Rotes Trikot - viel blaue Vergangenheit: Timo Gebhart ist vom TSV 1860 zum FC Memmingen zurückgekehrt.
Rotes Trikot - viel blaue Vergangenheit: Timo Gebhart ist vom TSV 1860 zum FC Memmingen zurückgekehrt. – Foto: Olaf Schulze

»Ich habe viele Fehler gemacht«: Das große Interview mit Timo Gebhart

Rückkehr nach Memmingen, Abschied von 1860, Blick auf die Karriere: Der 31-Jährige steht ausführlich Rede und Antwort

Er war der Königstransfer der Regionalliga Bayern im vergangenen Spätsommer: Der Fußball-affine Teil des Freistaats horchte auf, als der FC Memmingen stolz verkünden konnte, dass Timo Gebhart zu seinen Wurzeln zurückkehren wird. Jener Sohn der Stadt, der einst mit die größte Zukunftshoffnung des TSV 1860 München war, sämtliche Junioren-Nationalmannschaften durchlief und beim VfB Stuttgart die Bundesliga aufmischte. Aber der Ausnahmekönner war nie ein einfacher Charakter, stand sich oft selbst im Weg und so bleibt er auch vielen als unerfülltes Versprechen in Erinnerung. Verletzungen, aber auch Fehltritte kennzeichneten seine Laufbahn. Im großen FuPa-Interview blickt Timo Gebhart auf seine bewegte Karriere zurück und spart dabei auch nicht mit Selbstkritik.

FuPa: Timo, du erlebst gerade ein ganz neues Gefühl als Fußballer in der Dauer-Warteschleife. Fällt dir schon die Decke auf den Kopf oder genießt du es sogar, im Moment mehr Zeit für die Familie zu haben? Das kanntest du in der Vergangenheit so nicht.
Timo Gebhart (31): Die Pause dauert mittlerweile schon verdammt lange. Wir halten uns beim FCM mit diversen Apps fit. Das macht schon auch Spaß, aber es ist halt auf Dauer nicht das Wahre. Es kribbelt definitiv in den Füßen. Auf der anderen Seite genieße ich es tatsächlich, so viel Freizeit für die Familie zu haben. Wir können beispielsweise am Wochenende auch mal einen längeren Spaziergang machen, ohne dass ich ständig auf die Uhr schauen muss, weil ich eigentlich schon auf dem Sprung bin. Meine Tochter ist drei Jahre alt und war am Montag das erste Mal im Kindergarten. Schon komisch, wenn es zuhause plötzlich so still ist. (lacht)

Vom hektischen München zurück ins beschauliche Memmingen. Wie war für dich die Umstellung?
Ich habe auch vorher schon in Memmingen gelebt, nach München bin ich immer nur gependelt. Ich mag es einfach in einer Kleinstadt. Und sportlich: Ich kenne alle beim FCM, wohne fünf Minuten vom Vereinsgelände entfernt. Ich weiß wie alles läuft. Ich kann hier einer jungen Mannschaft helfen, diese Aufgabe gefällt mir sehr.

Du bist mit 31 immer noch in einem guten Alter, drei oder vier Jahre wären wohl in der 3. Liga noch drin gewesen. Warum der Cut und der Schritt zurück in die Heimat?
Das wollte ich ich meiner Familie nicht antun, wieder irgendwo neu anzufangen. Wir hätten wieder alles über den Haufen werfen müssen, hätten wieder umziehen müssen.

Der letzte Auftritt im Löwen-Trikot: Timo Gebhart (re.) im Duell mit Hachings Jim-Patrick Müller am 27.06.2020.
Der letzte Auftritt im Löwen-Trikot: Timo Gebhart (re.) im Duell mit Hachings Jim-Patrick Müller am 27.06.2020. – Foto: Leifer

Den TSV 1860 München musstest du im Sommer nach wochenlanger Ungewissheit durch die Hintertür verlassen. Ein paar warme Abschiedsworte gab`s erst zu einem viel späteren Zeitpunkt hinterhergeschickt. Stilvolle Verabschiedung geht anders. Hat dir das wehgetan?
Nein, das würde ich nicht behaupten. Ich bin weder sauer noch beleidigt auf Sechzig. Es war sicher auch wegen Corona alles andere als einfach. Die Löwen wussten lange selbst nicht, was machbar ist und was nicht. Jetzt ist es eben so, wie es ist.

Du hast einmal über Sechzig gesagt: "Jeder Spieler hat einen Verein in seinem Leben, den er liebt und für den er auf wie neben dem Platz alles tun würde." Wie würdest du heute dein Verhältnis zu den Löwen beschreiben?
Mein Verhältnis zu den Löwen ist absolut intakt. Ich hege keinen Groll, habe nach wie vor viel Kontakt und bin dem Verein dankbar. Wenn es wieder möglich ist, werde ich auch sicher mal wieder im Stadion zu einem Spiel vorbeischauen. Ich freue mich auf die Fans und viele Bekannte.

Die vielen Verletzungen machten ihn mürbe.

