
Der 51-Jährige lässt sich von seiner chronischen Erkrankung nicht aufhalten. Für seinen Einsatz erhielt er den Inklusionspreis der Stadt Germering.
Germering – Wenn Sandro Zedde an der Seitenlinie steht und seinen Spielern Anweisungen gibt, ist das ein alltägliches Bild. Nichts unterscheidet den Trainer der B-Junioren des SV Germering auf den ersten Blick von anderen Kollegen. Kaum zu erkennen ist, dass der 51-Jährige seit seiner Jugend an Multipler Sklerose erkrankt ist. „Beim Fußball blende ich es aus“, sagt Zedde. Er ist ein Kämpfer – eine Haltung, die im November von der Stadt Germering mit dem Inklusionspreis gewürdigt wurde.

Diese Einstellung hilft auch im Trainingsalltag, Hürden zu überwinden. Übungen selbst vorzuführen, ist für Zedde nicht möglich, da er auf Krücken angewiesen ist. Nur in der eigenen Wohnung, wo er sich sicher fühlt und die Wege vertraut sind, verzichtet er weitgehend auf das Hilfsmittel. Dafür erklärt er die Abläufe umso genauer, macht mit Worten bildlich verständlich, was er erwartet. Dann führen ausgewählte Spieler die Übungen vor. „Es sind immer wieder andere“, betont Zedde. Bevorzugt werde niemand. „Die Jungs kommen damit gut klar.“
Beim Fußball blende ich die Krankheit aus.
Fußballtrainer Sandro Zedde
Das gilt auch für seinen 16-jährigen Sohn Fabio, der ebenfalls bei den Germeringer B-Junioren spielt. Einen Satz hebt der Vater besonders hervor: „Papa, du zeigst, dass man trotz Krankheit etwas erreichen kann.“ Worte, die Zedde sichtbar Halt geben – ebenso wie der Rückhalt seiner Frau Daniela. Die beiden lernten sich 2007 kennen und heirateten 2015.
Sie war es auch, die ihm Mut machte, sich ärztlich behandeln zu lassen. Lange Zeit hatte Zedde seine Krankheit verdrängt, vor allem als Jugendlicher. Mit 18 Jahren wurde bei ihm MS festgestellt. „Ich habe das verheimlicht, weil ich die Krankheit damals als Schwäche angesehen habe.“ Nur die Familie wusste Bescheid, später auch „seine“ Daniela.
Dass er sich nicht jedem offenbarte, habe ihm eine unbeschwerte Jugend ermöglicht, sagt Zedde. Treffen mit Freunden, Partys – all das sei für ihn wichtig gewesen. Auch die Leidenschaft für den Fußball blieb. Mit acht Jahren begann er beim SV Germering, einen Höhepunkt erlebte er 1988 als 14-Jähriger, als er Torschützenkönig wurde. Später versuchte er den Sprung in die Herrenmannschaft, die damals von Trainerlegende Hans Stiller betreut wurde, fand dort aber keinen rechten Anschluss.
Zedde wechselte zum SC Schöngeising, erlitt dort 1996 einen Kreuzbandriss und stellte sich im Anschluss unter anderem beim BSC Sendling ins Tor. Parallel hatte er sich als geprüfter Automobilverkäufer ein berufliches Standbein aufgebaut. 2019 musste er diese Tätigkeit jedoch aufgeben: Die Krankheit machte sich stärker bemerkbar, mit Taubheitsgefühlen von den Knien abwärts. Seitdem ist Zedde Erwerbsrentner. Gedanken wie „Warum gerade ich?“ kenne er durchaus, räumt er ein. Doch sie würden ihn nicht runterziehen. Er sehe sich als stabile Persönlichkeit – auch dank der Unterstützung seiner Familie.
Fußball begleitet ihn weiterhin, auch abseits des Platzes. Zedde fiebert mit, wenn Juventus Turin um die Champions-League-Plätze kämpft, und leidet mit TSV 1860 München bei deren Anläufen Richtung Zweite Bundesliga. „Ich lebe Fußball und ich liebe Emotionen“, sagt Sandro Zedde. (Hans Kürzl)