– Foto: Rio Branco AC

„Ich lebe meinen Traum“

Aus der Kreisliga in den Profifußball +++ Andre Visser trainiert brasilianischen Profi-Klub

Der Wecker klingelt. Andre Visser schiebt die Gardinen im Hotelzimmer zur Seite, die Sonne scheint ins Zimmer und er schaut aufs "Kléber Andrade Stadium". In diesem Stadion ist der Rio Branco AC zuhause. Ihm wird schnell wieder klar, dass es doch kein schöner Traum ist. Es ist Realität: Andre Visser trainiert eine brasilianische Fußballmannschaft unter Profibedingungen. Diese Erfahrung machte auch Lothar Matthäus 2006, doch der Weltfußballer beendete sein Engagement bei Atlético Paranaense aufgrund von Heimweh bereits nach drei Monaten. Heimweh hat Visser nicht, er lebt gerade seinen Traum. Nach dem Frühstück wird er abgeholt und nur kurze Zeit später steht er mit 26 Fußballprofis auf dem Rasen.

Im November 2019 wanderte Visser nach Brasilien aus. „Der Großteil meiner Familie ist hier Zuhause und ich hatte immer schon den Wunsch hier zu leben“, berichtet Visser, der fast fließend portugiesisch spricht. Er gab seine Selbstständigkeit in Deutschland auf, verkaufte das Eigenheim und begann in Brasilien komplett neu. Auch hier hat er sich mit einer Firma selbstständig gemacht. Nebenbei büffelte er fleißig an seiner UEFA-A-Lizenz. „Einen Teil der Ausbildung habe ich in Portugal absolviert und im Oktober war ich damit fertig."

Erste Kontakte knüpfte er bei einem kleinen Verein in seinem Wohnort. Der Trainer fiel kurzfristig aus und Visser übernahm spontan die Mannschaft. Der Präsident des Klubs war begeistert und pries den „Deutschen“, wie er hier überall genannt wird, auch bei anderen Vereinen an. Doch Visser wartete bis er seine Lizenz in den Händen hielt. Lockere Gespräche gab es hier und da, doch dieses Mal wollte er nichts überstürzen. Er hat aus seinen Fehlern in der Vergangenheit gelernt und hatte mit seiner Firma genug zu tun. Überhaupt gefiel ihm das neue Leben gut.



Silvester 2020 klingelte sein Telefon erneut und dieses Mal konnte der 37-Jährige nicht mehr Nein sagen. Die Verantwortlichen des Traditionsvereins Rio Branco AC wollten mit ihm sprechen. Man vereinbarte einen Gesprächstermin und wurde sich schnell einig. Der Klub spielt in der viertklassigen brasilianischen Série D. Das Team besteht ausschließlich aus Berufsfußballern und Visser war schnell beeindruckt von den Trainingsmöglichkeiten, dem Stadion „Kléber Andrade“, in dem 21152 Zuschauer Platz finden, und dem professionellen Umfeld.

Rio Branco Atlético Clube

1913 wurde der Verein gegründet und ist im Staat Espírito Santo mit 37 Meistertiteln auch sein Rekordtitelträger. In der Série A war RBAC zuletzt 1987 vertreten. Danach folgte ein Abstieg aus allen Spielklassen und erst seit 2015 spielt der Verein wieder in der Série D.

Brasiliens ehemaliger Nationaltrainer Vanderley Luxemburgo trainierte hier und auch die Nationalspieler Aldair, Silas und Sebastián Abreu (Uruguay) spielten für den Verein. Im „Kléber Andrade Stadium“ fanden 2017 Spiele der U17-Weltmeisterschaft statt und zur WM 2014 nutzten die "Lions Indomptables", die „unzähmbaren Löwen“ aus Kamerun mit ihrem Star Samuel Eto'o, das Stadion als Trainingsstätte.