Auch dein drittes Engagement beim Giesinger Kultklub war immer wieder von gesundheitlichen Problemen gekennzeichnet. Verletzungen haben sich wie ein roter Faden durch deine Karriere gezogen.
Das hat mich auch auf gewisse Weise ausgebrannt. Du kommst da in eine Negativspirale rein. Je öfter du verletzt bist, desto anfälliger wird dein Körper. Es wurde mit der Zeit auch ein großes Kopfproblem. Ich bin ein Kämpfertyp, habe mich nach jeder Verletzung wieder zurückgebissen. Aber das immer und immer wieder zu betreiben, das macht dich mürbe. Verletzung, Pause, rankämpfen, spielen - und dann ging`s wieder von vorne los. Du kommst nie in einen Rhythmus. Und auch wenn es im Training so scheint, als wärst du topfit, Wettkampf ist doch noch einmal was ganz anderes. Dass ich kicken kann, wusste ich. Aber ich habe dann gemerkt, dass ich ab der 60. Minute immer abbaute und nicht mehr so fit war.

Du hast international gespielt, hast alle U-Nationalteams durchlaufen. Aber: Wäre mit deinem Talent nicht vielleicht noch mehr möglich gewesen?
Mittlerweile bin ich mit mir im Reinen, ich heule nichts mehr hinterher. Dennoch: Ich weiß, ich habe viele Fehler gemacht. Freilich sinniere ich auch oft darüber, was wäre gewesen, wenn. Wenn ich zum Beispiel mehr auf meinen Körper gehört hätte. Das würde ich heute definitiv anders machen. Zudem war ich immer ein Typ, der seine Meinung gesagt hat und mit nichts hinter dem Berg hielt. Ganz abgesehen davon, dass ich auch einfach oft Mist gebaut habe. Aber hey, jetzt kann ich den Leuten in Memmingen zumindest einiges erzählen. (lacht) Wäre ich in einigen Situationen bedachter vorgegangen, wer weiß, vielleicht würde ich jetzt hier stehen, auf 300 Bundesligaspiele und eine Karriere in der A-Nationalmannschaft zurückblicken.

Seine sportlich beste Zeit erlebte Timo Gebhart (li.) beim VfB Stuttgart.
Seine sportlich beste Zeit erlebte Timo Gebhart (li.) beim VfB Stuttgart.

Trotz Bundesliga: Warum Buchbach zu seinen Karriere-Highlights zählt.

Anfang 2009 ging`s für dich zum VfB Stuttgart. Mit den Schwaben warst du über drei Jahre erfolgreich in Bundesliga unterwegs. Was würdest du sagen, hattest du beim VfB die beste Zeit deiner Karriere?
Fußballerisch war es in Stuttgart schon die beste Zeit. Europacup-Spiele, das hat schon was. Aber ich denke auch immer ganz gerne an meine ersten Spiele in der Regionalliga zurück. Oder mit 1860, als wir zum Beispiel in Buchbach gespielt haben. Da war alles voll, die Zuschauer haben regelrecht um Karten gekämpft. Und natürlich ein volles Grünwalder Stadion, das hat schon was, keine Frage.

Deine schwierigste Phase hattest du wohl in Nürnberg, oder? Zu den Verletzungssorgen gesellten sich private Probleme. Du musstest dich vor Gericht verantworten.

(Anm.d.Red: Timo Gebhart wurde 2015 vom Amtsgericht Nürnberg wegen Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt)

Ganz klar, das was vorgefallen ist, war scheiße. (nachdenklich) Die langwierige Verletzung an den Leisten hat mich mitgenommen. Das war eine sehr schwierige und kritische Phase in meinem Leben. Anschließend wurde es nicht einfacher. Ich war ewig verletzt und dann diese Sache vor Gericht. Es war verdammt schwierig, einen neuen Verein zu finden. Dabei ist der 1. FC Nürnberg ein toller Klub mit geilen Fans. Auch privat war sicher nicht alles schlecht, ganz im Gegenteil. Ich habe meine jetzige Frau kennengelernt.

Verletzungssorgen und private Probleme: Seine Zeit beim "Club" ging für Timo Gebhart (li.) unschön zu Ende.
Verletzungssorgen und private Probleme: Seine Zeit beim "Club" ging für Timo Gebhart (li.) unschön zu Ende. – Foto: Getty Images

Du wirst im April 32. Hast du mit dem Profigeschäft abgeschlossen?
Nicht ganz, denn im Moment betreibe ich Fußball noch professionell. Ich gehe voll und ganz auf in meiner Rolle in Memmingen und bin mit dem Kopf zu 100 Prozent hier. Es hat mich auch unheimlich gefreut, dass ich gleich zum Kapitän ernannt worden bin. Ich traue mir zu, hier einiges bewegen zu können. Zunächst einmal ist es extrem wichtig, dass wir mit der jungen Mannschaft den Klassenerhalt schaffen. Das wird schwer genug. Aber ich bin zuversichtlich, weil wir ein tolles Trainerteam haben.

Letzte Frage Timo: Wie stellst du dir beruflich wie privat deine Zukunft vor?
In nächster Zeit wollen wir hier in Memmingen bleiben. Was in ein paar Jahren ist, kann ich nicht sagen, man weiß ja nie. Ich will noch ein paar Jahre Fußball spielen. Was dann kommt? Vielleicht werde ich Trainer, Berater oder eröffne eine Fußballschule - wir werden sehen. Ich möchte auf alle Fälle dem Fußball erhalten bleiben.

Das Interview führte Mathias Willmerdinger.

17309 Aufrufe24.2.2021, 13:00 Uhr
Mathias WillmerdingerAutor

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