– Foto: Yakup Kurt

Von einem Wohnzimmer ins nächste

NACHGETRETEN: +++ Nils Wielpütz macht in Ober-Mörlen einen speziellen nächsten Karriereschritt +++ Ziel: Aufstieg im Trainer-Debütjahr +++ Hervorragendes Verhältnis zu neuem wie abgebendem Verein +++

Im Sommer stellte der Abgang von Nils Wielpütz von der Usinger TSG in Richtung Ober-Mörlen eine ganz besondere Veränderung im Hochtaunus dar. Aber nicht etwa wegen der Art und Weise: Nein, man ging völlig im Frieden auseinander. Viel interessanter ist es, dass Nils nach so vielen Jahren bei der UTSG seine Zelte abbrach, um das Spieler- mit dem Traineramt zu vereinen - und das erst einmal einige Ligen tiefer. Wie es zu diesem Schritt kam, was er vor hat und wer seine Vorbilder sind, lest ihr unten im großen "Nachgetreten"-Interview.

Hallo Nils,

laut FuPa-Statistik standest du in den letzten Jahren über 10.000 Minuten für die Usinger TSG auf dem Platz. Ab dieser Saison bist du Spielertrainer in Ober-Mörlen. Wie kam es dazu?

Die UTSG ist für mich wie ein zweites Wohnzimmer, ich war acht Jahre dort. Während der letzten Saison habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr die ultimative Motivation und Leidenschaft für eine weitere Spielzeit in mir trage. Ich habe wohl einen Tapentenwechsel gebraucht, der durch verschiedene Faktoren weiter begünstigt wurde. Denn die entscheidende Anfrage kam aus Ober-Mörlen. Hier wohne ich, hier spielen viele meiner Kumpels, und ein Spielertraineramt hat mich schon immer gereizt, zumal ich zuvor auch schon als Jugendcoach aktiv war. Dazu bin ich im Mai erstmals Vater geworden, da war die Aussicht angenehm, wohnungsnah und nur noch zwei- statt dreimal die Woche zu trainieren. Und die Auswärtsspiele sind in der KLB natürlich auch um Einiges schneller zu erreichen.

Waren deine Vereinskollegen denn irrtiert ob deines Wechsels?

Nein, ich habe von Anfang an mit offenen Karten gespielt, meine Abwanderungsgedanken schon im Winter geäußert. Wichtig war mir, nicht zu einem direkten Konkurrenten zu gehen, denn der Abschied aus Usingen ist mir enorm schwergefallen. Zum Glück war überhaupt niemand böse, die Usinger Jungs wissen, dass ich da niemanden im Stich lasse, über den Tisch ziehe oder Sonstiges. Schade ist nur, dass am Ende der Zeit dort der Verbandsliga-Abstieg stand.

Was wirst du von der UTSG am meisten vermissen?

Vielleicht das sportliche Niveau (lacht). Nein, Spaß beiseite, Usingen ist ein ganz besonderer, mit viel Engagement geführter Club, der angesichts der kleinen Strukturen überraschend hochklassigen Fußball bietet, das ist nicht selbstverständlich. Genauso wie die Atmosphäre dort. Es hat menschlich einfach immer gepasst und alles ist dort richtiggehend professionell organisiert.

Aus der Verbandsliga in die KLB – ist das nicht ein fußballkultureller Schock?

Klar bin ich in der B-Liga sportlich nicht ultimativ gefordert. Aber die Herausforderung liegt in der Führung der Mannschaft, außerdem mangelt es im Vergleich zu oben nicht an Intensität. Sie ist natürlich anders, aber klar vorhanden. Der sportliche Erfolg steht in der Verbandsliga in meinen Augen etwas höher, wobei ich klar betonen will: Natürlich wollen wir jedes Spiel gewinnen.

Mit 26 Jahren bist du ein recht junger Spielertrainer. Wie klappt es denn mit den Routiniers im Team?

Das Alter ist bislang absolut kein Thema. Die meisten im Kader sind in meinem Alter. Es gibt zwei-drei ältere Spieler, aber genauso sind ein paar ganz junge Kerle dabei. Ich profitiere sicherlich von meiner Erfahrung und der Ausbildung in Offenbach bei einer Reihe an Trainern, das wissen glaube ich auch alle. Aber ich bin offen, jeder darf Kritik einbringen, autoritär bin ich nicht permanent unterwegs, sondern höre mir alles an.

Wie sieht es mit Trainerscheinen aus?

Im August findet mein Eignungstest statt für die B-Lizenz statt. Generell ist mein Ziel, irgendwann höher als B-Liga zu coachen. Im Idealfall natürlich in Ober-Mörlen.

Hast du Trainervorbilder?

Ich hatte sehr viele Trainer, da waren viele interessante Ansätze dabei, die ich gewissermaßen als Bausteine für meine eigene Philosophie nehme. Trainer aus dem Profigeschäft bewundere ich nicht direkt, da bin ich einfach viel zu weit weg. „Koppi“ war in Usingen von der Organisation her zum Beispiel super fit, auch konnte ich viel lernen, wie man den Spagat zwischen Spieler und Trainer gut und fair hinbekommen kann. Mike Leyendecker von der UTSG II hat immer eine geile Gemeinschaft herstellen können. Das sind also zwei allein aus den letzten Jahren, wo ich sehr viel Positives erlebt habe. Damals in Offenbach waren aber ebenfalls richtig gute Leute als Trainer da, die sowohl Spaß als auch taktische Kompetenz glaubhaft vermitteln konnten.

Wie zufrieden bist du mit dem ersten Test gegen den Albanischen Club Friedbergs?

Sehr! Ich hätte nicht gedacht, dass wir direkt so diszipliniert in jeder Hinsicht auftreten. Natürlich vermengt es sich noch nicht ganz mit meinen Ansprüchen, aber wir stehen ja noch ganz am Anfang der Vorbereitung. Ich bin optimistisch, sehe aber auch Luft nach oben. Ideal eigentlich.

Wo siehst du denn konkret Stärken und Schwächen deines Teams?

Wir haben richtig gute Neuzugänge, die sicher nicht alle den B-Liga-Anspruch dauerhaft vertreten wollen, und wir wollen von Vereinsseite wie auch von meiner Maßgabe her auch gerne aufsteigen. Das würden wir so nicht sagen, ohne das Gefühl zu haben, mannschaftlich ein hohes Niveau für die B-Liga auf den Platz bringen zu können. Speziell in der Zentrale sind wir sehr gut aufgestellt. Richtige Schwachpunkte sehe ich glücklicherweise nicht, auch wenn ein Stürmer mehr im Kader uns noch gut zu Gesicht stehen würde. Matthias Weckler soll die Verantwortung für Tore nicht immer alleine tragen müssen.

Neymar soll in Paris die Freigabe erhalten haben…

Da scheitert es leider am Geld (lacht). Da müssten wir doch noch ein paar tausend Vereinsfeste mehr im Jahr ausrichten, um ihn zu finanzieren.

Zum Schluss darfst du traditionell noch jemanden grüßen!

Ich grüße Olaf Best, das Herzstück der UTSG, ohne ihn wäre der Spielbetrieb in Usingen genauso wenig möglich wie ohne Björn Werminghaus, der ebenfalls ehrenamtlich viel reinsteckt. Und ich grüße Mike Leyendecker, der wird dieses Jahr nämlich 50 Jahre alt.

Aufrufe: 012.7.2019, 14:13 Uhr
Dennis BellofAutor

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