– Foto: Zafer Hosman

"Leider kein einziges Spiel, in dem der Schiri nicht beleidigt wird"

Im zweiten Teil unserer Umfrage haben wir mit Lars Zorn (SV Heldenfingen) und Daniel Grandy (TV Steinheim) zwei erfahrene Hasen nach ihrer Motivation und Erfahrungen als Schiedsrichter befragt. Manuel Krieger (TSB Schwäbisch Gmünd) kennt als Mitglied des Schiedsrichterausschusses das ganze Verbandsgebiet des wfv.

Stimmt es eigentlich, dass verbale und gar physische Attacken gegenüber Schiedsrichtern zunehmen? Manuel Krieger hat als stellvertretender Obmann einen geschärften Blick dafür, was auf den Plätzen in ganz Würrtemberg vonstatten geht. Zusammen mit Daniel Grandy vom TV Steinheim und Lars Zorn, SV Heldenfingen, bilden die drei den zweiten Teil unserer Umfrage unter den Schiedsrichtern im Bezirk.

Manuel Krieger, TSB Schwäbisch Gmünd (Schiedsrichtergruppe Gmünd): „Für mich ist Schiedsrichter sein das geilste Hobby der Welt“

„Ich habe früher selbst als Stürmer gespielt. Bei einem C-Jugendspiel hatte der Schiedsrichter nicht seinen besten Tag. Nach dem Spiel war ich darüber so sehr verärgert, dass ich mir fest vorgenommen habe, selbst Schiedsrichter zu werden und zu versuchen, es besser zu machen. Zwei Monate später hatte ich den Neulingskurs absolviert. Nach fünf Jahren habe ich mich dann entschieden, meine aktive Spielerkarriere zurückzufahren und nur noch als Schiedsrichter zu agieren. Mein Verein, der TSB, hätte mich zwar sehr gerne als Spieler behalten, rückwirkend war es jedoch die richtige Entscheidung. Mittlerweile leite ich selbst Spiele in der Herren-Landesliga und bin als Assistent bis zur Oberliga unterwegs. Als Spieler hätte es für diese Klassen keinesfalls gereicht. Außerdem engagiere ich mich seit 2015 im Schiedsrichterausschuss. Seit 2018 bin ich Frank Dürrs stellvertretender Obmann.

– Foto: Zafer Hosman

Für mich ist Schiedsrichter sein das geilste Hobby der Welt. Jeder, der mich kennt, weiß, wie sehr ich dafür brenne und in jedem Spiel versuche, das absolute Maximum aus meiner Leistung zu kitzeln.

Es gibt mittlerweile leider kein einziges Spiel, in dem der Schiedsrichter nicht auf irgendeine Weise verbal beleidigt wird. Gott sei Dank bin ich persönlich von physischen Angriffen bisher verschont geblieben. Durch meine Ausschusstätigkeit ist mir jeder Übergriff auf unsere Schiedsrichter im Verbandsgebiet bekannt. Leider nahm die Anzahl an Übergriffen auf Kameraden in den letzten Jahren zu. Grundsätzlich wünsche ich mir von manchen Vereinen etwas mehr Wertschätzung. Das beginnt schon vor dem Spiel. Oft kommt man am Sportplatz an und findet keinen Ansprechpartner vor, der einem zum Beispiel die Kabine zeigt. Und außerdem sind einige Kabinen mehr als widerlich, kein Spieler würde sich dort umziehen. Oftmals wird auch nicht einmal eine Flasche Wasser zur Verfügung gestellt. Nicht nur beim Schiedsrichter zählt der erste Eindruck, sondern auch andersrum. Während des Spiels sind Emotionen ein wichtiger Bestandteil und unverzichtbar. Für mich persönlich ist während des Spiels eine klare, offene und konstruktive Kommunikation sehr wichtig. Über Entscheidungen kann man immer streiten. Am Ende des Tages sollte sich jeder auf dem Sportplatz bewusst sein, dass wir alle Fehler machen und in welchen Klassen wir unterwegs sind. Jeder Schiedsrichter ist selbst sein eigener größter Kritiker und möchte – wie die Spieler – eine perfekte Leistung abliefern.“

– Foto: Dieter Frank

Für Manuels Schiedsrichterprofil hier klicken.