Der „Wandervogel“ hat aus seinen Fehlern gelernt

In Deutschland galt Visser als Wandervogel. Er war als junger Torhüter talentiert, schaffte es in den Kader der zweiten Mannschaft von Eintracht Frankfurt, machte aber insgesamt zu wenig aus seinen Möglichkeiten. „Mein größter Fehler war, dass ich nicht unter Stefan Gehlhaar in Stinstedt geblieben bin. Er war mein bester Trainer und der Wechsel eine große Dummheit“ so Visser.
Sein früherer Trainer Stefan Gehlhaar erinnert sich noch gut an seinen ehemaligen Torwart: "Ich habe Andre in unserer gemeinsamen Zeit als einen Menschen kennengelernt, der stets von einer inneren Unruhe angetrieben wurde. Immer auf der Suche nach dem Schlüssel für den nächsten Schritt. Das ist nicht so einfach im Amateurfußball. In Stinstedt versuchen wir Spieler neben dem Fußball auch im persönlichen Bereich weiterzuentwickeln, so dass Andre hier eventuell das ein oder andere für seine Laufbahn mitgenommen hat. Mich überrascht, positiv gemeint, der aktuelle Weg von Andre nicht wirklich, da ich glaube, dass er so „seinen Schlüssel“ finden wird", so der langjährige Coach der SG Stinstedt.

Er sammelte die Vereine wie andere Briefmarken. Als junger Torwart spielte er beim FC Bremerhaven, er war in Portugal aktiv, beim VSK Osterholz-Scharmbeck in der Landesliga, beim TSV Sievern, beim FC Hagen/Uthlede, in Imsum, beim FC Sparta Bremerhaven und zum Schluß beim TSV Düring. Verletzungsbedingt machte er nur noch wenige Spiele in Düring und trat 2017 die Nachfolge von Frank Schunke als Trainer in Düring an. Nach einem Jahr wechselte er in die Bezirksliga zum TV Langen, doch auch da wurde er nicht glücklich. Er zog die Reißleine und trat vor der Rückrunde von seinem Amt zurück.

„Ich habe auch viele Fehler gemacht“, sagt er rückblickend. „Ich würde nie wieder einen Verein übernehmen ohne eine Lizenz zu haben. Man lernt einfach so viel, was man nicht nur mit purer Leidenschaft ausgleichen kann.“ Als Trainer war er bei einigen Vereinen schon nach zwei Stationen „verbrannt“. Zu diesem Zeitpunkt hätte er sich nicht träumen lassen, dass er einmal Autogramme im Shopping Center der brasilianischen Stadt Cariacica geben darf, Radiointerviews gibt und ein örtlicher Fernsehsender einen Beitrag mit ihm plant.

Nach der Station beim TV Langen hospitierte er beim Regionalligisten FC Oberneuland unter Kristian Arambasic. „Kristian hat meine Sichtweise komplett verändert. Schade, dass ich ihn nicht früher kennengelernt habe, dann hätte ich viele Fehler vermeiden können. Wie er mit seinen Spielern kommuniziert, ist überragend. Ich erinnere mich noch daran, dass wir einmal bis nachts um 1.00 Uhr am Taktik-Board philosophiert haben. Ich habe von ihm sehr viel mitgenommen.“

Kein Lockdown

In Brasilien wird trainiert. An der Westküste haben auch die Restaurants geöffnet. In anderen Teilen des Landes grassiert das Virus sehr viel schlimmer. „Wahrscheinlich müssen wir ohne Zuschauer spielen. Das ist schade, aber wir sind glücklich, dass wir überhaupt unseren Sport ausüben dürfen“, sagt der Trainer.

Insgesamt fühlt er sich wohl im Land seiner Mutter. „Die Kriminalitätsrate ist in Brasilien schon höher, aber ich persönlich habe hier noch nie Probleme bekommen. Ich kann auch in Rio normal mit einer Uhr am Handgelenk durch die Straßen schlendern. Die Menschen hier sind religiöser und treten anderen Menschen mit viel Respekt und Liebe entgegen. Hier wird weniger gejammert als in Deutschland, auch wenn es nicht allen Menschen gut geht“, teilt Visser mit.

