Der SV Uffing kämpft mit allen Mitteln gegen den Abstieg.
Der SV Uffing kämpft mit allen Mitteln gegen den Abstieg. – Foto: Andreas Mayr

Kreisliga: Abstiegskampf am grünen Tisch - Vereine verärgert

Vereine aus Weilheim schießen gegen Quotientenregel des BFV.

Die Quotientenregel des BFV sorgt in mehreren Landkreisen Bayerns für Unruhe. Wegen ihr droht nun mehreren Kreisligisten der Abstieg.

Landkreis – Es ging um mehr als nur um drei Punkte. Erst im Nachhinein stellte sich heraus, dass der SV Polling und der SV Uffing ein Endspiel absolvierten, als sie sich am 11. Oktober vergangenen Jahres gegenüberstanden. Mit einem 3:0-Erfolg hielten die Pollinger den Rivalen vom Staffelsee nicht nur in der Tabelle auf Distanz, sie schossen ihn nach Lage der Dinge auch in die Kreisklasse. „Wenn wir nicht angetreten wären, würde es anders ausschauen“, stellt Klaus Staltmeier, Abteilungsleiter der Uffinger Fußballer, klar. Diese Niederlage hat vermutlich den Abstieg für sein Team besiegelt. 17 Punkte aus 17 Spielen lautet die Bilanz seiner Mannschaft. Mit dieser Ausbeute kommt der Sportverein nicht über den 13. und damit vorletzten Platz in derKreisliga 1 hinaus. Denn Polling hat in 18 Begegnungen 21 Punkte erwirtschaftet und ist damit Zwölfter. Auch ohne das Spiel aus dem Oktober hätte sich am vorläufigen Tabellenstand nichts geändert. Doch Uffing hätte ohne die Partie in Polling (16 Spiele/17 Punkte) einen besseren Quotienten gehabt als das Team aus dem Klosterdorf (17 Spiele/18 Punkte).

So weit, so gut. Wird die Saison in Bayern allerdings abgebrochen, hätte das Team vom Staffelsee ohne diese Partie den Klassenerhalt geschafft. Laut dem Bayerischen Fußball-Verband käme dann der erst im vergangenen August geschaffene Paragraph 93 zum Tragen. Er sieht eine Quotienten-Regelung vor, bei der die erreichten Punkte durch die bestrittenen Spiele geteilt werden, um Aufsteiger und Absteiger zu ermitteln. Nach diesem Passus käme Uffing ohne die Partie aus dem Oktober auf einen Quotienten von 1,062, während Polling einen Wert von 1,058 aufweisen würde. Demnach hätten die Kicker aus dem Klosterdorf den Gang in die Kreisklasse antreten müssen.

Diese Zahlenspiele bleiben nicht ohne Auswirkungen auf die allgemeine Befindlichkeit beim Klub vom Staffelsee. Vor allem die Fans sind außer sich, da ihre Mannschaft noch neun Begegnungen bis zum eigentlichen Saisonende vor sich gehabt hätte, um den drohenden Schaden abzuwenden. Unter dem Eindruck dieser Proteststimmung gibt sich auch Staltmeier kämpferisch. „Wir werden alles tun, um nicht abzusteigen“, kündigt er an. Wobei „alles“ ein relativer Begriff ist. „Entweder unterstützen wir einen der vorhandenen Briefe oder wir werden selber einen schreiben“, wird der Abteilungsleiter konkret.

BFV: Kritik am Paragraph 93

Nicht nur die Uffinger nehmen Anstoß am Paragraph 93. Als der unterfränkische Landesligist ASV Rimpar Anfang April einen Brief an BFV-Präsident Rainer Koch veröffentlichte, schlossen sich bisher gut hundert weitere bayerische Vereine an. Sie alle äußern ihr Unverständnis darüber, warum der BFV als einziger Landesverband neben dem Saarland darauf insistiert, dass es bei einem außerplanmäßigen Ende der Saison 2019/21 Absteiger gibt. „In Summe fordern wir den Verband bei einem voraussichtlichen Abbruch auf, Aufsteiger, aber keine Absteiger zu definieren“, heißt es in dem Brief. Diesen Vorschlag sehen die Fußball-Oberen von der Brienner Straße in München etwas differenzierter.

„Wir sollten aber bedenken, dass es ein leichtes ist, jetzt zu fordern, die Quotientenregelung auszusetzen und stattdessen nur Aufsteiger zuzulassen und den Abstieg nicht zu vollziehen“, wird Robert Schraudner in einem Artikel vom 15. April auf der Homepage des BFV zitiert. „Die Konsequenzen wären extrem weitreichend“, ist der Vize-Präsident überzeugt. Die Kritik der aufmüpfigen Klubs ernst nehmen möchte der Verband aber schon. „Wir müssen die Sicht der betroffenen Vereine akzeptieren und wollen diese auch nicht mit dem bloßen Hinweis auf die bestehenden Bestimmungen abweisen, wenngleich es unsere Aufgabe ist, möglichst allen Vereinen gerecht zu werden“, verspricht der für Rechtsfragen zuständige Vizepräsident Reinhold Baier im selben Text.

