Wer derzeit Fußball spielen möchte, kann es durchaus mit der Polizei zu tun bekommen - Deutschland im Frühjahr 2021.
Wer derzeit Fußball spielen möchte, kann es durchaus mit der Polizei zu tun bekommen - Deutschland im Frühjahr 2021. – Foto: Montage FuPa

Tatort Bolzplatz: Wenn Fußballspielen zum Verbrechen wird

Ein Kommentar zum Sportverbot im Freien von FuPa-Redakteur Mathias Willmerdinger

Am vergangenen Sonntag haben neun Männer im niederbayerischen Bogen laut eines Berichts des Portals "Idowa" eine Anzeige der Polizei kassiert. Ihr Vergehen: Sie haben Fußball gespielt.

Ein Kommentar dazu von FuPa-Redakteur Mathias Willmerdinger

Deutschland im Frühling 2021: Fußball spielen ist zum Verbrechen geworden.

Ja, es empfiehlt sich, diesen Satz zweimal zu lesen, um ihn in seiner totalitären Wucht zu verinnerlichen. Es lässt einen erschaudern. Ein Szenario, wie es sich nicht mal George Orwell in seinem düsteren Klassiker "1984" ausgemalt hatte. Die Politik versündigt sich gerade an der Gesellschaft. Das Sportverbot im Freien ist mit der himmelschreiendste Murksbeschluss der Regierung, deren Maßnahmen über ein Jahr nach dem ersten Lockdown hilfloser denn je wirken und immer mehr ins Absurde abdriften.

Bewegung an der frischen Luft ist gut für Körper und Geist. Generationen sind mit diesem unverrückbaren gesellschaftlichen Konsens aufgewachsen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Deutschland auf dieser Basis die ersten Sportvereine gegründet. US-Wissenschaftler haben längst belegt: Wer sich sportlich betätigt, senkt das Risiko eines schweren Corona-Verlaufs deutlich. Aerosolforscher betonen immer wieder, dass das Ansteckungsrisiko im Freien gen Null tendiert. Diese Wissenschaftler werden aber geflissentlich ignoriert. Die Deutungshoheit in der Bundesrepublik hat einzig und allein das sakrosankte RKI. Und was macht die hiesige Politik? Der Bundesregierung fällt allen Ernstes nichts anderes ein, den Bürgern vorzuschreiben, sich zuhause zu verbarrikadieren. Lösungsansätze wie im Mittelalter. Und Sporttreibende im Freien bekommen's mit der Polizei zu tun. Warum die Bundes-, aber auch die Landesregierung in Bayern den Sport so vehement als Problem sieht und komplett als überflüssig erachtet, darüber kann man nur rätseln.

Am gestrigen Dienstag konnte sich die Bayerische Staatsregierung nach großem öffentlichen Druck zumindest dazu durchringen, dass es nun auch wie im übrigen Bundesgebiet Kindern unter 14 Jahren erlaubt ist, in Kleingruppen von bis zu fünf Personen kontaktlos Sport zu treiben - auch in Kommunen mit einem Inzidenzwert über 100. Man sollte sich aber nicht blenden lassen, der große Wurf ist das freilich nicht. Für Mannschaftssportarten ändert sich dadurch herzlich wenig.

Die Corona-Pandemie ist eine große Herausforderung unserer Zeit, keine Frage. Aber eben nicht die einzige. Gnadenlos werden alle Bereiche des öffentlichen Lebens ausgeschaltet, um teils willkürlich festgelegte Inzidenzwerte zu senken. Mögen die Kollateralschäden noch so groß sein. Kinder werden seit Monaten in ihrem Bewegungsdrang massivst eingeschränkt, ja fast eingesperrt. Sportplätze und -hallen, alles geschlossen. Vor allem für die Kleinsten ist der Sport in der Gruppe so fundamental wichtig. Oder hat schon mal jemand einen Siebenjährigen joggen oder auf dem Rennrad fahren sehen? Der Hinweis der Politik, die Menschen könnten sich doch auch im Garten betätigen, ist an Hohn kaum zu überbieten. Ganz abgesehen davon, dass viele gar keinen Garten besitzen, muss man sich die Frage stellen: Ist in den Schaltzentralen der Macht jeglicher Sinn für die Realität verloren gegangen?

Forscher warnen eindringlich vor verheerenden mentalen und körperlichen Spätfolgen für die Heranwachsenden. Die Bundesregierung hat die Pflicht, alles dafür zu tun, dass Sportplätze, -hallen, oder auch Schwimmbäder so schnell wie möglich öffnen können. Die Hygienekonzepte liegen vor, daran dürfte es nicht scheitern. Jetzt muss endlich auch der Wille erkennbar sein, die Menschen wieder aus ihrer körperlichen wie geistigen Lethargie zu holen und in Bewegung zu versetzen. Sportvereine brauchen endlich wieder eine Perspektive! Aus einer Gesellschaft ohne Bewegung wird eine kranke Gesellschaft werden. Orthopäden und Fachärzte werden sich in Zukunft vor Terminanfragen nicht mehr retten können. Und: Ein Staat, der seine Gesellschaft daran hindert, Freude an Bewegung zu haben, verliert seine Legitimität.

Als der erste Schreck am Sonntag verflogen war, werden sich die neun "Schwerverbrecher" von Bogen wohl gedacht haben: Gott sei Dank, morgen ist wieder Arbeit! In großen Industriebetrieben oder auf Baustellen "gibt`s nämlich kein Corona"...


40723 Aufrufe28.4.2021, 04:00 Uhr
Mathias WillmerdingerAutor

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