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„Jetzt bin ich eine komplette Frau“

Sarah Dederscheck berichtet von ihrem Weg in ein neues Leben

Sarah Dederscheck war vor wenigen Jahren noch ein Mann. Inzwischen spielt die Beckdorferin Fußball in Frauen-Mannschaften und startet in ein neues Leben. Das TAGEBLATT hat sie bei einem ihrer letzten Spiele für den SV Ottensen begleitet.

Ein wolkenverhangener Tag im Herbst. Das Flutlicht strahlt bereits am Nachmittag, Schlamm und Grashalme kleben im Gesicht mancher Spielerin, das Publikum drängt sich unter ein Vordach und sehnt den Schlusspfiff herbei, da die Partie in der zweitniedrigsten Frauen-Spielklasse bereits entschieden zu sein scheint. Sarah Dederscheck jedoch hört nicht auf, sie grätscht, schlägt Bälle notfalls ins Aus und sichert damit den Sieg für den SV Ottensen. "Bei so einem Wetter macht es doch am meisten Spaß", sagt sie. Dederscheck, vollständig durchnässt, lächelt selig, dann verschwindet sie in der Kabine.

Seit vier Jahren spielt Sarah Dederscheck nun Fußball in Frauen-Mannschaften. "Das hätte ich nicht für möglich gehalten", sagt sie heute. 2017 war Dederscheck noch ein Mann, sie hieß Sven, war Torhüter beim SV Ottensen. Wenige Monate später war sie eine Frau. Dederscheck hatte das Gefühl, im falschen Körper zu leben, und fasste mit fast 40 Jahren den Entschluss, das zu ändern. Das TAGEBLATT traf sie mehrfach in den vergangenen Jahren. Dederscheck sprach öffentlich über das Leben als Transgender, um aufzuklären. Denn Anerkennung und Akzeptanz fehlen noch in weiten Teilen der Gesellschaft.

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"Eine große Zahl an Transmenschen hat in den letzten Jahren mit dem Fußball aufgehört", sagte Christian Rudolph dem Sportmagazin "kicker". Rudolph, Leiter der zentralen Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt beim DFB, berichtete von Widerständen im eigenen Verein, bei gegnerischen Teams und Schiedsrichtern, die Transmenschen dazu bringen, mit dem Fußball aufzuhören oder ihre Identität zu verleugnen.Vielen Menschen ist die Tragweite des Themas offenbar nicht klar.

Laut einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln betrachten knapp 90 Prozent der Befragten aus der LGBTI-Community Homo- und insbesondere Transphobie im Sport als aktuelles Problem. Die Betroffenen fühlen sich häufig ausgeschlossen. Mehr als 50 Prozent der befragten Transmenschen zogen sich der Studie zufolge aufgrund ihrer Geschlechtsidentität aus dem Sport zurück.

Sarah Dederscheck konnte sich bereits in der Pubertät nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren. Sie fürchtete jedoch die Reaktionen durch ein Outing. Dederscheck spielte Fußball und arbeitete bei der Bundeswehr, weil es als männlich galt. Manchmal ging sie im Dunklen mit Mini-Rock und hohen Schuhen aus dem Haus. Nur wenige Menschen wussten, was sie fühlte. Es ging ihr schlecht. "Ich konnte nicht frei sein", sagt Dederscheck. "Mir hat es nicht gereicht, nur Frauen-Klamotten zu tragen, um mich als Frau zu fühlen."

2017 begann die Transition. Dederscheck nahm Hormontabletten. Die Haut wurde weicher, die Taille runder, die Muskelmasse weniger. In der begleitenden, vorgeschriebenen Psychotherapie sprach sie über die Veränderungen. "Es war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe", sagte Dederscheck bereits wenige Monate später. Ende 2017 bestätigte das Amtsgericht auf Grundlage zweier Gutachten, dass sie nun offiziell eine Frau sei. Damit war Dederscheck auch für den Frauen-Fußball spielberechtigt.

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Der Prozess war noch nicht beendet. Dederscheck unterzog sich einer geschlechtsangleichenden Operation, bei der - vereinfacht ausgedrückt - aus Teilen ihres Penis eine sogenannte Neovagina geformt wurde. Bei einer weiteren Operation im vergangenen Jahr wurden Korrekturen vorgenommen und zugleich Brust-Implantate eingesetzt. Dederscheck: "Danach habe ich gemerkt, wie mein Körper sagte: Warum tust du mir das an!" Aber es lohnte sich, ihr früheres Leben vermisst sie nicht. