Tornike Barbakadze.
Tornike Barbakadze. – Foto: Marcin Kummer

„Etwas zu erreichen braucht Zeit, Geduld und starken Willen“

Tornike Barbakadze war dem Profi-Fußball in Georgien sehr nah. Dann warf ihn eine Verletzung zurück. Seit 2017 spielt er in Berlin und glaubt weiterhin an den Erfolg.

Ein Interview von Marcel Peters - https://www.facebook.com/AmateurberichterstattungMarcelPeters/ - regelmäßig Berichte über Berliner und Brandenburger Amateurfußballer oder Vereine. Gesprächspartner: Tornike Barbakadze

Tornike, Fußball gucken oder selber spielen - womit bist du glücklicher?

Natürlich gucke ich auch sehr gern Fußball, aber selbst Fußball zu spielen ist meine Erfüllung, es ist Spaß und Entspannung gleichzeitig, das war schon immer und ist unverändert die allergrößte Leidenschaft meines Lebens.

Wie schwer sind dir dann die letzten vier Monate gefallen?

Seit ich denken kann, hat Fußball immer den wesentlichen Teil meines Alltags ausgemacht. Neben der Schule und später Uni trainierte ich immer, jeden Tag. Obwohl ich nach wie vor täglich vollständig trainiere (Kraft, Ausdauer, mit dem Ball) um fit und in bester Form zu bleiben, fehlt trotzdem das Allerwichtigste - Fußball zu spielen und mit den Jungs zu trainieren. Es ist so, als ob man mir das Wichtigste im Leben genommen hat. Es ist ja das erste Mal in meinem Leben, eine für mich so unglaublich lange Zeit ohne Fußball zu sein. Man fühlt sich einfach hilflos und wie gelähmt.

Es gab jetzt einige Lockerungen, für Kinder unter 12 Jahren. Ist der kontaktlose Trainingsbetrieb in Zukunft auch für Herren ein erster Schritt, oder ist das eher „wertlos“?

Meiner Meinung nach gleicht es sehr einem Individualtraining zu Hause, es ist für mich also eine Art gemeinsames Einzeltraining. Es ist natürlich nicht wertlos, aber als Vorbereitung für ein Spiel kann man das selbstverständlich nicht sehen. Ich würde sagen, es ist besser als gar kein Training, wenngleich ich es kaum erwarten kann, wann es mit dem „richtigen“ Training und vor allem mit den Spielen losgeht.

Wie lang wird es dauern, bis man wieder - vor allem fußballspezifisch - auf dem Niveau von vor fünf Monaten ist?

Es kommt stark darauf an, wie man sich während dieser Zeit fit gehalten hat. Wenn man am Ball geblieben ist und eigenständig alles versucht hat, um in Form zu bleiben, dann wird es, denke ich, mit dem vollständigen Ausdauer-, Kraft-, taktischen und technischen Training etwa zwei Monate in Anspruch nehmen, bis man wieder auf dem „alten Niveau“ ist.

Natürlich ist das umfangreiche Training alleine nicht ausreichend, um als Fußballer in guter Form zu sein. Spielzeiten und dementsprechend Testspiele spielen hier eine große, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle.

Denkst du, in geraumer Zeit ist auch wieder an Test- und Pflichtspiele zu denken? Sollte die Saison abgebrochen werden?

Aus meiner Sicht kann man den Start für die Pflichtspiele erst ab Juli-August anpeilen, denn sollte man viel zu schnell damit anfangen und die Saison weiter spielen, wäre es viel zu gefährlich für die Spieler, die komplett außer Form sind. Die Belastung wäre ziemlich hoch und dementsprechend auch das Verletzungsrisiko. Ich wäre allerdings aber definitiv für einen baldigen Start der richtigen Vorbereitung mit den Testspielen und der nächste Schritt wäre dann die Saison zu spielen.

