Aufstiegstrauma: Tarik Sarisakal will mit dem TSV Jetzendorf endlich den Sprung nach oben packen. Foto: Sven Leifer
Aufstiegstrauma: Tarik Sarisakal will mit dem TSV Jetzendorf endlich den Sprung nach oben packen. Foto: Sven Leifer

TSV Jetzendorf: Der ewige Bezirksligist

Wenn der Aufstieg ein Traum bleibt

Es ist wie ein Fluch: Jahr für Jahr zählt der TSV Jetzendorf zu den Aufstiegskandidaten in der Bezirksliga Nord. Doch im Saisonfinale bricht die Mannschaft regelmäßig ein. Trainer Tarik Sarisakal muss eine Truppe wieder aufrichten, die schon zu oft gefallen ist.

Nach dem Schlusspfiff fühlte Tarik Sarisakal nur noch Leere. Auf dem Platz sanken seine Spieler auf den Rasen, vergruben das Gesicht in den Händen. Das Relegationsrückspiel gegen den TSV Neuried hätte der größte Moment in der Geschichte des TSV Jetzendorf werden sollen. Der Traum vom Aufstieg war zum Greifen nahe. Wieder einmal. Am Ende war alles umsonst. Wieder einmal. „Du siehst gestandene Männer weinen. Da bleibt dir als Trainer gar nichts anderes übrig als stark zu sein, voranzugehen und die Spieler wieder aufzubauen. Auch wenn du selbst am Boden zerstört bist“, sagt Tarik Sarisakal über den traurigen Abschluss der vergangenen Saison.

Bereits vor ihm hatten es Trainerfüchse wie Frank Peuker oder Harald Maier Jahr für Jahr versucht. Und sind immer wieder gescheitert. Der Saisonverlauf des TSV Jetzendorf gleicht einem Abziehbild: In der Hinrunde mischt die Mannschaft die Liga auf, schießt Tore am Fließband und baut eine Serie aus. In der Rückrunde folgt regelmäßig der Einbruch. Fans und Spieler des Vereins sprechen längst von einem Fluch.

Mit jedem Start in die neue Saison steht ein Trainer des TSV Jetzendorf vor der Herausforderung, die quälenden Gedanken aus den Köpfen der Spieler zu treiben. Doch noch nie war die Last größer als vor dieser Spielzeit.

"Ich war mir so sicher, dass wir es packen"

Auch bei Tarik Sarisakal haben sich die Momente eingebrannt. Er erzählt sie mit Stolz. „Im ersten Relegationsspiel gegen Eching kam Armin Lange nach 15 Minuten zur Bank und musste sich übergeben. Er hat weiter gespielt und später das entscheidende Tor gemacht.“ Für Sarisakal war es eine entscheidende Szene, die ihm Sicherheit gab. „Ich habe es gespürt. Diese Mannschaft wird kämpfen bis zum bitteren Ende. Jeder hat alles aus sich herausgeholt. Ich war mir so sicher, dass wir es packen.“

Doch statt endlich den lang ersehnten Aufstieg zu feiern, erlebte Jetztendorf ein Drama, das die geplatzten Träume aus den Jahren zuvor noch einmal toppte. Im zweiten Relegationsduell gegen den TSV Neuried fehlte der Mannschaft am Ende nur ein Tor – und der wichtigste Angreifer. Marian Knecht – mit 24 Treffern die Torgarantie der Mannschaft – waren im ersten Aufeinandertreffen gegen Neuried die Sicherungen durchgebrannt. Statt als Aufstiegsheld gefeiert zu werden, bleibt der Moment in Erinnerung, in dem Knecht mit gestrecktem Bein in den Gegenspieler springt. „Ich kann mir diese Dummheit immer noch nicht erklären. Mir tut es unendlich leid, für den Verein und die Mannschaft“, sagt Knecht.