In der Sendung „Blickpunkt Sport“ des Bayerischen Rundfunks zeigte sich BFV-Präsident Koch am Sonntag vor einer Woche jedoch skeptisch. „Nur Aufsteiger, keine Absteiger bedeutet im nächsten Jahr überfüllte Ligen und bedeutet, das Problem immer weiter vor sich herzutreiben.“ Der BFV-Präsident stellte jedoch in Aussicht, dass geprüft wird, „ob es alternative Regelungen gibt, die dann auch allgemein konsensfähig sein können“.

Quotient-Regel: Nicht fair, aber auch nicht unverdienten

Vielleicht liegt es an den unverbindlichen Aussagen der Spitzen-Funktionäre, dass der Vorschlag aus Rimpar auch im Oberland Sympathisanten findet. „Es ist auf jeden Fall unfair, weil man nicht die Möglichkeit hat, das sportlich zu regeln“, kann Matthias Moser den Protest gegen den Paragraphen 93 nachvollziehen. „Es ist blöd, wenn man absteigen muss, und nicht die Chance hat, sich zu retten.“ Für sein eigenes Team hält es der Abteilungsleiter des SV Prem eher für unwahrscheinlich, dass es noch den Klassenerhalt in der A-Klasse 8 schafft. Nur zehn Punkte hat der Tabellenletzte in 17 Partien ergattert. „Es ist nicht gesagt, dass wir uns aus eigener Kraft hätten retten können“, räumt Moser freimütig ein, dass seine Elf nach vielen Jahren des Existenzkampfs dieses Mal wohl gescheitert wäre. „Wir dürfen gar nicht so laut schreien“, hält es auch Steffen Kruger für angebracht, kein großes Trara aus einem Abstieg am grünen Tisch zu machen. Jetzt Beschwerde einzulegen, betrachtet der Vorsitzende des SV Unterhausen als überzogen, obwohl er „gerne eine andere Lösung gesehen hätte“. Der Abstieg war für den Tabellenletzten der A-Klasse 5 so gut wie beschlossen, nachdem er in 18 Partien schlappe fünf Zähler zusammengeklaubt hatte. „Wir sind weit entfernt vom Klassenerhalt“, gibt er zu. Die verbleibenden acht Saisonspiele hätte er trotzdem noch gerne absolviert.

Akzeptieren will auch Uli Feigl den drohenden Abschied seiner Reserve aus der A-Klasse 6. „Wir sind sportlich gesehen einfach Letzter“,kommentiert der Spartenchef des ASV Habach den 14. und damit letzten Rang seiner Balltreter. Bei mickrigen acht Punkten in 18 Begegnungen bleibt ihm auch keine andere Wahl. „Damit musst du leben“, so Feigl. Nichts anderes bleibt auch dem SC Huglfing übrig. Der Tabellen-Vorletzte aus der Kreisklasse 3 hatte noch darauf gehofft, dass wenigstens das eine oder andere Spiel ausgetragen wird, wonach es im Moment aber nicht aussieht. Dass einige Vereine in Bayern kritisierten, dass es Absteiger nach einer Quotienten-Regelung geben soll, ging an Karl Albrecht vollkommen vorüber. Wie seine Kollegen aus Prem, Unterhausen oder Habach will sich der Sportliche Leiter des Sportclubs jedoch nicht gegen den Paragraphen 93 wehren. „Vor Gericht werden wir ziemlich sicher nicht gehen“, stellt er klar. „Das gebietet der Anstand.“

Die Kritik am Paragraph 93: „Steht auf recht wackligen Beinen“

Auf die guten Sitten legt Thomas Schnaufer keinen gesteigerten Wert. Vielmehr denkt der frisch gewählte Abteilungsleiter des BSC Oberhausen an das Wohl seiner Mannschaft, die zusammen mit dem TSV Weilheim eine Spielgemeinschaft bildet. „Wir werden uns an einem Einspruch beteiligen“, kündigt er an, wobei offen bleibt in welcher Form. Akzeptieren will Schnaufer den drohenden Abstieg aus der Kreisklasse 3 nicht, wo seine Elf nach 18 Partien mit 14 Punkten auf dem letzten Platz rangiert. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen den Paragraphen 93, der seiner Ansicht nach „auf rechtlich wackeligen Füßen steht“.

Der Abteilungsleiter moniert vor allem, dass die Bekanntgabe des Passus im vergangenen Sommer „nicht über das Postfach des BFV kommuniziert“ worden sei. „Das Thema ist an ganz vielen Leuten vorbeigegangen, es wurde nie irgendwo abgefragt“, kritisiert Schnaufer. Womöglich deshalb, weil im vergangenen Sommer kaum ein Verein das Szenario eines Saisonabbruchs für wahrscheinlich gehalten hatte. „Zu diesem Zeitpunkt hat noch keiner an einen Worst Case glauben können“, räumt Uffings Spartenchef Staltmeier ein.

