"Gestern waren es bei beiden Teams schon 400km"

Der SV Pfahlbronn befindet sich seit diesem Montag wieder im individuellen Ausdauertraining. Was auf den ersten Blick nach einem echten Motivationskiller in fußballerisch schwierigen Zeiten aussieht, konnte beim SVP in eine Laufchallenge mit kompetitiven Charakter verwandelt werden. Und das unerwartet erfolgreich, wie Spieler und Teammanager Adrian Ackermann im Interview schildert.

Adrian Ackermann ist beim SV Pfahlbronn auf und neben dem Platz ein gefragter Mann. Als Spieler geht der 31-jährige Abwehrmann in seine x-te Saison mit dem SVP, seit zehn Jahren ist er zudem Abteilungsleiter Fußball und Teammanager seines Heimatvereins. Als er sich 2014 das Kreuzband riss und anschließend alle Spiele der Weltmeisterschaft in Brasilien vor dem Fernseher verfolgen konnte, weckte die Verletzungspause bei ihm einen ersten echten Zugang zum Ausdauertraining.

Ursprünglich wollten die Pfahlbronner ihre Vorbereitung damit beginnen, eine "Mallorca-Laufchallenge" zu starten: Etwa 1.700 Kilometer sollten so zu Fuß zusammenkommen, doch aufgrund der sich stetig ändernden Öffnungspläne in Bezug auf den Amateurfußball, wurde die Idee schnell verworfen und die Laufchallenge in ihrer derzeitigen Form initiiert. Ein voller Erfolg, wie Trainer Tuna Tözge und er an den Distanzen erkennen können, die die Mitspieler bis zu drei Mal pro Woche einreichen dürfen.

Michael Feindert: Adrian, wie schwierig ist die Vorbereitungszeit in einem Mannschaftssport, wenn man als Mannschaft nicht zusammenkommen kann?

Adrian Ackermann: Natürlich ist diese Vorbereitung ganz anders als sonst. Wir haben aktuell nicht die Möglichkeiten, die wir normalerweise haben – außer Ausdauer kannst du im Moment eigentlich nichts sinnvoll trainieren und da ist es natürlich auch schwierig, die Motivation bei den einzelnen Spielern hochzuhalten. Deshalb ist es auch ganz praktisch, dass wir beim SV Pfahlbronn jetzt seit Montag mit einer Laufchallenge gestartet sind.

Dazu gleich mehr. Wie hält man sich denn ganz grundsätzlich fit in der Corona-Zeit?

Da muss ich etwas weiter ausholen: Ich hatte bereits 2014 einen Kreuzbandriss und musste mich damals schon in der Reha naturgemäß auch ein bisschen nach anderen Sportarten umschauen. Damals habe ich mich dann sehr aufs Radfahren und generell auf die Ausdauerschiene getrimmt und damit quasi neue Sportarten, neue Hobbys für mich entdeckt. Andere Sachen neben dem Fußball einfach. Weil ich in dieser Zeit also ohnehin dachte, dass ich fußballerisch möglicherweise zwei oder drei Jahre ausfallen könnte, bin ich auch vermehrt in Richtung Laufsport gekommen. Ich selber hatte eben schon vor Corona großen Gefallen am Ausdauertraining gefunden und merke jetzt bei anderen Mitspielern, dass die momentan, wo nicht viel geht, plötzlich Läufe absolvieren. Und an den Zeiten der einzelnen Läufe sieht man auch, dass das auf einem Niveau stattfindet, was weder ich noch der Trainer erwartet hätten. Tuna meinte neulich erst zu mir, dass wir da für künftige in der Vorbereitung ganz neue Maßstäbe setzen müssen lacht.

Muss man denn mit 31 im Lauf- und Ausdauertraining auf irgendetwas besonders Acht geben im Vergleich zu den jüngeren Teamkollegen?

Naja also früher hieß es: „Die Jungen laufen vorneweg“, aber das war ja alles vor Corona. Als ich in der Saison 2006/07 aus der A-Jugend rauskam, mussten und sind das die Jüngeren auch. Aber heute ist es – zumindest bei uns in der Mannschaft – so, dass ich sag jetzt mal die Generation 30+ mehr Gefallen an der Ausdauer hat und dementsprechend bei den Läufen auch vorne mit dabei ist. Die Jüngeren scheinen da einfach weniger Interesse dran zu haben. Und von ganz alleine kommts halt auch nicht!

Seid ihr denn auch als Mannschaft schon wieder ins Training eingestiegen?

Letzte Woche kam vom Trainer die Ankündigung in unserer WhatsApp-Gruppe, dass wir aufgrund der Aussichten, sprich der Inzidenzwerte auch jetzt schon an die Vorbereitung denken müssen, um später keinen Kaltstart hinzulegen. Um die nötige Grundfitness zu erreichen, hat unser Trainer Tuna daher eine Laufchallenge ins Leben gerufen, die Idee dazu kam, glaube ich, von ihm selbst oder vom 12. Mann Nico Schoch.

Wie funktioniert die Laufchallenge?

