
Nach 20 Jahren im Profigeschäft: Andreas Haidl soll TSV auf nächste Stufe heben.
Die Poschinger Allee ist einer der besonders schönen Flecken dieses Landstrichs. Pizzeria, Terrasse, Bergblick und eine angenehme Abgeschiedenheit prägen die Anlage des TSV Murnau. Sie ist der neue Arbeitsplatz von Andreas Haidl. Rund 30 Minuten fährt er mit dem Auto aus seiner Heimat Waakirchen an. Das ist ein Klacks im Vergleich zu früher, als er drei Stunden täglich im Wagen verbrachte, um ins Jugendzentrum nach Augsburg zu gondeln. „Viel Zeit zum Nachdenken und Telefonieren, langweilig wird’s mir nicht“, scherzt der 41-Jährige.
Haidl übernimmt nicht nur den Trainerposten des Landesliga-Teams, sondern auch gleich die Sportliche Leitung für den gesamten Bereich ab der U17 mit. Fortan arbeitet er eng mit Dennis Destek zusammen und hat eine große Aufgabe vor sich: Der Mann, der 20 Jahre im Profigeschäft gedient hat, soll nun die TSV-Fußballer auf die nächste Stufe heben. Sportlich wie auch bei der Organisation.
Nein, die Drachen heben nicht ab. Vielmehr ist es ein Eingeständnis der eigenen Limitationen. Abteilungsleiter Michael Adelwart, der bisher in sportlichen Fragen oft die Route vorgab, betont: „Für mich ist das ein Schritt raus aus dem sportlichen Bereich. Da habe ich nicht so die Expertise.“ Dafür könne er ganz gut einschätzen, welche Menschen auf welcher Position gut aufgehoben sind und den Verein weiterbringen. Haidl wird praktisch zum Drehkreuz des Zauberwürfels. Er soll die Steine sortieren und Anregungen geben mit dem Schatz an Erfahrung. Bei den Proficlubs hat er andere Abläufe und Routinen erlebt, womöglich lässt sich in Murnau davon etwas kopieren.
Haidl ist an vielen Fronten gefragt. Auf dem Trainingsplatz erwartet Adelwart, dass er sein Wissen aus zwei Dekaden auf höchstem Nachwuchslevel, vor allem seine Liebe für Details, einbringt. Murnaus Reserve gehört praktisch von Grund auf neu aufgebaut, nachdem sie zuletzt nur mehr als Ausbildungsteam fungierte. Die wirklich großen Baustellen erwarten ihn aber abseits der Landesliga. Der Murnauer Jugendapparat wächst weiter, nur die Infrastruktur wächst nicht im gleichen Tempo mit. Es fehlt an Kabinen und Trainingsmöglichkeiten. Auch mehr freiwillige Helfer und Trainer, die ins Konzept passen, bräuchten sie. „Es gibt schon einiges, bei dem man ansetzen kann“, weiß Adelwart.
Warum macht sich ein hoch dekorierter Mann wie Haidl auf zur Strukturarbeit im Oberland? Weil ihm der Job beim TSV verdammt viel Spaß macht und er zu seiner aktuellen Lebensrealität passt. Die strebsamen Jahre, in denen er sich in der Szene nach oben arbeitete, von der U15-Bayernliga bis hinauf in die Dritte Liga (Co-Trainer), sind vorüber. In Murnau, sagt Haidl, stimme das Gesamtpaket.
Mit seinen Zuarbeitern – Benedikt Hausmann, Christoph Geißlinger, Stefan Bierling, Jakob Kreutterer und Ludwig Molle – hat er sich angefreundet. Nicht selten sieht man sie bei Besprechungen auf der Veranda sitzen und stundenlang fachsimpeln. „Menschlich und fachlich überragend“, sagt der 41-Jährige über seine Kollegen. „Es war immer schon so: Wenn mir etwas Spaß macht und mir die Leute taugen, will ich das fortsetzen.“
Du brauchst einen Trainer, der zum Verein passt. Nicht nur einen, der eine Mannschaft trainiert.
Michael Adelwart
Vonseiten des TSV lief es ziemlich zügig auf Haidl als Traumlösung hinaus. Klar, Martin Wagner bekam als Erfolgstrainer einer ganzen Ära natürlich den Erstzugriff. Wie er aber im Trainingslager seinen Rückzug bekanntgab, fokussierte sich der Club auf Haidl. Mit keinem anderen Kandidaten sei er näher ins Detail gegangen, erklärt Adelwart. Es ist nicht Haidls Vita, die alle in Murnau packt, sondern seine Art. Der Mann spricht Bairisch, hat Humor, aber auch Kanten. „Du brauchst einen Trainer, der zum Verein passt. Nicht nur einen, der eine Mannschaft trainiert“, betont der Abteilungsleiter. Mit Haidl haben sie einen gefunden, der beide Welten vereint: einen Mann vom Land, von der Basis, der die große Welt des Fußballs gesehen hat.
Ein solcher Experte hat natürlich auch seinen Preis. Die Murnauer stellen ihren neuen Trainer und Sportlichen Leiter über den Hauptverein an. Das ist freilich kein Novum. Auch Dennis Destek arbeitet für den TSV, frühere Jugendtrainer waren ebenfalls schon beschäftigt, erklärt Adelwart. Wobei der Fußballer-Chef auch klarstellt: „Wenn er’s nur wegen Geld machen würde, dann wäre er nicht in Murnau.“ Das bestätigt auch Haidl, der sich nebenher ein zweites Standbein als Selbstständiger aufbaut, künftig Trainer beraten und Spieler individuell trainieren will. „Das ist ein neues Kapitel, wir wollen das Bestmögliche rausholen“, sagt der Coach.
Am 10. Juni startet er mit der Vorbereitung, ist aber bereits in die Planungen zur neuen Saison eingebunden. Gerade baut er den Kader zusammen, versucht, möglichst viele des aktuellen Erfolgsteams zu halten. Sein erster Eindruck: „Eine entwicklungsfähige Mannschaft. Die haben Bock darauf, vielleicht auch den nächsten Schritt zu machen.“ Bedeuten würde das: Bayernliga. Aber dieses Wort nimmt bei aller Freude über Haidls Verbleib niemand in den Mund.