Victoria Humplmaier ist als Physio in Pulling tätig.
Victoria Humplmaier ist als Physio in Pulling tätig. – Foto: privat

Amateure: Der gute alte Eiskoffer darf auch in der A-Klasse nicht fehlen

Medizinische Versorgung in den unteren Amateurklassen

Eiskoffer oder doch Mannschaftsarzt? Die Unterschiede der medizinischen Versorgung in der A-Klasse sind groß, wie die Heimatzeitung herausgefunden hat.

Freising - Die Saison 2019/21 der Amateur-Kicker ist bekanntlich Geschichte. Erst in ein paar Monaten wird es mit der Spielzeit 21/22 einen Neuanfang geben. Hätte man den Ligabetrieb doch noch fortgeführt, wäre auf die Vereine ein extrem eng gestaffelter Zeitplan zugekommen: Lediglich drei Wochen Vorbereitung hätte der Bayerische Fußballverband den Clubs zugestanden, bevor es wieder um Tore und Punkte gegangen wäre. Viele Trainer, Verantwortliche und auch Spieler hätten nach der monatelangen Pause eine regelrechte Verletzungsflut befürchtet.

Und damit zu einem prinzipiellen Thema: Wie gut sind unsere Vereine eigentlich ärztlich und medizinisch aufgestellt? Gibt es Physio-Therapeuten oder sogar Mannschaftsärzte, auf die die Spieler bei Muskelbeschwerden, Verletzungen oder anschließenden Reha-Maßnahmen zurückgreifen können? Sicher ist: Was bei Profiklubs eine eigene Abteilung und bei Bezirks- oder Landesligisten mittlerweile fast Standard ist, findet man in den unteren Ligen nur selten. Je niedriger die Spielklasse und je geringer das Budget der Vereine, desto seltener gibt es professionelle medizinische Strukturen.

Geschultes Personal ist die Ausnahme

Bei den meisten Vertretern in der A-Klasse ist der gute alte Eiskoffer, gefüllt mit Eisspray, Tapes, Salben und Verbandszeug, schon fast das Höchste der Gefühle. Verletzt sich ein Spieler, kommt ein Ersatzspieler oder Betreuer von der Auswechselbank aufs Spielfeld gelaufen und übernimmt die Erstversorgung. Nur wenige A-Klassen-Akteure können auf geschultes Personal zurückgreifen.

„Bei uns läuft das aktuell leider noch ganz klassisch mit Einwechselspielern, Eiskoffer und Eisspray ab. Tapes, Salben, etc. haben die Spieler meist selbst dabei“, beschreibt Abteilungsleiter Alex Thalhammer die Situation bei der Herrenmannschaft seiner SpVgg Attenkirchen und zeigt damit jene Realität auf, die bei weitem kein Einzelfall in den niederen Ligen ist. „Leider ist dieses Thema eine Sache, die bei uns viel zu kurz kommt. Wir wollen deshalb in Zukunft während der Vorbereitung, wenn von den Spielern gewünscht, zumindest einmal pro Woche gegen einen kleinen Obolus einen Physiotherapeuten kommen lassen. Unsere Damen haben bereits ihren eigenen Physiotherapeuten.“

Einen Schritt weiter ist man bereits beim FCA Unterbruck: Hier gibt es einen festen, verantwortlichen Betreuer, der sich um die Instandhaltung des Arztkoffers kümmert. Außerdem können die Spieler nach Verletzungen bei Bedarf ein individuelles Aufbautraining in Anspruch nehmen. „Die gute Seele unseres Vereins heißt Dominik Petermann“, so Unterbruck-Trainer Alfons Deutinger. „Er ist unser Betreuer/Physio und kümmert sich um die Trikots, ums Tapen der Spieler sowie den Eiskoffer, die Salben und sonstige medizinischen Dinge. Bei verletzten Spielern bemüht sich der Verein darum, dass ein Trainer ein Aufbautraining anbietet und sich um die Rekonvaleszenten kümmert.“ Ansonsten habe man auch Adressen und Kontakte zu passenden Medizinern,, auf die Verletzte zurückgreifen können.“

Die Erstversorgung bei Spielen nehmen in Hallbergmoos die Betreuer vor

Ähnlich wie in Unterbruck sieht es auch bei der Dritten des VfB Hallbergmoos aus. Die A-Klassen-Mannschaft kann allerdings bei gravierenderen Verletzungen auch auf den Vereinsarzt Otmar Galla-Brosch zugreifen, der bei Spielen der Landesliga-Mannschaft sogar mit auf der Bank sitzt. Hallberg-Trainer Robert Kühnel zur Situation beim VfB: „Tapes, Verbände, Salben und alles weitere wird vom Verein gestellt. Der Arztkoffer ist immer dabei, wobei bei manchen Schmerzen auch ein Hopfengetränk reichen würde. Die Erstversorgung bei Spielen nehmen die Betreuer vor. In unseren Fall ist das Jens Balden. Wenn er spielt, kümmere ich mich darum. Wenn größere Verletzungen auftreten, können wir uns an unseren Vereinsarzt wenden, der dann auch die Kontakte hat, um ärztlich gut versorgt zu werden!“