Daniel Grandy, TV Steinheim (Schiedsrichtergruppe Heidenheim): „Die Spieler sollten mehr in die Pflicht genommen werden“

Als Torspieler bei meinem Heimverein, dem TV Steinheim, spielte ich damals noch in der A-Jugend. Und nach der Jugend sah ich wenig Chance, als Stammspieler in der ersten oder zweiten Mannschaft. Den Verein wollte ich nicht wechseln und dem Fußball wollte ich erhalten bleiben – und machte mir deshalb Gedanke in welcher Form. Da mein damaliger A-Jugend-Trainer Hans Schneider schon Schiedsrichter war und ich mich mit ihm unterhielt, habe ich mich auch dazu entschlossen. Kurze Zeit später war dann ein Schiedsrichter-Neulingskurs und zack war ich ein ausgebildeter Schiri.

In den bisher 21 Jahren als Schiedsrichter habe ich schon über 1000 Spiele gleitet, von den Bambinis bis zur Herren Landesliga. Klar kam es hier und da mal zu verbalen Übergriffen, jedoch in sehr geringer Anzahl. Man muss schon ein dickes Fell haben, das wächst aber auch von Spiel zu Spiel und man lernt zu filtern, was über und was unter der Gürtellinie ist. Aber wie gesagt: Da habe ich mir eine gewisse Linie über die Jahre gesetzt. Physische Übergriffe habe ich zum Glück bisher noch nicht gehabt. Toi, toi toi...

– Foto: Oliver Klöckler

Es gibt sicher nicht diesen einen Punkt, was ein Verein machen kann. Und vom Verband wird schon einiges probiert durch verschiedene Aktionen. Spontan fällt mir nur das ein: In jedem Verein sollte es zur Pflicht werden, das ein bis zwei Mal pro Jahr ein Abend mit allen Spielern der aktiven Mannschaften stattfindet, um erstens die Spieler auf neue Regeln hinzuweisen und zweitens auch die Sicht des Schiedsrichters bei der einen oder anderen Entscheidung zu erklären. Zudem sollten die Spieler mehr noch mit in die Pflicht genommen werden, wenn es von außen – denn meistens sind das ja Familie oder Freunde und Bekannte der Spieler – zu verbalen Übergriffen kommt. Darauf können die Spieler am ehesten einwirken.“

Daniels Statistik könnt ihr hier einsehen.

Lars Zorn, SV Heldenfingen (Schiedsrichtergruppe Heidenheim): „Es war auf jeden Fall der richtige Schritt“

„In erster Linie begeistert mich Fußball schon von klein auf. Ich habe mit drei Jahren angefangen, Fußball zu spielen und bin dem Sport bis heute treu geblieben.

Im Jahr 2014 habe ich mich dann entschlossen, die andere Perspektive des Fußballs zu entdecken. Eine Inspiration hierfür war auch mein Vater. Ihn habe ich sehr oft zu seinen Spielen begleitet und wurde hier in meiner Entscheidung, Schiedsrichter zu werden, nochmal bestärkt. Mit der Zeit hat es mir immer mehr Spaß gemacht und ich bin der Schiedsrichterei bis heute treu geblieben. Es war auf jeden Fall der richtige Schritt.

– Foto: Kurt und Ute Botsch

Natürlich wurde auch ich in Spielen schon beleidigt und verbal angegriffen. Da kann ich aber gut darüber hinwegsehen, das macht mir gar nichts aus. Natürlich beschäftigen mich einige Aussagen ein paar Tage, aber dann ist es auch wieder vergessen. Ich habe es noch nie mitbekommen, dass ein Schiedsrichter hier mit psychischen Problemen oder dergleichen zu kämpfen hätte.

Aus meiner Sicht sollten wir als Schiedsrichter hier auch konsequenter werden und gegebenenfalls einfach mal das Spielfeld verlassen, wenn unangemessene oder sogar rassistische Beleidigungen fallen. Egal gegenüber Schiedsrichtern oder Spielern – sowas hat auf dem Spielfeld nichts zu suchen.

– Foto: A. Scholz

Die Vereine hier in die Pflicht zu nehmen, sehe ich eher als schwierig. Da es ja sehr oft angebliche ‚Fans‘ des Vereines sind, die sich unangemessen gegenüber Schiedsrichtern oder Spielern verhalten. Die Vereine müssen gegen diese Personen vorgehen. Wir Schiedsrichter müssten uns einfach nur mal überwinden, nach Beleidigungen das Spiel abzubrechen.“

Welches war das letzte Spiel, das Lars gepfiffen hat? Hier gibt es die Antwort.

Aufrufe: 11.3.2021, 07:00 Uhr
Michael FeindertAutor

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