„Der Amateurfußball ist viel geiler als diese kommerzialisierte EM"

Patrick Wahl hat trotz sportlicher Talfahrt seinen Vertrag beim Bezirksligisten Großdeinbach verlängert. Im Interview mit Thomas Nast erzählt er, warum Vereinsführung, Mannschaft und Trainerteam weiter zusammenarbeiten.

Thomas Nast: Hallo Paddy, danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Kommen wir doch gleich zur Sache. Mich überrascht es ein wenig, dass du mit dem TSV verlängerst!

Patrick Wahl: Hallo Thomas, zuallererst will ich dir für deine Zeit danken.

Meine Verlängerung hat gleich zwei Gründe, erstens: Nach zwei solch unrunden und nicht vollendeten Saisons wäre ein Abschied ebenso eine unrunde Sache und das ist nicht das, was ich mir wünsche. Und zweitens: Nach wie vor bin ich von unserem Team absolut überzeugt und freue mich schon darauf, wenn es dann endlich mal wieder losgeht.

In der Regel werden ja die meisten Trainer, die im Keller der Bezirksliga stehen, entlassen. Bei dir ist das anders. Das ist doch ein großer Vertrauensbeweis von der Vereinsseite, oder?

Absolut. Über diese Rückendeckung bin ich auch extrem froh und glücklich darüber, nur dadurch konnten wir im Team die letzten Jahre – Bezirksliga mal außen vorgelassen – erfolgreich sein.

Es ist aber auch so, dass die Abteilungsleitung bzw. Spielleitung mit uns als Trainerteam im ständigen Austausch steht. Auf diese Weise kann jeder seinen Teil dazu beitragen, dass alles rund läuft.

Hattest du auch in diesem Winter Anfragen von anderen Klubs?

Lose Anfragen gab es, ja. Ich habe das aber nicht verfolgt, weil der TSV bei mir an erster Stelle steht und wir im Trainerteam noch einen gemeinsamen Weg mit dieser geilen Truppe gehen werden und mein Herz einfach, gleich nach meiner Frau, dem TSV gehört.

Du hast ja schon viel darüber gelesen, was andere Vereine vorschlugen wie es nach dem Lockdown weitergehen soll. Was ist deine Meinung dazu?

Letztlich ist es so: Es muss Auf- und Absteiger geben. Daher bin ich ein ganz klarer Befürworter davon, die Hinrunde zuende zu spielen, die Liga in zwei Hälften zu teilen, die gesammelte Punkte mitzunehmen und eine Art Play Offs zu spielen.

Zur Not muss man eben die regulären Saisonstarts etwas verschieben. EM hin oder her, der Amateurfußball ist doch wesentlich geiler, als dieser kommerzialisierten Nationalmannschaft zu zujubeln.

Wie haltet ihr euch fit während des Lockdowns ?

Anfang Dezember haben wir im Trainerteam die „Road to Bari and Back“-Challenge ins Leben gerufen. Unser Co-Trainer und gute Seele Michele Fiorentino ist gebürtig aus Bari. Seine Eltern leben zum Großteil noch in Bari und wir wollten einfach etwas Greifbares machen.

Ziel des Ganzen ist es in sechs Wochen 2.754km im Team zu joggen. 1.377km hin und 1.377km zurück.

Wenn wir es im Team schaffen, gibt es, sobald wieder erlaubt, von uns Trainern ein Grillfest mit dem ein oder anderen Kaltgetränk gesponsert.

Um die Motivation hochzuhalten, gibt es wöchentlich immer sonntags ein Update (auch auf Facebook). Intern werden die drei besten und die zehn schlechtesten im Gesamtranking veröffentlicht.

Am 31. Januar ist der Spaß zu Ende. Die drei besten Läufer im Gesamtranking bekommen eine Überraschung. Die zehn schlechtesten sind dann für die Organisation und für das Grillen am Fest verantwortlich.

Wie beurteilst du die Entwicklung deiner Spieler bis zur ‚Zwangspause‘?

Die Entwicklung ist durchweg positiv, trotz unseres Tabellenstands. Wenn man überlegt, dass in einigen Spielen wegen Verletzungspech ein Janino Cudazzo, mit 20 Jahren der Abwehrchef, oder der 21-jährige Tobi Wahl im Mittelfeld das Kommando hatte, dann finde ich das eine wirklich reife Leistung.

Ich würde mir einfach mal eine halbwegs verletzungsfreie Runde wünschen, dass unsere großen Talente wie Timo Österreicher, Dennis Prichodko, David Maier, Janino Cudazzo, Dominic Melcher, Tobi Wahl und Leon König sich an gewachsenen Spielern aufbauen können und nicht direkt zu viel Verantwortung tragen müssen.

Zu guter Letzt; Du stehst ja als Cheftrainer ganz schön im Mittelpunkt. Wie sieht es mit deinem kompletten Trainerstab aus? Verlängert dieser mit dir?

Ich bin nicht der Typ, der gerne im Mittelpunkt steht, daher ist es für mich extrem wichtig, dass das Trainerteam ein TEAM ist und nicht eine One-Man-Show.

Michael „Heinze“ Grimm und ich haben uns für die nächste Saison unser Ja-Wort gegeben. Mit Heinze haben wir zur neuen Runde einen sehr erfahrenen Trainer aus dem Jugendbereich dazubekommen, der frischen Wind und neue Inhalte einbringt. Die Zusammenarbeit macht großen Spaß und es freut mich, von ihm Neues zu lernen.

Michele „Fio“ Fiorentino muss aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten. Das ist für uns im Team aber auch für die Jungs ein Monsterverlust. Fio ist einfach ein Wahnsinnsmensch, er weiß immer und zu jedem Zeitpunkt, wer, wie und wo Hilfe braucht. Da meine ich nicht nur das fußballerische, sondern eher auch das menschliche, das macht ihn einfach zu etwas ganz Besonderem.

Er wird mir nach sieben gemeinsamen Trainerjahren sehr fehlen. Ich hoffe, dass er schnell merkt, dass es ohne „seine Jungs“ nicht geht und ihn seine Frau ins Training jagt.

Aufrufe: 30.1.2021, 07:55 Uhr
JHermannAutor

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