogene Belastungssteuerung sind ein Schlüssel und für mich als Trainer essentiell, damit unser Team am Spieltag dort ist, wo wir es haben wollen – bei 100-prozentiger Einsatz- und Leistungsbereitschaft. Die Mannschaft zieht da voll mit und kann sich dann am Spieltag dementsprechend belohnen."

Was noch aufgefallen ist. Du hast während der Hinrunde von 4-er auf 3-er-Abwehrkette umgestellt. Warum?

"Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass eine Mannschaft fähig sein sollte in unterschiedlichsten Anordnungen zu spielen und zum Erfolg zu kommen. Gerade bauen wir im Ballbesitz unser Spiel aus der 3-er Kette auf, arbeiten aber gegen den Ball auch mit einer 4-er Kette. Wir vereinen also beides. Gerade passt diese Spielausrichtung gut zu unserem Team. Dies kann sich aber dennoch jederzeit wieder verändern."

Bei den zahlreichen Routiniers in der Mannschaft ist es wie bei einem guten Wein! Je älter desto besser?

"Ist man erst 18 heißt es „er ist noch jung und hat Zeit“. Ist man dann älter heißt es vielleicht „er ist eben auch nicht mehr so jung“. Es ist weniger eine Frage des Alters wie leistungsfähig man sein kann, sondern vielmehr auch eine Frage des physischen und psychischen Zustandes als Sportler. Unsere „älteren“ Spieler sind in einem ausgesprochen guten Zustand was das Körperliche und das Mentale angeht und dementsprechend bringen sie gute Leistungen."

Ein Stefan Fischer war nicht nur der Matchwinner gegen Suhl und Gotha. Der Defensivmann hat schon vier Saisontore erzielt und somit in einer Halbserie so viele Treffer wie in den letzten vier Jahren nicht...

"Vielleicht auch ein Ergebnis unserer Trainings- und Spielweise. Er füllt derzeit eine zentrale Mittelfeldrolle aus, mit der Aufgabe druckvoll nach vorne zu agieren. Das bringt ihn automatisch in torgefährliche Räume und die konnte er gut nutzen. Vier Saisontore müssen hier nicht das Ende der Torausbeute bedeuten."

Mit 42 Torerfolgen – fast drei Treffer je Spiel – verfügt ihr über den besten Angriff der Landesklasse Staffel 3. Was ist das Erfolgsrezept?

"Zuvor hatte ich schon angesprochen wie wir u. a. im Training arbeiten damit wir am Spieltag 100 Prozent geben können. Wir haben kaum verletzte Spieler durch unser planvolles Vorgehen. Dementsprechend haben wir jeden unserer Spieler zum Spieltag einsatzbereit und auf höchstem Level. Wir müssen nicht auf unsere torgefährlichsten Spieler verzichten, weil sie aus irgendwelchen Gründen nicht einsatzfähig sind. Das ist mitunter ein wichtiger Punkt. Darüber hinaus versuchen wir ein offensives und attraktives Spiel zu spielen. Ich sehe unsere Mannschaft lieber in der gegnerischen Hälfte als in unserer Eigenen."

Machen wir dich mal eine paar Tage jünger: Welche Rolle würde ein 30-jähriger Patrick Ortlieb als Spieler in dieser Mannschaft spielen?

"Eine überaus interessante Frage! Das ist für mich schwierig zu beantworten, da ich meinem Job als Trainer leidenschaftlich gerne ausübe und die Zeit gar nicht mehr zurückdrehen möchte. Da ich mich aber als absoluten Teamplayer sehe, würde ich mich auf der Position einbringen, wo es gerade am sinnvollsten wäre."

Du hast zunächst die Zusammenarbeit für ein Jahr festgeschrieben. Die Frage kommt vielleicht ein wenig früh: Wird Patrick Ortlieb auch über den Sommer hinaus als Trainer in Hildburghausen arbeiten?

"Der Verein und ich sind im stetigen Austausch. Vor der Winterpause haben wir das erste halbe Jahr Revue passieren lassen und im kommenden Jahr wird es zu regelmäßigen Zeiten weitere Gespräche geben. Zunächst einmal liegt mein Fokus auf einer guten Rückrundenvorbereitung mit dem Ziel, das erste Rückrundenspiel gegen Bad Salzungen erfolgreich zu bestreiten. Wir haben hierfür attraktive Spiele u. a. auch gegen die U19 von RW Erfurt und ein Kurztrainingslager mit weiteren Spielen in meiner Heimat anberaumt. Was dann die kommende Saison anbetrifft, wird sich zeigen. Aber es gab bislang noch kein konkretes Gespräch zur neuen Saison."

Wird es im Winter noch einmal Änderungen im Mannschaftskader geben?

"Derzeit sind keine Veränderungen geplant. Dies bedeutet aber nicht, dass wir die Augen nicht offenhalten. Wenn ein Spieler Interesse an unserer Spiel- und Trainingsweise hat und gemeinsam mit uns höhere Ziele und persönliche Entwicklung erreichen möchte, sind wir immer neugierig."

Wann startet ihr mit den Vorbereitungen auf die Rückrunde und gibt es aufgrund des sehr guten Tabellenstandes neue Saisonziele?

"Durch die Teilnahme an den Hallenturnieren und einem kleineren individuellen Trainingsplan für jeden Spieler sind wir derzeit weiterhin sportlich aktiv und pausieren nicht vollständig. Mitte Januar sind wir dann aber wieder gemeinsam in der Halle und auf dem Trainingsplatz. Die Tabellensituation zur Halbserie ist nur eine Momentaufnahme und das ist auch Jedem bewusst. Wir erreichen gute Ergebnisse durch weiterhin gute Trainingsarbeit und Spielfreude auch im Jahr 2023. Das ist unser Ziel."

Patrick, was hast du für sportliche und private Wünsche für 2023?

"Sportlich möchte ich mich stetig weiterentwickeln und mir die Freude am Fußballspiel und der Trainerarbeit bewahren. Generell wünsche ich mir, dass jeder Trainer und Verein bestrebt ist, die Träume der vor allem junger Spieler zu fördern und zu unterstützen und diese nicht durch überzogenen Leistungs- und Ergebnisdruck mit aufgeblähten Kadergrößen gefährdet. Wir wollen Spielertypen im deutschen Fußball – dann müssen wir auch unterschiedliche Typen zulassen und sie vor allem spielen lassen! Die Betrachtungsweise muss darauf liegen: Was kann ein einzelner Spieler gut und vielleicht anders als ein anderer Spieler und nicht, was kann ein Spieler nicht so gut und wo liegen seine Defizite? Privat stehen die Gesundheit und das friedvolle Miteinander an oberster Stelle."

Aufrufe: 025.1.2023, 17:12 Uhr
FuPa SüdthüringenAutor