Fehlende Transparenz moniert auch Prems Moser, als der Paragraph Anfang März vom BFV nachgebessert wurde. „Da hat man ihn so zurechtgerückt, wie man ihn gebraucht hat.“ Bis dem ASV Rimpar bewusst wurde, welche Konsequenzen die Korrektur des Kleingedruckten nach sich zog, war es schon zu spät. Vor der Revision am 11. März waren die Mainfranken noch sicher in der Landesliga, danach nicht mehr.

Während der Verband von redaktionellen Änderungen spricht, moniert der ASV in seinem Schreiben inhaltliche Korrekturen, die heimlich vorgenommen worden sein sollen. Das Fazit der Franken zum Paragraphen 93, der Auf- und Absteiger nach der Quotienregelung bestimmt: „Diese komplexe Ergänzung der Spielordnung während der Saison lässt sich mit staatlichen Rechtsgrundsätzen rückwirkend für die laufende Saison ohne Anhörung der Vereine nicht vereinbaren.“ Der Verein schließt es deshalb nicht aus, juristische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zunächst will Jens Bausewein jedoch die Umfrage des BFV unter den Vereinen abwarten. „Wir können im Moment gar nichts machen und halten deshalb erst einmal die Füße still“, stellt der Abteilungsleiter des ASV Rimpar fest.

Mut macht ihm, dass sich zuletzt die überwiegende Mehrheit der bayerischen Regionalliga-Vereine dafür

ausgesprochen hat, dass es in ihrer Spielklasse keine Absteiger geben soll. Die Hoffnung bleibt also, dass der Verband einlenkt und man sich noch irgendwie einigen kann.

Wegge: „Der BFV darf sich kein willkürliches Handeln vorwerfen lassen“

Das Interesse der Klubs an hintergründigen Informationen zum Thema ist jedenfalls vorhanden. An einem Webinar der Münchner Rechtsanwaltskanzlei Martens beteiligten sich 40 Vereinsvertreter. Die Juristen stellten die Rechtslage dar, was den Paragraphen 93 betrifft, sowie die tatsächliche Situation in den anderen Landesverbänden, die bereits im vergangenen Jahr die Saison ohne Absteiger abgebrochen haben. „Ganz so eindeutig ist es nicht“, kommentiert Maximilian Wegge die Sachlage. „Ob die Regelung rechtmäßig ist, lässt sich nur im Einzelfall bestimmen“. Für den Juristen stellt sich deshalb die entscheidende Frage, ob ein Abstieg nach der Quotienregelung „zu intensiv in die Rechte der betroffenen Vereine eingreift“. Anders als manche Klub-Verantwortlichen schätzt Wegge das Zustandekommen des Quotienten-Paragraphen auf den ersten Blick zumindest formell als rechtmäßig ein. Dass der Passus im vergangenen Sommer rückwirkend an die Spielordnung angehängt wurde, verstoße ebenso wenig gegen seine Rechtmäßigkeit wie seine kurzfristige Abänderung im März. Genauso wenig sei zu kritisieren, dass das Präsidium die Satzungsänderung beschlossen hat und nicht der Verbandstag, der verständlicherweise wegen der Pandemie nicht einberufen werden konnte.

Nur stellt sich für die Münchner Juristen die Frage, ob der Inhalt des Paragraphen auch rechtmäßig ist. Weil der BFV laut Kartellrecht als Monopolverband gilt, dürfe er nicht machen, was er will, und seine unumschränkte Stellung dazu missbrauchen, seine eigene Politik durchzusetzen. „Er darf sich beispielsweise kein willkürliches Handeln vorwerfen lassen“, betont Wegge. In diesem Zusammenhang gewinnt auch der Aspekt der Transparenz eine gewisse Bedeutung. Dass die Vereine mit einer Flut von Emails vom Verband eingedeckt werden oder gewichtige Informationen auf der Homepage des BFV erst mühsam gesucht werden müssen, könnte bei der Beurteilung des Falls durch ein Gericht noch eine Rolle spielen.

Vielleicht führt die Befragung der bayerischen Vereine durch den Verband aber auch zu einer neuen Einschätzung der Situation. Sollten die Funktionäre aus der Brienner Straße danach weiterhin an der Durchsetzung von Paragraph 93 festhalten, ist das Szenario nicht länger auszuschließen, das sie durch die Fortsetzung der Saison eigentlich vermeiden wollen: eine Klagewelle.

(Christian Heinrich)

1145 Aufrufe4.5.2021, 09:25 Uhr
Weilheimer Tagblatt / Christian HeinrichAutor

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