Trübe Aussichten durch Verletzungen und Knecht-Abgang

Zwei Monate nach diesem Drama steht der TSV Jetzendorf vor seinem x-ten Neuanfang. Sarisakal erinnert sich an die Fahrt zum ersten Training. „Mir sind Gedanken durch den Kopf geschossen: Was erwartet mich? Wie reagieren die Spieler auf mich? Erreiche ich sie noch als Trainer?“ Doch als Sarisakal wieder vor seiner Truppe steht, spürt er wieder dieses Brennen. Das Verlangen, erneut anzugreifen.

„Beim Traum um den Aufstieg geht es nicht um mich. Ob ich Trainer dieser Mannschaft bin oder nicht, spielt keine Rolle. Es geht nur um die Spieler dieses Vereins.“ Sarisakal holt kurz Luft. Dann formuliert er das Saisonziel: „Ich kenne kein Team, das den Aufstieg so sehr verdient hat. Dafür werde ich alles geben.“

Doch die Voraussetzungen sind nicht besser geworden. Die lange Saison hat an den Kräften gezehrt. Hoffnungsträger wie Wlad Beiz oder Thomas Edelmann sind verletzt. Schwer wiegt auch der Abgang von Angreifer Marian Knecht. Er hat den Verein nach dem verpassten Aufstieg verlassen und will sich in der Bayernliga beim BCF Wolfratshausen durchsetzen. „So einen Knipser können wir nicht ersetzen. Aber wir können ihn kompensieren“, sagt Sarisakal.

Neuzugang Reisner: "Ich habe richtig Bock auf Jetzendorf"

Im selben Satz fällt der Name eines Neuzugangs: Dominic Reisner. Der 21-Jährige spielte für den FC Ingolstadt und die SpVgg Unterhaching in der Regionalliga. In ihm ruhen die Hoffnungen der Jetzendorfer. Doch diese können für den Spieler schnell zur Last werden. Reisner soll Tore schießen und Marian Knecht ersetzen. Dabei hat der Angreifer selbst noch mit Problemen aus der Vergangenheit zu kämpfen. In der ersten Spielzeit für Haching lief es für Reisner hervorragend. Er durfte spielen, traf regelmäßig. Doch im Winter 2015 warf ihn eine schwere Verletzung aus der Bahn. Reisner musste an der Hüfte operiert werden, fiel danach ein Jahr aus. Im Sommer holte die SpVgg Unterhaching Stephan Hain und gab dem neuen Goalgetter Reisners Trikot-Nummer. „Das war ein Schock für mich. Am schlimmsten war, dass niemand mit mir darüber gesprochen hat“, sagt Reisner.

Nach einem Jahr Leidenszeit kehrte der Stürmer gesund zurück. Er durfte immer wieder spielen. Doch an Stephan Hain führte kein Weg mehr vorbei. Im Sommer lief Reisners Vertrag aus. „Es kann sich keiner vorstellen, was das für ein Gefühl war. Die Mannschaft hat gegen Elversberg den Aufstieg gefeiert. Und ich musste mir die Frage stellen, wie es jetzt für mich weiter geht“, sagt Reisner.

Der Stürmer entschied sich gegen den Profi-Traum – mit 21 Jahren. „Ich musste für mich entscheiden, ob es mich im Leben weiter bringt, wenn ich in Illertissen oder Memmingen ein weiteres Jahr in der Regionalliga spiele.“ Reisner wählte einen anderen Weg. Er arbeitet als Physiotherapeut, macht seinen Trainerschein und will als Co-Trainer in Jetzendorf Erfahrungen sammeln. „Ich habe richtig Bock auf Jetzendorf. Ich wohne beim Trainingsplatz um die Ecke und will der Mannschaft helfen.“ Doch ob er den Hoffnungen, die in ihn gesetzt werden, gerecht werden kann, weiß Reisner noch nicht. „Ich spüre Druck. Wenn ein Stürmer aus der Regionalliga kommt, fordert das Umfeld Tore. Aber ich war lange verletzt. Mein Ziel ist es, beschwerdefrei Fußball zu spielen. Dann ist alles möglich.“ Der Traum vom Aufstieg lebt auch bei Dominic Reisner.

Aufrufe: 2.8.2017, 08:37 Uhr
Fussball Vorort - Christoph SeidlAutor

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