Verzay nach Elfmeter: "Moralisch komische Sache"

Treburs Trainer Dennis Verzay über den entscheidenden Elfmeter in Raunheim +++ Raunheimer seien "selbst Schuld an dem Quatsch"

Raunheim/Trebur. Für Gesprächsstoff sorgte am Sonntag in der A-Liga der 1:0-Siegtreffer der SG Trebur-Astheim im Topspiel beim SV 07 Raunheim. Ein Raunheimer hatte in der Annahme, das Spiel sei unterbrochen, weil ein Mitspieler verletzt auf dem Boden lag, in der 87. Minute im Strafraum den Ball in die Hand genommen. SG-Trainer Dennis Verzay wollte, dass der fällige Elfmeter absichtlich verschossen wird. Doch Serdar Anik verwandelte und schoss die Gäste an die Tabellenspitze. Im Interview erklärt Verzay die spielentscheidende Situation und seinen spontanen Gedanken: „Eigentlich müssten wir verschießen.“

Herr Verzay, wie haben Sie die 87. Minute in Raunheim erlebt?

Zunächst tat mir der Raunheimer leid, der den Ball in die Hand nahm, weil seine Mitspieler und die Zuschauer entsprechend böse reagiert haben. Der sah seinen verletzten Mitspieler und wusste wahrscheinlich gar nicht, was er machen soll. Solange der Schiri nicht pfeift, läuft das Spiel weiter, es war also ein klarer Elfmeter. Ich war dann dafür, dass wir den Elfer verschießen oder dem Torwart in die Hand spielen – rein aus Fair-Play-Gründen. Aber ich kann meinen Spielern keinen Vorwurf machen, denn es war sehr tumultig.

Was heißt das?

Der eigentliche Elfmeterschütze, Lukas Behnke, wollte nicht schießen, dafür hat sich Serdar Anik den Ball genommen. Das haben die unter sich ausgemacht, was okay ist. Es ist ganz blöd gelaufen – ein Kommunikationsproblem.

Aber Sie wollten mit so einem Tor nicht gewinnen?

Ja, als Sportler will man anders gewinnen, sodass überhaupt nicht dran zu rütteln ist. Wir wollten unbedingt Tabellenführer werden und haben das Spiel 80 Minuten kontrolliert, der Sieg war also verdient. Aber aus so einer unglücklichen Situation heraus ist das moralisch eine komische Sache.

Wie waren die Reaktionen des Gegners?

Den Sportlichen Leiter Oualid Mokhtari kenne ich länger, er hat mir persönlich gesagt, dass er das gut fand von mir. Ich habe ihm gesagt: Ihr seid selbst schuld an dem Quatsch. Der gute Schiedsrichter hatte keinen Grund abzupfeifen, denn der Raunheimer ist umgeknickt, da war kein Foul vorher. Und er hatte keine andere Wahl als Elfmeter zu pfeifen.

Ist Fair Play generell ein hoher Wert für Sie?

Ja. Ich war schon als Spieler immer fair, habe mich nach Fouls entschuldigt oder auch mal eine Entscheidung für Ecke oder Abstoß korrigiert. Das gehört dazu und das haben wir viel zu wenig im Amateursport. Speziell im Raum Groß-Gerau erlebe ich ganz viele unschöne Dinge.

Was?

Da wird verbal von Mannschaften und Funktionären auf den Schiedsrichter ausgeübt, und viele haben nicht den Mut, sich dagegen zu stellen, sondern lassen sich einschüchtern. Ich sage meinen Spielern: Wir müssen hart sein im Zweikampf, aber es gibt auch Grenzen. Die werden im Amateursport oft überschritten. Weniger bei Fouls als vielmehr bei der verbalen Kommunikation. Fair Play sind für mich kleine Gesten. Klar will ich gewinnen, aber nicht um jeden Preis. Wir haben auch eine Vorbildfunktion gerade für die Jüngeren in der Mannschaft und die, die draußen zuschauen.

Wäre es der letzte Spieltag gewesen und Sie hätten noch einen Sieg zur Meisterschaft benötigt, wären Sie auch dafür gewesen, den Elfmeter absichtlich zu verschießen?

Nein, da bin ich ehrlich. Für einen Aufstieg muss alles passen, meine Mannschaft muss ein Jahr lang in jedem Spiel ans Limit gehen, um oben ein Wörtchen mitreden zu können. Wenn man das ein Jahr gemacht und es verdient hätte, Meister zu werden, hätte ich gesagt: Macht das Ding rein!

Das Interview führte Heiko Weissinger.


Zur Person

Dennis Verzay (42) hat das Fußballspielen bei der TSG 51 Frankfurt und ab der E-Jugend bei Eintracht Frankfurt gelernt, wo er als Aktiver für das Amateurteam spielte- Danach war er von der Regionalliga bis zur B-Liga aktiv, unter anderem bei Spvgg. Bad Homburg, FSV Steinbach, Spfr. Seligenstadt, Teutonia Hausen, VfR Groß-Gerau und SV 07 Geinsheim. Als Coach betreute der in Darmstadt wohnende Vertriebskaufmann vor der SG Trebur-Astheim die Gruppen- und Kreisoberligisten FSV Steinbach, TSG Neu-Isenburg, Susgo Offenthal und den VfR Groß-Gerau.

Aufrufe: 017.9.2021, 13:30 Uhr
Heiko WeissingerAutor

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