Dieser Luxus, einen Arzt in den eigenen Reihen zu haben, ist für Vereine in der A-Klasse alles andere selbstverständlich. Auch beim SV Dietersheim kam man allerdings durch familiäre Beziehungen lange in genau diesen Genuss. „Bis vor kurzem hatten wir einen Teamarzt, es war der Vater eines Spielers und das war natürlich sehr praktisch. Wir sind alle zu ihm, doch leider hat er sich jetzt zur Ruhe gesetzt“, so Dietersheims Abteilungsleiter Mario Spoljaric, der die medizinischen Strukturen seines Vereins als überdurchschnittlich gut bewertet, jedoch an die Bereitschaft seiner Akteure appelliert, angebotene Hilfe auch wahrzunehmen. Spoljaric: „Wir stellen unseren Spielern natürlich Tape, Salben und so weiter zur Verfügung, auch der Eiskoffer ist immer dabei. Leider wird jedoch der Rat, zum Arzt zu gehen, nicht immer sofort angenommen. Manchmal merken wir auch, dass erst Mal eine Eigendiagnose gestellt wird und dann gewartet wird. Wenn die Verletzung nicht besser wird und wir nachfragen was denn der Arzt gemeint hätte, bekommen wir ein ‚Ich war noch gar nicht beim Doktor’ als Antwort. Wir hoffen jetzt auf einen neuen Teamarzt, zu dem wir die Jungs schicken können.“

Reha-Maßnahmen sind ebenfalls im Angebot

Neben einem Arzt ist vermutlich die Position eines geschulten Physiotherapeuten mit die wichtigste, um bei den Amateurkickern Blessuren schneller auszukurieren oder um Verletzungen vorzubeugen. Hier gehen beispielsweise der TSV Eching und der SV Pulling als gute Beispiele voran. Bei beiden ist diese Position fest besetzt und die Spieler können den bzw. die Physio bei Bedarf in Anspruch nehmen. Bei den Zebras aus Eching übernimmt diese Aufgabe bereits seit mehreren Jahren Kai Adamek. „Er kümmert sich bei unseren Herrenmannschaften um die Verletzten“, berichtet Reserven-Trainer Marcus Heiß. „Wenn ein Spieler Blessuren hat, kann er in der Physio-Praxis auch die Reha-Maßnahmen in Anspruch nehmen. Wir sind sehr froh, dass wir ihn an Bord haben. Die Erstversorgung bei den Spielen machen wir selbst. Außerdem werden den Aktiven alle medizinischen Utensilien zur Verfügung gestellt.“

Victoria Humplmaier ist als Physio in Pulling tätig.
Victoria Humplmaier ist als Physio in Pulling tätig. – Foto: privat

Beim SV Pulling hat man vor einigen Jahren die Versorgung der Spieler umgestellt, um Verletzungen zu vermeiden und um die Heilungsprozesse zu beschleunigen. Maßgeblich daran beteiligt war auch Victoria Humplmaier, die dem Verein seitdem als Physiotherapeutin zur Verfügung steht. Als Duale Master-Studentin für Prävention, Sporttherapie und Gesundheitsmanagement und Mitarbeiterin im Erdinger Reha-Zentrum kennt sie die Materie perfekt und beschreibt den Wandel beim SVP wie folgt: „Wir haben bei uns im Verein glücklicherweise viele Verantwortliche, die verstehen, dass manche Verletzungen nicht nur mit Eisspray behandelt werden können. Vor rund zwei Jahren haben wir deshalb entschieden, uns neu aufzustellen: Tape und Eis waren davor schon immer griffbereit, allerdings auch viele Produkte, die abgelaufen oder unnötig waren. Ich bin beruflich in der Reha aktiv und kenne deshalb die wichtigsten Grundsätze. Darum habe ich die Arztkoffer aussortiert und mit einem kleinen Budget neu ausgestattet, um für die wichtigsten Notfälle ausgerüstet zu sein.“ Mittlerweile verfügen die beiden Pullinger Herrenteams durch diese Umstellung über je einen Eiskoffer sowie einen größeren Arztkoffer mit Tapes, Verbänden, Pflastern, Salben und weiteren Utensilien.

Der „Physio“ steht noch selber auf dem Platz

Zur Verfügung gestellt wird dieses Equipment von der Fußballabteilung. Victoria Humplmaier selbst ist neben ihrer Tätigkeit als Physio beim SVP auch selbst aktive Spielerin bei den Damen der SpVgg Attenkirchen. „Wenn ich nicht gerade selbst auf dem Platz stehe, kann ich am Sonntag bei den Partien der Jungs dabei sein.“, so die 22-Jährige. „Ich kümmere mich dann vor den Spielen um kleinere Problemchen und tape das ein oder andere Sprunggelenk. Während der 90 Minuten bin ich auf der Bank dabei und versorge die Verletzungen.“ Bei muskulären Beschwerden und kleineren Reizungen helfe dann eine Sportmassage, die die Spieler ebenfalls von der Abteilung ermöglicht bekommen. Humplmaier: „Dazu müssen sie mir nur Bescheid geben, wenn Bedarf besteht. Wir machen das dann nach Möglichkeit direkt im Anschluss ans Training.“ Dank ihrer Erfahrung durch das Studium sowie einem guten Ärzte-Netzwerk ist Humplmaier auch bei größeren Verletzungen eine große Hilfe für die Pullinger Spieler. „Sollte einmal eine schwerere Verletzung vorliegen, sind wir auch vorbereitet und können die Erstversorgung bis zum Arztbesuch gut gewährleisten“, so die Reha-Therapeutin. „Einen eigenen Teamarzt haben wir nicht, ich habe durch meinen Job und meine Kontakte allerdings immer wieder Empfehlungen für die Spieler parat.“

Kai Adamek
Kai Adamek – Foto: privat

(Sebastian Dobler)

Aufrufe: 02.6.2021, 06:00 Uhr
Sebastian DoblerAutor

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