
FuPa Thüringen hat deshalb bei mehreren Unparteiischen und Funktionären nachgefragt: Was war ihre schlimmste Erfahrung als Schiedsrichter auf oder neben dem Platz? Die Antworten zeigen, wie unterschiedlich die Erlebnisse sind – und wie ernst die Entwicklung inzwischen wahrgenommen wird.
Uwe Sell (Neubrunn, Mitglied SRA Rhön-Rennsteig): „Ich war insgesamt 35 Jahre als Schiedsrichter in Thüringen unterwegs und später zusätzlich noch als Beobachter tätig. In dieser langen Zeit musste ich glücklicherweise nie ein Spiel wegen eines Angriffs auf den Schiedsrichter abbrechen. Natürlich gab es immer wieder Beleidigungen und Anfeindungen gegen mich oder Kollegen, meistens von Zuschauern. Spieler kann ein Schiedsrichter auf dem Platz meist noch kontrollieren, bei Zuschauern ist das oft schwieriger. Vereinzelt kam es auch zu kleineren körperlichen Auseinandersetzungen mit Fans, auf Vereinsnamen möchte ich dabei aber bewusst verzichten. Ich habe immer versucht, den Austausch mit den Vereinen zu pflegen und damit eigentlich gute Erfahrungen gemacht. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Spiel meines Heimatvereins in Neubrunn, bei dem wir als Ordner den Schiedsrichter vor aggressiven Gästezuschauern schützen mussten. Solche Situationen zeigen, dass die Hemmschwelle im Fußball leider sinkt. Für mich ist das auch ein gesellschaftliches Problem, bei dem Frust, Respektlosigkeit und oft auch Alkohol auf den Sportplätzen eine große Rolle spielen.“
Richard Lorenz (Mühlhausen, SR Thüringenliga, SR-Obmann KFA Eichsfeld/UH):
„Zum Glück musste ich bisher keine direkte körperliche Gewalt als Schiedsrichter erleben. Verbal habe ich allerdings schon nahezu alles gehört, was man sich vorstellen kann. Teilweise sind die Aussagen und Beschimpfungen wirklich erschreckend und ohne jede Hemmschwelle. Auch Gegenstände wurden schon in meine Richtung geworfen, wobei ich bislang von schlimmeren Dingen verschont geblieben bin. In meiner Funktion als Schiedsrichter-Obmann kann ich sagen, dass wir glücklicherweise noch keine Spielabbrüche wegen Gewalt hatten. Trotzdem merkt man deutlich, dass die Gesellschaft insgesamt rauer geworden ist und sich das auch auf den Fußballplätzen widerspiegelt. Besonders bedenklich finde ich, dass diese Entwicklung inzwischen schon im Nachwuchsbereich sichtbar ist. Bereits bei kleinen Fehlentscheidungen werden Schiedsrichter oder Schiedsrichterinnen massiv verbal angegangen. Gerade bei D- und C-Junioren sieht man immer häufiger, wie schnell Situationen unnötig hochschaukeln.“
Philipp Rauhut (Neuhaus-Schierschnitz, SR Landesklasse, Staffelleiter KFA): „Ich leite pro Saison viele Spiele und hatte bisher glücklicherweise keine Erfahrung, die mich langfristig belastet hat. Der Umgang mit Mannschaften und Verantwortlichen ist in den meisten Fällen respektvoll und unkompliziert. Eine Situation hat mich allerdings besonders erschreckt: Im Kreisklasse-Pokalhalbfinale zwischen der SG 1951 Sonneberg II und Schleusingerneundorf kam es auf der Zuschauertribüne zu einer Massenschlägerei. Viele Zuschauer waren offenbar schon stark alkoholisiert, nachdem sie vorher beim Frühschoppen gewesen waren. Auslöser waren gegenseitige Beleidigungen, obwohl das Spiel selbst eigentlich fair verlief. Ich habe daraufhin das STOP-Konzept angewandt, wodurch sich die Lage schließlich beruhigte und die Fanlager getrennt werden konnten. Erschreckend war vor allem, wie schnell die Situation eskalierte und wie niedrig die Hemmschwelle teilweise geworden ist. Trotzdem nehme ich den Umgang im Kreis insgesamt noch als respektvoll wahr. Auch gegenüber den Schiedsrichtern besteht aus meiner Sicht weiterhin ein grundsätzlich gutes Verhältnis.“
Paul Hegenbarth (Geschwenda, SR Landesklasse, Vorsitzender SRA Mittelthüringen): „Dass der KFA Westthüringen jetzt einen kompletten Spieltag absagt, ist aus meiner Sicht sehr bedauerlich, aber leider auch nachvollziehbar. Die zunehmenden Fälle von Gewalt, Beleidigungen und Rassismus sind ein ernstes Problem. Ich selbst hatte bereits 2011 ein sehr prägendes Erlebnis, damals als 17-jähriger Schiedsrichter-Assistent in der Bezirksliga. In der 91. Minute zeigte ich ein Handspiel an, das zu einem Elfmeter führte. Beim Gang in die Kabine wurde der Schiedsrichter damals von einem Zuschauer angespuckt. Ich selbst bekam vom gleichen Zuschauer eine Ohrfeige. Das war bis heute meine schlimmste Erfahrung als junger Schiedsrichter. Damals waren solche Vorfälle zwar seltener als heute, aber trotzdem schon erschreckend genug. In meiner heutigen Funktion als Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses bekomme ich inzwischen fast wöchentlich Meldungen über Beleidigungen oder ähnliche Vorfälle. Deshalb halte ich es für wichtig, dass dieses Thema endlich stärker in die Öffentlichkeit rückt, denn die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher.“
Nick Schubert (Weida, ehemaliger SR Oberliga, Vorsitzender Thüringen Weida): „In meiner elfjährigen Laufbahn als Schiedsrichter habe ich rund 600 Spiele geleitet. Größere Ausschreitungen blieben dabei zum Glück meistens aus. Eine besonders prägende Erfahrung hatte ich allerdings beim Spiel zwischen dem 1. FC Sonneberg und dem SV 08 Steinach. Nach einer Gelb-Roten Karte gegen die Gäste wurde ich vom Steinacher Torwart von hinten gestoßen und anschließend massiv von Spielern und Zuschauern beleidigt. Ich war damals noch ein sehr junger Schiedsrichter und leitete trotzdem ein emotionales Derby in Südthüringen. Rückblickend hat mich diese Situation persönlich und sportlich sicher reifer gemacht. Gleichzeitig zeigt so ein Erlebnis aber auch, wie schwierig der Umgang mit jungen Schiedsrichtern teilweise noch immer ist. Fehler gehören gerade bei jungen Unparteiischen selbstverständlich dazu, trotzdem wird ihnen oft kaum etwas verziehen. Genau deshalb brauchen junge Schiedsrichter aus meiner Sicht deutlich mehr Respekt, Verständnis und Rückhalt. Nur so kann man langfristig Menschen für dieses wichtige Ehrenamt begeistern.“