Gäbe es die Altersgrenze für Schiedsrichter auch im Amateurfußball, wären die Probleme massiv.
Gäbe es die Altersgrenze für Schiedsrichter auch im Amateurfußball, wären die Probleme massiv. – Foto: Meiki Graff

Moers: Schiedsrichter halten sich mental fit

Der Moerser Schiedsrichter-Obmann Ja­kob Klos be­fürch­tet, dass nach der Co­ro­na-Pau­se ei­ni­ge Spiel­lei­ter auf­hö­ren wer­den. Er spricht über Vi­deo­ana­ly­sen wäh­rend des Lock­downs, Neu­lin­ge an der Pfei­fe und die Al­ters­gren­ze.

Nicht nur die Ama­teur­fuß­bal­ler seh­nen sich da­nach, end­lich wie­der auf den Platz zu­rück­zu­keh­ren. Das gilt auch für die Schieds­rich­ter. „Wenn der Ball nicht rollt, ha­ben wir halt deut­lich we­ni­ger zu tun“, sagt Ja­kob Klos. Über Zu­wachs im Kreis Mo­ers darf sich der Ob­mann der Un­par­tei­ischen trotz­dem freu­en. Be­reits zum zwei­ten Mal seit Be­ginn der Pan­de­mie ging Mit­te April der vom Fuß­ball­ver­band Nie­der­rhein (FVN) an­ge­bo­te­ne, di­gi­ta­le Neu­lings­lehr­gang zu En­de. Nor­ma­ler­wei­se fin­det die­ser als Prä­senz­ver­an­stal­tung in der Sport­schu­le We­dau statt. Durch Co­ro­na fällt die prak­ti­sche Lauf­prü­fung weg, die Schu­lung be­steht aus ei­nem theo­re­ti­schen Re­gel­test in­klu­si­ve ei­nes On­line-Ken­nen­lern­ge­sprächs.

Die Zahl von 102 neu­en Un­par­tei­ischen aus dem Jahr 2020 konn­te so­gar über­bo­ten wer­den. 111 frisch aus­ge­bil­de­te Spiel­lei­ter ver­tei­len sich übers ge­sam­te Ver­bands­ge­biet. „Die Be­tei­li­gung bei uns im Kreis war dies­mal mit fünf Leu­ten re­la­tiv ge­ring“, weiß Klos, des­sen Kreis-Team durch zwei Jung-Schi­ris (un­ter 18 Jah­re) so­wie drei Se­nio­ren im Al­ter zwi­schen 30 und 40 Jah­ren ver­stärkt wur­de. So hält seit Os­tern mit Tris­tan auch der drit­te Sohn der Fa­mi­lie Strunk aus Xan­ten den Schein in den Hän­den, nach­dem sei­ne Brü­der Max und Ju­li­an ih­re Lauf­bahn be­reits ein­ge­schla­gen hat­ten.

Die Schieds­rich­ter im Kreis Mo­ers tref­fen sich seit No­vem­ber ein­mal mo­nat­lich in ei­ner Vi­deo­kon­fe­renz. Auch nach der An­nul­lie­rung der Sai­son 2020/21. Mit der akri­bi­schen Ana­ly­se ver­schie­de­ner Vi­deo­sze­nen aus dem Pro­fi-All­tag hal­ten sich die Re­gel­freun­de men­tal fit, um je­der­zeit bes­tens auf ei­nen bal­di­gen Start der neu­en Spiel­zeit vor­be­rei­tet zu sein. Die ein­zel­nen Ant­wort­for­mu­la­re wer­den über vom FVN und Deut­schen Fuß­ball-Bund be­reit­ge­stell­te Lehr­platt­for­men aus­ge­wer­tet.

Ak­tu­ell in der Co­ro­na-Kri­se hält Ja­kob Klos die­se Maß­nah­men zwar durch­aus für ge­eig­net, auf Dau­er sieht er der Ent­wick­lung des Ama­teur-Schieds­rich­ter­we­sens aber mit Sor­ge ent­ge­gen, soll­te der Spiel­be­trieb noch län­ger ru­hen. „Nach dem ers­ten Lock­down ha­ben wir nie­man­den ver­lo­ren. Die span­nen­de Fra­ge wird sein, wer nach acht Mo­na­ten noch Lust hat, zu pfei­fen. Ich ge­he da­von aus, dass fünf bis zehn Leu­te auf­hö­ren wer­den“, so Klos.

Manch­mal ist der An­hän­ger des MSV Duis­burg aber auch ein­fach mal froh, das Ge­sche­hen auf dem Ra­sen zu ge­nie­ßen, wo­bei das we­gen der sport­li­chen Si­tua­ti­on sei­nes Lieb­lings­ver­eins im Mo­ment nur schwer mög­lich ist. „Ich schaue mir die MSV-Spie­le als kri­ti­scher Fan an“, sagt der 34-Jäh­ri­ge, der die Auf­rit­te der jun­gen Schieds­rich­ter in der 3. Li­ga vor dem Fern­se­her na­tür­lich ganz ge­nau un­ter die Lu­pe nimmt. „Man sieht, dass ei­ni­gen die Er­fah­rung noch fehlt.“

Macht die Schiri-Altersgrenze Sinn?

