Neun Spiele, neun Siege: Beim Bezirksliga-Aufsteiger Wasserburg gibt es viel zu feiern. (Foto: Hübner)
Neun Spiele, neun Siege: Beim Bezirksliga-Aufsteiger Wasserburg gibt es viel zu feiern. (Foto: Hübner)

Wasserburg: Von der A-Klasse bis zur Spitze der Bezirksliga

Der Aufsteiger startet durch

Kein anderer Verein im heimischen Amateurfußball ist so erfolgreich in die Saison gestartet wie der Bezirksliga-Aufsteiger TSV Wasserburg. Neun Spiele, neun Siege. Nun steht das Team sogar vor dem direkten Durchmarsch aus der A-Klasse in die Landesliga. Der Trainer aber bleibt am Boden.

Es war einer dieser Abende, die man später gern als legendär beschreibt. Ob er sogar mal als historisch gelten wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Jedenfalls wird man an ihn erinnern, sollte im Mai nächsten Jahres wirklich der vierte Aufstieg in Folge gefeiert werden, der TSV 1880 Wasserburg Landesligist sein.

Dann wird man von diesem 25. August erzählen, weil er vielleicht so etwas wie der Knackpunkt war. An diesem Sommerabend schien die stolze Serie des Aufsteigers nach sechs Siegen in sechs Spielen zu reißen, 0:3 lag man zur Pause zurück gegen Dorfen. Am Ende aber stand der siebte Sieg im siebten Spiel, 5:3 hatte man schließlich gewonnen.

Und wer nun fragt, wie das möglich war, der muss sich nur das Video anschauen auf der Internetseite des Vereins, vor allem die Sekunden nach dem 3:3. Als das Stadion Kopf stand, sich alles auf Hamit Sengül stürzte, den Torschützen, rannte Dominik Haas ins Tor, holte den Ball. Ein Remis, das reichte ihm nicht, auch nicht nach einem 0:3-Rückstand. Der Kapitän wollte nun den Sieg, unbedingt.

„Irgendwie typisch für meine Mannschaft“, sagt Leo Haas, der Trainer. „Die wollen, die wollen immer gewinnen.“ Dabei hat Dominik, Leos Bruder, schon viel erlebt im Fußball, zweimal war er deutscher A-Jugendmeister mit den Bayern, hat mit Lahm und Schweinsteiger gespielt, später stand er im Zweitligakader von Unterhaching. Als er sich gegen den Profifußball und für ein Studium entschied, spielte er noch hochklassig in Heimstetten und Rosenheim. Vor drei Jahren ist der heute 33-Jährige der fixen Idee verfallen, in Wasserburg, nahe seines Elternhauses, etwas aufzubauen. Gemeinsam mit Georg Haas, seinem Cousin, Niki Wiedmann, ausgebildet bei Mainz 05, und Matthias, dem jüngsten der Haas-Brothers, der vor zehn Jahren an der Seite von Toni Kroos Platz drei bei der U17-Weltmeisterschaft in Südkorea erreicht hatte.

Spieler mit Regionalliga-Erfahrung

Eine illustre Truppe, die sich da zusammengetan hatte, um den TSV Wasserburg aus der A-Klasse zumindest dorthin zurück zu führen, wo er viele Jahre spielte. Als Bezirksoberligist genoss der Verein nicht den besten Ruf, er galt als nicht gerade sympathisch, viel Geld soll dort geflossen und schließlich verbrannt worden sein. Der Absturz war die logische Folge.

Noch heute habe man ein bisschen zu kämpfen mit der Vergangenheit. Auch wenn die Geldquellen längst versiegt sind, gibt es noch immer ein paar Spieler, die glauben, hier ließe sich gut verdienen und sich dann enttäuscht anderweitig orientieren müssen. „Am Ende haben wir aber die bekommen, die wir haben wollten“, Leo Haas spricht nun von einer „guten Mischung“, holte zu den Erfahrenen junge, entwicklungsfähige Leute, „die Charakter haben“, die hier viel lernen können von Fußballern wie den Haas-Brüdern oder Hannes Hain und Michael Pointvogel, die auch schon Regionalliga gespielt haben.