Bist du eher dafür, die Saison nach dem Sommer zu Ende zu spielen nach oder sollte sie man die Spielzeit annullieren bzw. abbrechen und eine neue Saison starten?

Subjektiv gesagt, es ergibt keinen Sinn die Saison zu Ende zu spielen, zeitlich wäre es dann ziemlich knapp bis zum Anfang der neuen Saison. Ich wäre eher dafür, dass man diese Saison abbricht und ab Sommer die neue Saison anfängt, damit man nicht zwei, drei Pflichtspiele pro Woche hat, was natürlich zu einer enormen Überlastung führt.

Wird man dich dann noch bei Türkiyemspor Berlin sehen?

Obwohl ich in der Zwischenzeit von einigen Mannschaften angesprochen worden bin und auch ein paar interessante Angebote erhalten habe, endgültig entschieden habe ich mich noch nicht, es ist also alles noch offen.

Siehst du dich denn in der Berlin-Liga, oder möchtest du auch nochmal höher angreifen?

Berlin-Liga macht natürlich Spaß, aber für mich als ehemaligen Profi-Fußballer in Georgien ist Fußball weit mehr als nur Spaß. Daher strebe ich unermüdlich immer höhere Ziele an.

Profi-Fußballer in Georgien? Jetzt hast du mich neugierig gemacht. Kannst du etwas darüber erzählen?

Meine fußballerische Ausbildung habe ich beim FC Dinamo Tbilisi genossen. Dort habe ich bis zur U17 gespielt. Danach bin ich zum FC Merani Martvili, spielten in der 1.Liga, gewechselt. Dort habe ich zwei Jahre lang mit großartigen georgischen Fußballern gespielt (zwar mit nicht viel Spielzeit, aber mit sehr viel Lernzuwachs). Danach erlitt ich leider eine starke Verletzung, einen Schienbeinbruch und bin für mehrere Monate ausgefallen. Nachdem ich wieder laufen konnte, habe ich ein halbes Jahr eine Liga tiefer gespielt. 2017 bin ich nach Deutschland gezogen, um einerseits hier zu studieren und andererseits, um mich im deutschen Fußball auszuprobieren und mich fußballerisch weiter zu entwickeln.

Inwiefern ist der Profifußball in Georgien mit dem Amateurfußball in Berlin zu vergleichen ?

Der Unterschied ist sehr groß. Selbst das Training kann man nicht miteinander vergleichen. Es wird jeden Tag umfangreich trainiert, manchmal zweimal am Tag. Viele der Spieler haben internationale Fußballerfahrung, Nationalspieler spielen auch dort. Jedes Jahr spielen die Meister von Georgien die Qualifikationsrunden von Champions und Europa League. Daher ist das Niveau selbstverständlich viel höher als im Amateurfussball in Deutschland. Ein sehr gutes Beispiel ist die Mannschaft FC Dinamo Tbilisi, die historisch nicht nur in Georgien, sondern auch in Europa, sehr bekannt ist.

Hat es am Ende nach der Verletzung nicht mehr für ganz oben gereicht, um Fuß im Profibereich zu fassen? Was hat dir für den letzten Schritt gefehlt?

Nach der Verletzung war es sehr schwierig wieder nach oben zu gehen, vor allem psychologisch. Daher war ich ehrlich gesagt ein bisschen verzweifelt und um die Kraft in mir wieder zu finden, brauchte ich andere und neue Herausforderungen. Also habe ich deutsch gelernt, angefangen wieder fit zu werden und bin mit den großen Zielen in Deutschland angekommen.

Wurden diese Ziele bisher erreicht oder bist du eher enttäuscht worden auf sportlicher Basis?

Ich bin mit nichts enttäuscht. Etwas zu erreichen braucht Zeit, Geduld und starken Willen. Und so mache ich es. Jeden Tag versuche ich besser zu werden, als ich gestern war. Leider lief der Start in der Oberliga nicht ganz gut, aber das ist normal. Manchmal geht die Kurve nach unten, aber nicht die ganze Zeit. Ich mache die Sache, die ich am meisten genieße und das ist entscheidend.

