Joachim Löw steht vor seinem letzten Turnier als Bundestrainer.
Joachim Löw steht vor seinem letzten Turnier als Bundestrainer. – Foto: Stefan Matzke / sampics

„Da verlierst du als Trainer dein Gesicht“ - Freisinger Trainer kritisieren Joachim Löw

Der Bundestrainer kassiert für seine Vorgehensweise viel Kritik

Die EM Steht vor der Tür. Mit dabei sind die Rückkehrer Thomas Müller und Mats Hummels. Die Freisinger Trainer äußern sich zur Vorgehensweise von Jogi Löw.

Freising – Im März 2019 hatte Bundestrainer Jogi Löw seine drei Weltmeister Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng aussortiert. Kurz vor dem EM-Start im Juni 2021 kehren Müller und Hummels nun in die Mannschaft zurück. Wir haben die Trainer aus unserem Landkreis gefragt, was sie zur Vorgehensweise des Bundestrainers sagen.

Michael Stiller: „Da verlierst du als Trainer dein Gesicht“

Michael Stiller, Trainer TSV Allershausen: Das ist für mich ein absolutes Kasperltheater, was da in der Nationalmannschaft abgelaufen ist. Denn wenn man nach Leistung geht, hätte es diese Entscheidungen nie geben dürfen. Zwei Spieler jetzt zurückzuholen, da verlierst du als Trainer dein Gesicht. Ich kann ja nicht heute eine Entscheidung treffen und eineinhalb Jahre später gilt das dann, ohne erkennbaren Grund, nicht mehr. Was hat sich denn groß verändert, außer, dass der Bundestrainer es nicht geschafft hat, in eineinhalb Jahren etwas Neues aufzubauen. Das ist jetzt nur noch Schadensbegrenzung, was Jogi Löw da betreibt. Aber es ist ihm auch gar nichts anderes übrig geblieben, weil er ansonsten bei der EM gar keine Chance hätte.

Anton Kopp, Trainer SV Kranzberg: Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich das eher nur oberflächlich von außen beobachtet. Ich weiß selber nicht, ob ich in der Situation Hummels und Müller kurzfristig wieder in den Kader genommen hätte. Aber wenn die natürlich eine sehr gute Saison spielen, so wie es beispielsweise Thomas Müller gemacht hat, dann gehören sie von der Leistung natürlich dazu. Dann war möglicherweise das mit dem Aussortieren etwas zu früh. Auf der anderen Seite wollte Jogi Löw damals einen Umbruch machen, und da musst du halt ältere Spieler aussortieren. Das mit dem Umbruch hat nur überhaupt nicht funktioniert. Wenn die Leistungen oder Ergebnisse der Nationalelf besser gewesen wären, hätte er Müller und Hummels sicher nicht zurückgeholt. Der Schritt ist dem Bundestrainer bestimmt nicht leicht gefallen und sicher hatte der Druck von außen auch eine Rolle gespielt.

Emrah Kirkulak: „Deutschland wird eine gute EM spielen“

Emrah Kirkulak, Trainer TSV Moosburg-Neustadt: Ich find, Löw hätte diese Führungsspieler schon viel früher wieder in die Mannschaft zurückholen und integrieren müssen. Es hatte sich ja in den letzten zwölf Monaten gezeigt, dass im Nationalteam eine gewisse Erfahrung fehlt. Es war damals eine falsche Entscheidung, ein Umbruch im Team kann auch mit erfahrenen Spielern geschehen. Ob das hin und her um Müller und Hummels dem Trainer und der Mannschaft geschadet hat, muss man sehen. Ich glaube, dass Deutschland trotzdem eine gute Europameisterschaft spielen wird. Enes Mehmedovic, Trainer BC Attaching: Den Müller hätte ich nie aus der Nationalmannschaft rausgenommen. Der ist für mich so ein Unterschiedsspieler. Dem sieht man das zwar nicht immer an, aber das ist so ein richtiger Mannschaftsspieler, der das komplette Team mitreißen kann. Das hab ich gar nicht verstanden, dass er den Müller ausgebootet hat, auch nachdem was der für Deutschland alles geleistet hat. Bei Boateng gibt es nach meiner Meinung mit Rüdiger eine Alternative, deshalb kann man das verstehen. Aber Hummels hätte ich auch nicht aus der Nationalmannschaft genommen. Ich finde es etwas unglücklich, wie Jogi Löw das gemacht hat, erst raus und jetzt zwei wieder rein. Ich weiß gar nicht, wie die Mannschaft das aufnimmt, aber ich denke, das sind alles Profis, die spielen ja nicht für Löw, sondern für Deutschland und für sich selbst. Ich glaube, wenn man in der Nationalmannschaft aufläuft, dann spielst du nicht für den Trainer, sondern bist stolz, dass du für dein Land spielst, da ist es dann egal, wer da an der Linie steht.