Und natürlich von Leo, dem Trainer. Leo Haas wurde bei 1860 und Bayern ausgebildet, spielte als Profi beim HSV, bei Augsburg und viele Jahre in Fürth. Als er vor zwei Jahren seine Karriere in Rostock beendete, kehrte er zurück in die Heimat und bestritt auch ein paar Kreisligaspiele mit seinen Brüdern. Doch die langen Profijahre haben ihren Tribut gefordert, der Körper macht Probleme. Im letzten Winter übernahm er dann das Traineramt von Christian Haas, seinem Onkel, der nun als sportlicher Leiter fungiert.

„Ein idealer Einstieg“, sagt Leo, zumal er ihn gleich mit dem Aufstieg krönen konnte, dem dritten in Folge für Wasserburg. Dass man, obwohl lange an der Tabellenspitze, den Umweg über die Relegation nehmen musste, sieht der Trainer heute eher positiv, „wir mussten voll ans Limit gehen, das hat uns als Team erst richtig zusammengeschweißt.“ Nach dem entscheidenden Spiel in Taufkirchen wurde daheim auf dem Marienplatz gefeiert, mit einer „Wahnsinns-Pyroshow des Fanclubs“, wie auf der Internetseite des Vereins zu lesen ist. „Ja“, sagt Leo Haas, „es ist schon so etwas wie eine Euphorie zurück in der Stadt“, die Leute sehen, „dass wir einen guten Fußball spielen.“ Und dass die Mannschaft alles gibt für den Erfolg.

Familienprojekt Haas

Der ist ganz eng verbunden mit dem Namen Haas. Neben den drei Brüdern, dem Onkel und dem Cousin sind auch die Ehefrauen von Leo und Dominik eng eingebunden, erstellen Fotos und professionelle Videos oder kümmern sich um den Kiosk. Aber auch Niki Wiedmann, Mitinitiator des Projekts, Hannes Hain, der sich seit kurzem Doktor nennen darf, und Michael Pointvogel sind zu wichtigen Pfeilern geworden, mit Andrija Bosniak kam im Sommer ein Torjäger aus Kroatien, „zugelaufen“ sei er ihnen, sagt Leo Haas. Und passt nun perfekt ins System.

Leo Haas hat nach dem Ende seiner Profikarriere eine Ausbildung zu Physio gemacht, das Trainerdasein aber bereitet ihm so viel Spaß, dass er „weiter in Richtung Fußball“ gehen will. Wenn er all die Trainer aufzählt, von denen er lernen durfte, sind viele klangvolle Namen dabei, Kurt Niedermayer, Hermann Gerland, Rainer Hörgl, Thomas Doll, Bruno Labbadia, Benno Möhlmann oder Mike Büskens, „von jedem kann ich was mitnehmen, von einigen auch, was man besser nicht machen sollte.“ Für den A-Schein ist er schon angemeldet, vorerst aber gilt seine ganze Konzentration dem TSV Wasserburg.

Der Ex-Profi lobt die für Amateure doch „sehr profihafte Einstellung“ seiner Jungs, glaubt, dass sich auch vieles aus dem bezahlten Fußball auch auf diesen Bereich übertragen ließe: „Natürlich nicht alles so ausführlich, wenn man nur zwei-, dreimal trainiert“, aber viele Inhalte können zumindest ansatzweise eingebaut werden. „Schön, wenn es dann im Spiel klappt“, das Führungstor im Spitzenspiel in Forstinning sei „genau so gewollt gewesen“.

Neun Spiele, neun Siege, die Arbeit scheint sich auszuzahlen. Vom Aufstieg aber will man in Wasserburg trotzdem noch nicht sprechen. Mit Recht. Vor zwei Jahre startete der SV Sulzemoos in der Bezirksliga Nord mit acht Siegen, gewann danach aber nur noch viermal und war am Ende Siebter. Der vierte Aufstieg in Folge wird kein Selbstläufer. „Unser Kader ist klein, da darf nicht viel passieren“, warnt Haas. Bei Rückschlägen aber wird man sich an den 25. August erinnern und daran, was mit Willenskraft alles möglich ist.

Aufrufe: 20.9.2017, 11:00 Uhr
Reinhard Hübner - Münchner Merkur Autor

Verlinkte Inhalte