Zuerst hat er die Mannschaft in zwei Gruppen eingeteilt, um dem Ganzen einen kompetitiven Charakter zu verleihen. Das Verliererteam muss dem Gewinnerteam irgendwann, wenn es wieder möglich ist, ein Kabinenfest organisieren und bezahlen. Viele Trainer würden bei der Einteilung wahrscheinlich rein zufällig vorgehen, aber da unserer in jeder Hinsicht sehr akribisch arbeitet, würde ich auch dahinter eine Art Matrix vermuten lacht. Er hat jedenfalls die Laufstärksten voneinander getrennt beziehungsweise einfach nicht ins selbe Team gesteckt. Der wird sich schon etwas dabei gedacht haben, damit die Challenge so lange wie möglich Spaß macht und alle mitziehen.

– Foto: Nico Schoch

Konkret sieht es dann so aus, dass jeder Spieler drei Läufe pro Woche einreichen kann und die gesamte Challenge über insgesamt drei Wochen geht, wir also insgesamt von neun Läufen sprechen. Dabei geht es aber um die reine Kilometerzahl und nicht um die Pace, auch weil die Leistungsstände momentan noch so unterschiedlich sind und das Verletzungsrisiko so gesenkt werden kann. Wenn ich meinen Körper nämlich über insgesamt drei Wochen am Limit bewegen würde, wäre das ein oder andere Zwicken in der Wade oder im Oberschenkel sicher nicht mehr weit. Die Läufe sollen einfach zum Aufbau der Grundlagenausdauer dienen.

Weil das Kabinenfest natürlich über allem schwebt und kein Team verlieren möchte, hat man wirklich das Gefühl, dass man die Rivalität zwischen beiden Gruppen auch digital richtig spürt. Ich bin vor dem Interview auch noch ‚schnell‘ laufen gegangen, damit mein Team wieder in Führung liegt lacht. Man ließt dann auf WhatsApp in den Kommentaren, wenn Team White und Team Black mit den jeweiligen Fahnen-Emojis einen Lauf absteckt und so pusht man sich gegenseitig noch viel mehr. Man will das andere Team einfach immer übertreffen und wird für einen Lauf gefeiert und (digital) beklatscht. Ich wüsste auch nicht, wie unsere Vorbereitung jetzt gerade ohne die Challenge funktionieren sollte. Es ist immer schwer, individuelles Lauftraining in einer Mannschaft durchzusetzen – jetzt mit dem ‚Druck‘ des Festles und der Gruppendynamik ist das ganz anders. Gestern waren es bei beiden Teams schon ungefähr 400 Kilometer, die pro Team in den ersten sechs Tagen zusammengekommen sind. Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen und wir hätten, glaube ich, alle nicht erwartet, dass es so gut ankommt.

Ist die Grundkondition denn das Entscheidende in der Liga, wenn es wieder losgeht?

Ich sags mal so: Wir haben ein relativ hohes Durchschnittsalter in der Mannschaft, aber verfügen doch über eine relativ gute Grundkondition auch im Vergleich zu anderen Vereinen, die oben dabei sind, würde ich sagen. In den bisherigen Saisonspielen hatten wir am Ende eigentlich noch immer gut Luft und ich kanns ja auch an meiner persönlichen Situation am besten erklären: Seit ich wieder relativ fit bin und viel mache, hat sich die Mannschaft, bin ich Teil einer eigespielten Truppe, die in dieser Klasse einfach extrem über die Fitness kommt. Also ja, für mich ist es definitiv einer der wichtigsten Punkte, um erfolgreich Fußballspielen zu können.

Gerade auch bei den älteren Spielern ist die Kondition auch irgendwie der krampfhafte Versuch nicht in die AH abgeschoben zu werden, indem man sich permanent weiter fit hält lacht. Auch wenn man bei der AH dann wieder der Jungspund wäre, wehrt man sich dagegen, denn da müsste man dann wieder zuerst die Bälle aufpumpen und außerdem sind die Trikots in der AH auch immer viel zu groß. Der 20-Jährige will halt kicken, der macht sich weniger Gedanken über ein gutes Ausdauertraining und was damit verbunden ist. Wobei ich echt sagen muss, dass die Laufchallenge auch von unseren U23-Spielern gut angenommen wird. Wir haben jetzt seit etwa zwei Jahren wieder einen ganz ordentlichen Unterbau und den wollen wir natürlich auch fördern und fordern und in die Mannschaft integrieren. Da gehört sowas einfach dazu.

Ihr habt beim SV Pfahlbronn bislang eine eigentlich sehr konstante und gute Saison gespielt, bis auf den Ausreißer gegen Großdeinbach II natürlich. Wie lief die Saison denn aus deiner Sicht?

Also wo du das Spiel gegen Großdeinbach schon ansprichst: Das war wirklich die kurioseste Niederlage, seitdem in der Aktiven spiele, weil auch die Voraussetzungen vor dem Spiel klarer nicht hätten sein können. Wir hatten in der Vorbereitung noch gegen die Erste von Großdeinbach gespielt und verlieren dann gegen ihre Zweite, den noch punkt- und sieglosen Tabellenletzten, mit 3:2.