Kannst du dir vorstellen, auch wieder zurück nach Georgien zu gehen, um im Profifußball anzugreifen?

Ich könnte mir das schon vorstellen, aber ich möchte gern hier so weit wie möglich kommen. Mein Studium in Deutschland zu Ende zu bringen ist für mich auch sehr wichtig, von daher die vorzeitige Rückkehr kommt erstmal nicht wirklich in Frage, auch wenn ich letztes Jahr zwei Angebote von georgischen Erst- und Zweitligisten bekam.

Also ist es dir dann doch nicht so wichtig, alles auf die Karte Fußball zu setzen?

Mein Interessenspektrum ist sehr breit und eine kontinuierliche Weiterentwicklung nicht nur im sportlichen Leben ist für mich sehr wichtig. Mir ist klar, dass die sportliche Karriere eines Tages leider auch ein Ende haben wird und momentan kann ich beides gut unter einen Hut bringen. Eine gute Ausbildung zu haben, gebildet zu sein und mich in einem Bereich außer Fußball gut auszukennen, war für mich schon immer von großer Bedeutung, denn ich möchte mich nie darauf ausruhe, was ich erreiche. Der Erfolg bemisst sich für mich nicht daran, was ich erreiche, sondern an den Hindernissen, die ich auf dem Weg zum Erfolg überwinde.

Hast du den Fußball in Georgien in den letzten Jahren noch verfolgt? Wo gibt es noch Verbesserungspotential, wie würdest du das Niveau der Profiliga vergleichen?

Ich verfolge den Fussball in Georgien immer. Ich habe viele Kumpel dort, mit den ich zusammen gespielt habe. Obwohl Georgien ein kleines Land ist, gibt es dort viele fußballerisch sehr begabte Spieler. Georgien hatte in 2020 eine gute Chance bei der EM 2021 zu spielen, ist aber in der finalen Play Off-Runde leider ausgeschieden. Für so ein kleines Land ist es schon ein großer Schritt. Verglichen mit dem Fußball in Deutschland sehe ich den Verbesserungspotenzial größtenteils in der wirtschaftlichen Betrachtung. Aber seit einigen Jahren ist das Land auch in dieser Hinsicht auf dem guten Weg.

Ich würde sagen, dass das sportliche Niveau der ersten Liga in Georgien ist der 3. Liga in Deutschland gleichgestellt.

Ist es ein Traum von dir, einmal für die Nationalmannschaft aufzulaufen?

Es ist natürlich ein großer Traum von mir in der georgischen Nationalmannschaft zu spielen und für Georgien sportlich meinen Beitrag zu leisten.

Jetzt bist du aber erstmal in Berlin und der Ball muss wieder rollten. Hat der Fußball dir geholfen, dich in hier besser einzuleben, schneller Leute und Freunde kennen zu lernen?

Ja, auf jeden Fall. Man fragt mich auch sehr oft, wie es kommt, dass ich deutsch innerhalb so kurzen Zeit, so gut, gelernt habe. Zweifelsohne hat der ständige Kontakt und Austausch mit den anderen Jungs viel dazu beigetragen, dass ich die Sprache schneller gelernt und mich dadurch hier ziemlich schnell eingelebt habe. Mit einigen Jungs auch aus den früheren Mannschaften bin ich immer noch sehr gut befreundet.

Welchen Moment wirst du aus deiner fußballerischen Laufbahn nicht mehr vergessen?

Es gab viele schöne Momente, aber am meisten hat sich mein erstes Training und das erste Pflichtspiel mit den "großen" und erfahrenen Spielern in der 1. Liga in Georgien in mein Gedächtnis eingebrannt. Diese Aufregung und das Gefühl als ganz junger Spieler "dazu zu gehören" vergesse ich nie.

1266 Aufrufe6.3.2021, 05:42 Uhr
Marcel PetersAutor

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