„Jogi Löw hätte nach der WM 2018 seine Karriere beenden sollen“

Andreas Apold

Andreas Apold, Trainer SC Kirchdorf: Ich konnte 2019 schon gar nicht nachvollziehen, warum Jogi Löw das gemacht hat. Ich fand das damals einen absoluten Schwachsinn, und bin sowieso der Meinung, dass Löw nach der WM seine Karriere hätte beenden sollen. Aus meiner Sicht hatte er 2018 einen Kardinalfehler gemacht und trotz des tollen Sieges im Confed-Cup bei der WM wieder auf Leute wie Özil, Khedira oder Kroos gesetzt. Nach der Pleite in Russland hat Löw dann zwar reagiert, aber die Falschen aus dem Nationalteam geschmissen. Und auch die Art und Weise, wie mit langjährigen, verdienten Nationalspielern umgegangen wurde, fand ich damals unter aller Sau. Inzwischen hat der Bundestrainer gesehen, dass alles den Bach runter geht und musste, auch auf Druck der Medien, Müller und Hummels zurückholen. Natürlich viel zu spät, so kurz vor einem Turnier. Andererseits muss man jetzt froh sein, dass Müller und Hummels gesagt haben, sie spielen nochmal für Deutschland. Sie hätten ja auch sagen können, jetzt mag ich nicht mehr. Stattdessen kehren die beiden jetzt ins Nationalteam zurück, übernehmen Verantwortung und retten Löw möglicherweise noch den Allerwertesten.

Thomas Müller kehrt für die EM zur Nationalmannschaft zurück.
Thomas Müller kehrt für die EM zur Nationalmannschaft zurück. – Foto: PHILIPP GUELLAND

Armin Plabst, Trainer des SE Freising: Kein Zweifel, Mats Hummels und Thomas Müller gehören qualitativ unbedingt in den EM-Kader. Die Gründe, warum Löw sich aber erst kurz vor Turnierbeginn dafür entschieden hat, sind der öffentliche Druck und die Talfahrt nach der schlechten WM. Hätte er die beiden erneut nicht nominiert, wäre er bei einem erneut schlechten Abschneiden angreifbar gewesen, jetzt kann er sich absichern. Er wird einfach einen versöhnlichen Abschied haben wollen, schließlich hat er über eine ganze Strecke gute Arbeit geleistet. Nach der EM ist eh Schluss, somit kann er beide ohne Bauchschmerzen nominieren, jetzt steht er als Gönner da.

Matthias Koston, Trainer der SpVgg Kammerberg: Ich glaube, dass wir nicht alles wissen. Müller und Hummels waren damals nicht auf ihrem besten Niveau, aber ich denke, dass die Entscheidung nicht nur Leistungsgründe hatte. Was Müller dann nach der Entlassung von Niko Kovac unter Hansi Flick abgerissen hat, war überragend. Auch Hummels kann mit seiner Erfahrung wertvoll sein. Ich verstehe aber nicht, warum Löw nicht auch Jerome Boateng zurückgeholt hat. Der hat eine sehr starke Saison gespielt – und er ist schneller als Hummels. Aber auch da gilt: Uns fehlen die Hintergrundinformationen. Vielleicht braucht Boateng eine Pause. Ich denke, dass Löw solche Entscheidungen nicht alleine trifft, sondern in Absprache mit seinem Team. Ob er an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat, weiß ich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass er die Mannschaft noch erreicht.

Mats Hummels kehrt zur Nationalmannschaft zurück.
Mats Hummels kehrt zur Nationalmannschaft zurück. – Foto: PHILIPP GUELLAND

Sepp Summerer, Trainer des SVA Palzing: Grundsätzlich habe ich die Ausbootung nicht verstanden. Du kannst nicht die Tür zumachen, wenn die Leistung stimmt. Durch die Entscheidung, Müller, Hummels und Boateng nicht mehr zu nominieren, und das Zurückrudern hat Löw schon ein bisschen Glaubwürdigkeit verloren. Ich glaube, dass sein Rücktritt nach der Europameisterschaft etwas geändert hat bei der Entscheidung, Müller und Löw wieder zurückzuholen. Und vielleicht hat er auch gemerkt, dass er keinen Leader im Team hat und deshalb Müller und Hummels braucht. Müller tut ihnen auf jeden Fall gut. Er kann vorbereiten, Tore schießen und motivieren. Und er geht voran. Hummels hat auch viel Erfahrung. Sein fehlendes Tempo kann er damit ausgleichen. Dass Boateng nach seiner überragenden Saison nicht auch nominiert wurde, verstehe ich nicht so ganz. Er hätte das Tempo, das Hummels fehlt. Unabhängig davon, was im Vorfeld alles passiert ist: Deutschland war schon immer eine Turniermannschaft. Die Nationalmannschaft kann sich steigern – auch wenn sie dieses Mal bei der starken Vorrundengruppe vom ersten Spiel an auf den Punkt da sein muss.

(Moritz Stalter)

Aufrufe: 07.6.2021, 06:30 Uhr
Moritz StalterAutor

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