
Wiesbaden. Von den Kassenhäuschen am Eingang Berliner Straße geht es direkt zu einer Stehplatz-Ecke im Helmut-Schön-Sportpark, in der sich in den 1980ern zu den Heimspielen des SV Wiesbaden stets ein kleiner Zuschauer-Pulk versammelte. Da wurde gefrotzelt ohne Ende, aber es waren beinahe Liebesbekundungen – kein Vergleich zu dem, was heute auf manchen Plätzen von draußen reingerufen wird. In jener Zeit, als der Sportverein unter Trainer Hartmut Freudenberg 1985/86 als Landesliga-Meister in die Oberliga kletterte, ertönen nicht selten die Rufe „Risiko“. Sie galten einem ganz besonderen Spieler im SVW-Trikot, der nun im Alter von 72 Jahren verstorben ist.
Eleganz und Lässigkeit, die nie in Arroganz mündete
Horst Dingler interpretierte die Rolle des letzten Mannes mit einer Eleganz und Lässigkeit, die aber nie in Arroganz mündete. Es war sein Stil. Und bei so einigen gewagten Dribblings vor dem eigenen Kasten, die auch den Puls von Keeper Arno Hand erhöht haben dürften, kam der lautstarke Kommentar von den eingefleischten Fans aus besagter Stehplatz-Ecke. „Riiiiiisiiiiiiko“, das war kein Schmähruf, sondern ein indirektes Kompliment für Horst Dingler, der schon in der Landesliga brillierte und dem jegliche Nervosität völlig fremd schien, im folgenden Spieljahr sich den Ruf des „Beckenbauers der Oberliga“ erwarb.
Wo andere hingelaufen sind, stand er
„Wo andere hingelaufen sind, da stand er schon. Er war technisch super, hat so elegant Fußball gespielt und war ab und an dem Risiko nicht abgeneigt“, erinnert sich der heutige SVW-Vorsitzende Markus Walter, der seinerzeit in der SVW-A-Jugend spielte, auch mal ins Training der Aktiven reinschnuppern durfte. Und zu jener Zeit in den 1980ern eine Kameradschaft verspürte, „die ihresgleichen suchte“. „Er hätte mehr aus seinem Potenzial machen können. Doch für ihn musste auch immer der Spaß am Spiel dabei sein“, sagt Markus Walter.
Arno Hand verbindet positive Gedanken mit Horst Dingler
„Es hat einfach Spaß gemacht, mit ihm zu spielen. Mit ihm sind für mich sehr schöne, positive Gedanken verbunden“, würdigt auch Arno Hand das Auftreten von Horst Dingler – auf und außerhalb des Platzes. Oft ging es ins Treibhaus in die Klarenthaler Straße zur dritten Halbzeit. Oder beim Weinfest wurde der Brunnen vor dem Landtag zum Stammplatz der SVWler. Mit Horst Dingler und dem ihm eigenen Humor.
Bei Nassau fing alles an, auch SG Germania prägende Station
Bei der Spvgg. Nassau hatte es für ihn mit dem Fußball angefangen. Die Germania wurde später ebenfalls eine prägende Station. Mit seinem 2020 verstorbenen Vater Alfred Dingler und seinem Bruder Alfred junior. Papa Dingler hatte zuvor als Zweitliga-Spieler das SVW-Trikot getragen, ehe Horst Dingler mit seinen Pirouetten vor dem eigenen Strafraum die Fans gleichermaßen in Wallung, Entzücken und Entsetzen versetzen konnte.
Beruflich bei der Firma Reichwein verwurzelt
Der coole Libero, beruflich über Jahrzehnte bei der Firma Reichwein verwurzelt, war ein Garant für heiße Szenen – ein ganz feiner Fußballer, der seinen Mitspielern und den SVW-Anhängern dieser Phase in Erinnerung bleibt. Als ein besonderer Fußballer in einer erfolgreichen Phase des Traditionsvereins.