Ganz an­ders be­ur­teilt der Mo­er­ser das mo­men­tan heiß dis­ku­tier­te The­ma Al­ters­gren­ze. Ma­nu­el Grä­fe gilt als ei­ner der bes­ten Schieds­rich­ter des Lan­des. Laut Sta­tu­ten muss der 47-Jäh­ri­ge sei­ne Kar­rie­re auf höchs­tem Ni­veau nach der lau­fen­den Se­rie be­en­den. Glei­ches gilt für Gui­do Wink­mann aus dem Kreis Kle­ve, der eben­falls in der Bun­des­li­ga ak­tiv ist. „Wenn sie sich noch top fit füh­len, es wei­ter­hin wol­len und für ih­re Leis­tun­gen an­er­kannt wer­den, dann lasst sie doch pfei­fen! Ich se­he kein Pro­blem dar­in, all­ge­mein von die­sen Gren­zen weg­zu­kom­men. Das wür­de ei­ne Men­ge Druck vom Kes­sel neh­men“, meint Klos, der Wink­mann und Zweit­li­ga-Schieds­rich­ter Mar­tin Thom­sen (eben­falls Kreis Kle­ve) gut kennt.

Uwe Peu­ser pfeift mit über 60 im Mo­er­ser Raum noch im­mer in der Be­zirks­li­ga. Kurt Hanz war trotz sei­ner 80 Jah­re bis zur Spiel­pau­se in der Kreis­li­ga noch vol­ler Ta­ten­drang mit da­bei. Ja­kob Klos stellt fest, dass sich das „graue Schieds­rich­ter-Bild“ der Ver­gan­gen­heit or­dent­lich ge­wan­delt hat. Die Ge­ne­ra­ti­on um De­niz Ay­te­kin, Buch-Au­tor Pa­trick Ittrich und Co. zei­ge sich me­di­al prä­sent. Den­noch sind sie Wo­che für Wo­che ex­trem ho­hem Druck aus­ge­setzt. Und der wird nicht ge­rin­ger, auch wenn die Sta­di­en seit knapp zwölf Mo­na­ten leer sind. Schon zu Be­ginn der Geis­ter­spie­le be­ob­ach­te­te Klos ei­nen re­spekt­vol­le­ren Um­gang mit den Pro­fi-Schieds­rich­tern, die oh­ne Zu­schau­er deut­lich mehr im Fo­kus ste­hen. „Es hängt fiel von der Emo­tio­na­li­tät in den ein­zel­nen Spie­len ab. Sie re­den viel mehr. Die Thea­tra­lik ist ein Stück weit zu­rück­ge­gan­gen.“

Den VAR würde Jakob Klos wieder abschaffen

Was hin­ge­gen bleibt, ist die Kri­tik am für vie­le um­strit­te­nen Vi­deo As­sistant Re­fe­ree (VAR), der statt mehr Trans­pa­renz zu schaf­fen ge­ra­de bei der kom­pli­zier­ten, im­mer wie­der an­ge­pass­ten Hand­re­gel für Är­ger und Un­ver­ständ­nis bei den Fans sorgt. „In Deutsch­land wird der Vi­deo-Schieds­rich­ter nicht op­ti­mal aus­ge­führt. Die Fehl­ent­schei­dun­gen ver­schie­ben sich nur. Des­halb kann man ihn ab­schaf­fen“, sagt Ja­kob Klos.

Mit dem VAR muss sich der IT-Be­ra­ter in sei­nem seit 2016 aus­ge­führ­ten Eh­ren­amt als Schieds­rich­ter-Ob­mann nicht be­schäf­ti­gen. Sei­nen Schein be­sitzt der 34-Jäh­ri­ge schon seit 21 Jah­ren. „Ich muss­te mich da­mals ent­schei­den, ob ich wei­ter B-Ju­gend spie­le oder sonn­tags bei den Her­ren pfei­fe. Mitt­ler­wei­le ha­be ich mich kom­plett der Funk­tio­närs­lauf­bahn ver­schrie­ben.“ Er weiß, dass bei al­len Schi­ri-Kol­le­gen die Hoff­nung groß ist, dass ab die­sem Som­mer die re­gu­lä­re Durch­füh­rung der Sai­son 2021/2022 mög­lich ist.

In­fo: Auf­wands­ent­schä­di­gung von zehn bis 65 Eu­ro

Schieds­rich­ter Das Min­dest­al­ter für an­ge­hen­de Spiel­lei­ter liegt bei 14 Jah­ren. Rund 2600 weib­li­che wie männ­li­che Re­fe­rees sind in „nor­ma­len Zei­ten“ wö­chent­lich im Fuß­ball­ver­band Nie­der­rhein im Ein­satz. Ab­hän­gig von der Spiel­klas­se liegt die Auf­wands­ent­schä­di­gung zwi­schen zehn Eu­ro (Ju­gend­spie­le) und 65 Eu­ro (Ober­li­ga-Ein­sät­ze).

Aufrufe: 5.5.2021, 10:00 Uhr
RP / Fabian Kleintges-TopollAutor

Verlinkte Inhalte