Glücklicherweise war das aber nur ein Kontrastspiel zum eigentlichen Saisonverlauf. Wir hatten natürlich auch in diesem Spiel die Möglichkeiten, es für uns zu entscheiden, wie wir auch die vorigen Spiele eigentlich immer mehr oder weniger souverän – aber definitiv verdient – für uns entscheiden und wir uns durchsetzen konnten. In meiner Doppelrolle als Abteilungsleiter und als Spieler bin ich mehr als nur zufrieden mit der Saison bislang und wir sind hier in Pfahlbronn auch froh darüber, dass Tuna signalisiert hat, den bereits eingeschlagenen Weg mit uns weiterzugehen und er wird auch weitermachen, falls es in dieser Saison nicht mit dem Aufstieg klappen sollte, was wir natürlich nicht hoffen. Aber die Saison geht ja auch hoffentlich noch eine ganze Weile.

Auf was für ein Szenario stellt ihr euch bezüglich des Saisonverlaufs ein?

Generell würden wir einfach noch gerne ein paar mehr Spiele absolvieren, um uns noch weiter zu beweisen. Wenn die Saison zum jetzigen Zeitpunkt abgebrochen werden würde, wäre es wahrscheinlich für keine Mannschaft ein Gewinn und das Gefühl einer möglichen Meisterschaft irgendwie komisch. Ob die Saison jetzt verkürzt wird oder nicht, ob es eine Aufstiegsrunde gibt oder was auch immer: Mir gehts darum, dass wir noch ein Spiele haben werden, in denen wir unsere bisherigen Erfolge bestätigen können.

– Foto: Nico Schoch

Aber im Moment haben wir auch zur Laufchallenge erstmal keinen Plan B für danach zur Hand. Wir fahren da im Moment einfach voll auf Sicht, denn man weiß eh nicht, was kommt. Wir hoffen natürlich, dass es in ein paar Wochen wieder vertretbar sein wird, spielen zu können. So richtig einschätzen kann man es aber nicht. Wir haben ja noch genügend Zeit, uns in den nächsten zwei Wochen Gedanken zu machen, wie es danach weitergeht.

Hättest du denn mit einem Aufstieg für die persönlich deine Karriereziele erreicht?

Ich glaube, ich sage seit Jahren, dass ich da bin, wo ich benötigt werde und wo ich helfen kann. Daran werde ich auch festhalten, ob wir jetzt aufsteigen sollten oder nicht. Falls wir es schaffen, werde ich mich aber nochmal voll reinknien, denn natürlich möchte ich noch ein paar A-Ligaspiele in meiner Vita sehen. Von meiner Seite aus gibt es also kein Ausruhen nach einem möglichen Aufstieg.

Und auch Abteilungsleiter, der ich seit nunmehr zehn Jahren bin, werde ich noch mindestens eine weitere Amtsperiode dranhängen, beziehungswiese mich zur Wahl stellen lassen. Aber natürlich weiß man weder auf noch neben dem Platz, was kommen wird.

Seit ziemlich genau einem Jahr ist der Breitensport und im Prinzip unsere ganze Gesellschaft fest in der Hand von Corona. Was denkst du, welche langfristigen Auswirkungen das noch haben wird?

Ich hoffe natürlich, dass – und das Thema hatte ich jetzt auch schon in vielen persönlichen Gesprächen mit anderen – das ganze Corona-Thema irgendwann wieder in den Hintergrund driftet. Die Leute merken gerade, wie es ohne die Kameradschaft und ohne die Leute vom Fußball geht und das bereitet mir große Sorgenfalten auf der Stirn. Denn viele sagen sich: Nicht jeden Sonntag kicken zu müssen, ist auch mal nicht so schlecht. Ich hingegen hoffe, dass die Spieler gerade jetzt merken, was sie eigentlich an so einem Verein haben und dass sich die Prioritäten in dieser Zeit nicht allzu sehr verschieben werden. Momentan sind sie wieder ganz anders als in einem ‚normalen‘ März vor Corona und gerade die Familienväter, die jetzt sonntags auf einmal mehr Zeit für ihre Kinder haben, denken sich vielleicht, sie bräuchten den Fußball nicht mehr so sehr.

– Foto: Nico Schoch

Ein Verein lebt aber nur durch die in ihm gelebte Kameradschaft, das gibt es so sonst in keinem anderen Lebensbereich so wirklich. Und im Normalfall merkt man das immer erst dann, wenn man das irgendwann mal nicht mehr hat, weil es fußballerisch nicht mehr geht und man die Kickstiefel an den Nagel hängen muss. Auch ich könnte jetzt einfach aufhören, aber ich werde das hier definitiv so lange machen, wie es noch geht und ich der Mannschaft helfen kann. Deshalb müssen wir jetzt auch schauen, dass wir weiterhin verletzungsfrei unsere Läufe absolvieren und ganz bald wieder zusammen kicken können.

Da schließe ich mich an. Danke für die Einblicke in eure Vorbereitung und alles Gute!

Aufrufe: 7.3.2021, 07:51 Uhr
Michael FeindertAutor

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