Zusammen mit Neymar in der Santos Academy

Bei 35 Grad und strahlendem Sonnenschein versammelt er die Spieler um sich. Am Morgen haben sie ihre Einheit im Fitnessstudio absolviert, die Nachmittagseinheit leitet der Coach selbst. Durchaus gestandene Profis lauschen den Anweisungen des Deutsch-Brasilianers, dessen Mutter hier geboren ist. Nur einer überragt ihn: Torhüter Gottfried Antônio Golz. Der 2,04 Hüne kam jüngst aus Griechenland zurück in sein Heimatland und heuerte beim RBAC an.
Er lässt Spielformen üben, unterbricht immer wieder und erklärt. Er fordert seine Spieler- nicht nur körperlich. Taktisch haben viele Spieler noch Defizite, aber "athletisch sind das Maschinen", sagt Visser. In der vierwöchigen Vorbereitung sind drei Testspiele und ein Trainingslager angesetzt.

Paulinho ist einer der erfahrensten Spieler. Viele Jahre spielte er in der Serie A bei Flamengo Rio de Janeiro und dem Heimatverein Pelés FC Santos. An der Seite von Ex-Inter Star Gabriel Barbosa und dem auch in Deutschland bekannten 101-maligen Nationalspieler Paolo Guerrero kickte er für die wohl bekanntesten Vereine Brasiliens. Ebenfalls beim FC Santos war Geovane Batista Loubo unter Vertrag. Bevor er von Arsenal London nach Europa gelotst wurde, spielte er mit einem gewissen Neymar da Silva Santos Júnior in einem Team. „Die beiden telefonieren heute noch häufig und es ist ein bisschen unwirklich, wenn ich mitbekomme, dass da einer der besten Spieler der Welt am anderen Ende ist“, lacht Visser.





Videoanlysten, Ernährungsberaterin und zwei Co-Trainer

Sein Team sei athletisch stark, technisch top ausgebildet, aber an der Taktik hapert es noch. „Das wird meine Aufgabe sein. Wenn die Spieler meine Pläne umsetzen, werden wir auch erfolgreich sein.“

Der gebürtige Bremerhavener kann sich dabei voller Unterstützung gewiss sein. „Hier läuft alles professionell ab. Ich habe einen Torwarttrainer, zwei Co-Trainer, Videoanalysten, eine Ernährungsberaterin und einen Athletiktrainer im Trainerstab. Die sozialen Medien wie Instagram und Facebook werden täglich bespielt und jeder hat seine Aufgabe im Verein.“

Visser selbst lebt auf Vereinskosten im Hotel. Aus dem Fenster hat er einen direkten Blick aufs Stadion. Zu seinem Haus nimmt er eine zweistündige Autofahrt auf sich. „Leider führt keine Autobahn zu meinem Wohnort“, stellt er fest, aber die Fahrten stören ihn nicht: „Die Zeit vergeht wie im Flug, ich lebe gerade meinen Traum.“ Er sieht seine Zukunft auch weiterhin im Land des fünfmaligen Weltmeisters, selbst wenn tatsächlich ein gutes Angebot aus Deutschland kommen sollte: "Ich bin ja nicht wegen des Fußballs nach Brasilien gekommen. Dass es alles so gekommen ist, ist sicherlich auch etwas Zufall und Glück. So ehrlich muss man auch sein."

Kontakt nach Deutschland hat er mittlerweile wenig. „Mit meinen ehemaligen Schützlingen Christopher Döscher und Michael Johnson tausche ich mich in einer WhatsApp Gruppe aus und mit dem Fußballabteilungsleiter vom TV Langen, Mario Reichow, pflege ich noch engen Kontakt. Da ist seit meiner Zeit am Nordeschweg eine richtige Freundschaft entstanden.“

Die letzte Saison endete für Rio Branco im Dezember und das Team steht nun mitten in der Vorbereitung. Das erste Testspiel hat Vissers neue Mannschaft mit 7:1 gegen einen unterklassigen Gegner gewonnen.
Am 27. Februar startet die Saison für die komplett neu zusammengestellte Mannschaft mit einem Heimspiel gegen São Mateus. Auch wenn Visser bereits seit mehreren Wochen für den Klub arbeitet, ist der Pflichtspielauftakt der offizielle Start in sein neues Leben - seinen gelebten Traum in Brasilien.



Fotos: Rio Branco AC
Videos: Rio Branco AC
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20562 Aufrufe15.2.2021, 08:35 Uhr
FuPa Lüneburg/ HarneitAutor

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