Bremerhavener Dirk Kurtenbach trifft im DFB-Pokalfinale

Legenden der Leidenschaft: Bremerhaven Teil 28 +++ Späte Entscheidung durch Manni Kaltz +++ Zweitligist schlägt sich tapfer im Berliner Olympiastadion

Dirk Kurtenbach zog 1987 mit dem Zweitligisten Stuttgarter Kickers ins DFB-Pokal Endspiel ein. gegen den haushohen Favoriten HSV traf der Bremerhavener zum 1:0. Am Ende unterlagen die Kickers mit 1:3.

Wir haben für euch im Archiv der Nordsee-Zeitung gekramt und so einige interessante Artikel gefunden. Folgt uns in eine Zeit ohne bunte Schuhe, Rabona-Flanke und Physiotapes am ganzen Körper. In den nächsten Wochen lest ihr Zeilen über eure Trainer, Väter und den nörgelnden Fan, der früher alles besser konnte.

20. Juni 1987

Von Rainer Beuttenmüller

Selbst der Vermieter von Dirk Kurtenbach macht sich auf den Weg nach Berlin. Bemerkenswert beim Quartiergeber des 22jährigen Bremerhavener Stürmers, der für den Fußball-Zweitligisten Stuttgarter Kickers heute im Pokalendspiel gegen den Hamburger SV die entscheidenden Tore schießen soll: Er ist eigentlich ein eingefleischter Anhänger des Lokalrivalen VfB Stuttgart. Doch seinen Untermieter will er im Olympia-Stadion nicht allein lassen.

Plötzlich schlägt das Herz des sonst auf Rot-Weiß eingestellten Echterdingers eben für die „Blauen”. Für Dirk Kurtenbach und seine Mitstreiter wird das Finale heute zu einem beson-deren Erlebnis. Obwohl sich niemand übertriebener Hoffnung hingibt, dem großen HSV ein Bein stellen zu können, versinken die Schwaben auch nicht in falscher Ehrfurcht. „Respekt schon, Angst keine”,meinte Kurtenbach gestern im Verbandsheim des Berliner Fußballverbandes am Kleinen Wannsee, wohin sich die Kicker bis zum Spiel zurückgezogen haben. Nur eine Sorge hat der 22jährige Torjäger: „Hoffentlich gibt es heute noch etwas Warmes zu essen.“

Es gab am Abend warm, denn die Schwaben waren Gast einer bundesweit präsenten Steakhauskette. Und da konnte Leichtgewicht Kurtenbach sich die nötigen Gramm anfuttern, die seine gefährlichen Torschüsse heute nachmittag noch strammer werden lassen sollen.

Der Vermieter ist nicht der einzige Repräsentant des „Kurtenbach-Fan-Clubs”, der auf der Tribüne dem Torjäger die Daumen drücken wird. Unter den rund 8000 angereisten Schwaben sind viele, die auf seine Treffer hoffen, die bisher ja in jedem Pokalspiel fielen, und auch aus Bremerhaven haben sich Schlachtenbummler angesagt. Mutter, Vater und Bruder von Dirk fahren nach Berlin, seine ehemaligen Wulsdorfer Trainer Pechmann und Naumann wollen sich von den Fortschritten überzeugen, die ihr früherer Schützling auf seinen bisherigen Profistationen Fortuna Köln und Stuttgarter Kickers gemacht hat.

Die Stuttgarter kamen gestern nachmittag nach einem sehr unruhigen Flug in der Spree-Metropole an. Die turbulente Reise paßte genau zu dem Stimmungsbild der Mannschaft. Sie ist sich nicht einig darüber, ob sie über den Weggang von Trainer Dieter Renner positiv oder negativ urteilen soll, und sie feilschte mit dem Präsidiumum die Pokalprämie, die Präsident Axel Dünnwaid-Metzler gestern abend als einen „guten fünfstelligen Betrag” bezifferte. Bei einem Sieg soll eine Reise nach Florida hinzukommen. Die Mannschaft war natürlich dafür, die Reise nach Florida auch nach einer respektablen Niederlage antreten zu dürfen, doch so einfach ist es nicht, im schwäbischen Präsidium ans Portemonnaie zu fassen. Feiern wird bei den „Blauen” von Degerloch nach dem Spiel jedenfalls großgeschrieben. Noch im Berliner Hotel „Schweizerhof” richten die Kickers ein festliches Bankett aus.

Am Sonntagmorgen geht es dann zurück in die baden-württembergische Landeshauptstadt. Dort steht die nächste Fete an. Im Kickers-Stadion Unter dem Fernsehturm ist der Saisonabschluß mit den Fans inszeniert. Die überdachte Tribüne wurde extra erweitert, damit möglichst viele Anhänger vom Wetter unabhängig mit den Pokalhelden - und das sind die Kickers mit ihrem Einzug ins Finale allemal - feiern können.

Erst am Montag kann sich Dirk Kurtenbach dann auf den Weg in die Heimatstadt Bremerhaven machen. Eine ganze Woche Urlaub winkt ihm nach dieser strapazenreichen Saison. Bereits am 28. Juni versammelt der neue Kickers-Trainer Krafft seine Schützlinge im Trainingslager Klein Asbach um sich, damit im nächsten Jahr endlich die eklatante Auswärtsschwäche abgelegt und das Langziel der „Blauen”, die Bundesliga, erreicht wird.

„Bammel” vor dem Endspiel also nicht bei Dirk Kurtenbach, wohl aber ein Kribbeln, das sich beim Abspielen der Nationalhymne noch verstärken wird. Der siebenmalige Jugendnationalspieler dazu: „Als ich zum ersten Mal die Hymne auf dem Spielfeld hörte, bekam ich ganz weiche Knie.” Diesmal sollen nicht die Knie weich, sondern die Motivation nur noch größerwerden.

136 Aufrufe8.4.2021, 05:50 Uhr
Nordsee-ZeitungAutor

Verlinkte Inhalte