– Foto: FuPa Ostwestfalen

Julian Pietsch rettet seinem Gegenspieler das Leben

Der Verteidiger vom VfB Schloß Holte 2 handelt in einer sehr kritischen Situation beherzt. Er reanimiert einen Spieler vom SpVgg. Oelde 2, nachdem dieser während der Partie auf dem Sportplatz kollabiert ist.

Man sagt diesen Satz so leicht daher. "Diesen Moment werde ich mein Leben lang nicht vergessen!" Meist sprechen die Menschen dann über ihre Hochzeit, die Geburt des Kindes oder die erste Freundin. Julian Pietsch vom Gütersloher A-Ligisten VfB Schloß Holte 2 hatte am vergangenen Wochenende seinen "One moment in time" - allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang. Dennoch bestätigt auch er: "Den werde ich definitiv nie vergessen."

Es ist früher Sonntagnachmittag. Die SpVgg. Oelde 2 und der VfB Schloß Holte 2 haben sich in der Vorbereitung auf die anstehende Saison zu einem Testspiel verabredet. Die Begegnung läuft bereits rund 80 Minuten, als plötzlich mitten in den Angriff der Oelder Mannschaft laute Schreie über den Sportplatz schallen. "Ich war gerade damit beschäftigt, einen Oelder Stürmer zu bekämpfen, als ich intensive ,Schiri-Schiri-Rufe' hörte", erzählt Julian Pietsch: "Mir war sofort klar, dass etwas passiert sein musste." Das Spiel stockte, die Akteure drehten sich zu der anderen Spielhälfte um und sahen, dass ein Innenverteidiger der SpVgg. Oelde auf dem Spielfeld zusammengebrochen war.

"Ich hab ihn dort liegen sehen und bin sofort mit ein paar Mitspielern zu ihm hin", sagt der 26-Jährige, der beim VfB Schloß Holte ebenfalls in der Innenverteidigung spielt. "Er hat gekrampft, war aber bei Bewusstsein und hat geatmet", so Pietsch. Der hauptberufliche Heilerziehungspfleger erkannte die kritische Lage im Nu und handelte beherzt: stabile Seitenlage, Kopf überstrecken und darauf achten, dass der Patient nicht seine Zunge verschluckt.


"Ab diesem Augenblick habe ich nur noch funktioniert"

"Ich arbeite in Bethel und hatte schon des Öfteren mit epileptischen Anfällen zu tun. Außerdem werden wir jährlich in einem Erste-Hilfe-Kurs nachgeschult", berichtet Julian Pietsch. Doch die Lage spitzte sich zu. Nach etwa zwei Minuten setzte bei dem Spieler die Atmung aus. Er verlor das Bewusstsein. "Ab diesem Augenblick habe ich nur noch funktioniert", sagt Julian Pietsch. Er selbst fing sofort mit der Reanimation an, damit die Sauerstoffzufuhr nicht unterbrochen wurde. Er teilte außerdem einen zweiten Helfer ein, der mit der Beatmung beginnen sollte. Ein dritter sollte den Puls kontrollieren. Ein vierter telefonierte mit dem Notarzt.

"Es ist schon verrückt. Da siehst du diese Bilder von dem dänischen Nationalspieler bei der EM im Fernsehen und auf ein Mal steckst du in der gleichen Szene", so Pietsch. Nach ein oder zwei Minuten habe der Spieler wieder begonnen zu atmen. "Ich habe ihn dann erneut in die stabile Seitenlage gedreht, damit er besser Luft bekam", sagt Pietsch. Kurze Zeit darauf traf der Notarzt ein - und alle Sportler mussten vom Spielfeld. Auf dem Weg in die Kabine nahm Julian Pietsch noch wahr, wie die Ärzte erneut mit der Reanimation begannen und den Defibrilator einsetzen mussten.


Hätte ich mehr machen können? Hat das alles gereicht?

"Du fragst dich die ganze Zeit: Hätte ich mehr machen können? Hat das alles gereicht?", erzählt Pietsch. Unter der Dusche gingen ihm die "verdrehten Augen des Spielers" nicht aus dem Kopf. Als er anschließend nach Hause fuhr, und der Krankenwagen immer noch vor Ort war, schwante Julian Pietsch nichts Gutes. "Ich hatte ein mulmiges Gefühl", sagt der 26-Jährige, der erst aufatmen konnte, als er gegen Abend mehrere positive Nachrichten bekam.

Der Zustand des Gegenspielers sei stabil. Ihm sei beinahe eine verstopfte Zufuhr zum Herzen zum Verhängnis geworden. Er befinde sich mittlerweile im Uniklinikum Münster. Dort sei er bei Bewusstsein, habe inzwischen etwas gegessen und konnte sich bereits wieder im Bett aufsetzen. "Nach diesen Nachrichten war ich sehr erleichtert", sagt Pietsch. Ein paar Tage später kamen Lob und Dank von der SpVgg. Oelde per E-Mail. "Julian hat laut Aussage der Notärztin mit seiner Reanimation unserem Spieler das Leben gerettet. Wir sind alle heilfroh und dankbar, dass Julian zur richtigen Zeit am richtigen Ort war", schreibt Oeldes Vorstandsmitglied Thomas Hillenhaus.

Der Lebensretter Julian Pietsch ist ebenfalls "glücklich und dankbar, dass ich in dieser Situation helfen konnte". Er appelliert an alle: "Macht die Ersthelfer-Ausbildung!" Und an die Vereine: "Schafft mobile Defibrillatoren an - sie können Menschenleben retten!" Als "Held" möchte Julian Pietsch auf gar keinen Fall bezeichnet werden: "Ich habe lediglich meine Fähigkeiten eingebracht."

Aufrufe: 05.8.2021, 17:30 Uhr
Matthias Foede / FuPaAutor

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