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Lena Goeßling sagt Tschüss!

Mit Lena Goeßling beendet eine der erfolgreichsten Fußballerinnen der Welt ihre Karriere. Die 35-Jährige aus Löhne hat fast alles gewonnen. Nur ein Titel blieb ihr verwehrt.

Mit einem digitalen Abschiedsbrief endet Lena Goeßlings sportliche Geschichte. „Ich mache Schluss. Das war’s also. Und mir bleibt vorerst nichts mehr zu sagen als: Danke“, schreibt die 35-Jährige aus Löhne, die in den vergangenen 15 Jahren zu den erfolgreichsten Fußballerinnen der Welt gehörte, in den Sozialen Medien. Ein Rückblick auf eine Karriere, die in der Kreisliga beim SV Löhne-Obernbeck beginnt und beim mehrfachen Champions-League-Sieger VfL Wolfsburg endet. „Es war eine fantastische Zeit, mit unzähligen schönen Momenten“, erklärt die Fußballerin.

Gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Arne fängt als Kind alles an. Beim SVLO lernt Lena Goeßling das Fußballspielen. Bald spielt sie in der Mädchenmannschaft des benachbarten SV Sundern, wo das besondere Talent der jungen Spielerin auffällt. Der damalige FC Gütersloh, Mitte der 1990er-Jahren das Maß aller Dinge im Mädchenfußball, kann die Schülerin für einen Wechsel ins Heidewaldstadion begeistern. Es ist eine Entscheidung, die Lena Goeßlings Weg in den professionellen Frauenfußball bedeuten wird.

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Mit den B-Juniorinnen des FCG wird sie 2002 Deutsche Meisterin – und mittlerweile treffen auch die ersten Einladungen zur Nationalmannschaft im Briefkasten des Elternhauses in Obernbeck ein. In den U-Mannschaften des Deutschen-Fußball-Bundes gehört die Mittelfeldspielerin schnell zum Stammpersonal. Den ersten internationalen Titel sammelt sie 2004 mit dem Sieg bei den U19-Weltmeisterschaften in Thailand.

In der Liga verfehlt der FC Gütersloh dagegen den Aufstieg in die Bundesliga und Lena Goeßling entscheidet sich für einen Wechsel zum Erstligisten SC Bad Neuenahr, wo sie zur A-Nationalspielerin reift, die es später auf 108 Spiele und 10 Tore für das DFB-Team bringen wird. Mit den deutschen Frauen gewinnt Goeßling 2013 die Europameisterschaft und 2016 Gold beim olympischen Turnier in Rio de Janeiro. Die anschließende Partynacht im deutschen Haus im Olympiadorf: unvergesslich.

Grund zum Feiern gibt es auch nach ihrem Wechsel zum VfL Wolfsburg im Jahr 2011. Die „Wölfinnen“ entwickeln sich in dieser Zeit zu Deutschlands bester Frauenfußball-Mannschaft und sammeln zahlreiche Titel. „In Wolfsburg konnte ich mein Hobby zum Beruf machen“, sagt Lena Goeßling am Mittwoch gegenüber der Sportredaktion.
In der Zeit habe sich auch viel verändert. Die Strukturen im Frauenfußball haben sich immer mehr entwickelt, blickt die Löhnerin zurück. „Am Anfang haben wir uns in einer Garage umgezogen. Später hatten wir dann ein eigenes Gebäude mit Fitness- und Physiobereich“, sagt sie.

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Acht Siege im DFB-Pokal stehen seitdem in Goeßlings Vita. Sechsmal feiert sie mit ihrem Team die Deutsche Meisterschaft. Zweimal reckt sie den Pokal der Champions League in die Höhe und zwischendurch wird sie für die Wahl zur Weltfußballerin des Jahres 2013 nominiert. Einen besonderen Sieg oder Titel in ihrer Laufbahn gibt es nicht. „Jedes Spiel, um einen Titel zu gewinnen, war besonders. An allen Erfolgen waren tolle Menschen beteiligt“, sagt Lena Goeßling.

2017 gerät die Laufbahn der Mittelfeldspielerin, die zum Vorbild vieler Talente gereift ist, überraschend ins Stocken. Zwei Jahre nachdem die Fans sie zur Nationalspielerin des Jahres wählen, wird Goeßling ausgerechnet für ein Länderspiel in Bielefeld von DFB-Trainerin Steffi Jones nicht mehr nominiert. In einem Interview mit dem NDR spricht Lena Goeßling offen über ihre Enttäuschung – und bekommt Rückendeckung von Trainern und Kolleginnen. Nach Jones Entlassung gibt sie unter Horst Hrubesch und Martina Voss-Tecklenburg ihr „Comeback“ im DFB-Team. Die Karriere im Adlertrikot endet nach 108 Partien im WM-Vorrundenspiel 2019 gegen Spanien. Der WM-Titel ist es, der am Ende ihrer erfolgreichen Karriere fehlen wird.

Wenig später tritt sie selbst aus der Nationalelf zurück. Es ist zu diesem Zeitpunkt wohl einer der traurigsten Momente in ihrer Laufbahn. »Aber es gab auch wahnsinnig tolle Momente«, sagt sie damals rückblickend auf die zahlreichen Erfolge mit der Nationalmannschaft. Etwas überraschend endet jetzt das sportliche Kapitel beim VfL Wolfsburg, wo der Vertrag mit der mittlerweile 35-jährigen Leistungsträgerin nach zehn Jahren nicht mehr verlängert wird. Wieder eine Enttäuschung, die sie mittlerweile aber verarbeitet hat.

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Einen Wechsel ins Ausland schließt Lena Goeßling aus. Zu wichtig ist ihr der Kontakt zu Mama Anita nach Löhne und zu ihren Freunden und Bekannten. Auch die Corona-Pandemie habe gegen einen Wechsel ins Ausland gesprochen, erzählt sie. Ein Jahr fern der Heimat, das hätte sich nicht gelohnt.

Nun herrscht Klarheit: „Seit Wochen lautet die meist gestellte Frage: ,Wo spielst du nächstes Jahr?’ Und die Antwort, die ich jetzt geben kann, ist: gar nicht mehr“, erklärt die Fußballerin. Die Entscheidung habe sie sich nicht leicht gemacht. „Aber ich bin mir sicher, dass ich dieses Gefühl, das ich für den VfL Wolfsburg in zehn Jahren entwickelt habe, für keinen anderen Verein noch mal aufbringen kann“, erklärt sie.

Und nun? Ihre berufliche Zukunft lässt Goeßling erst noch offen. „Das wird aber in nächster Zeit bekannt gegeben“, sagt sie. Erst einmal freut sie sich über die vielen Nachrichten, die sie seit der Bekanntgabe des Karriere-Endes bekommen hat. „Mich haben tolle, emotionale Nachrichten erreicht, teilweise von Menschen, die ich lange aus den Augen verloren hatte.“

Aufrufe: 015.7.2021, 08:00 Uhr
Florian WeyandAutor

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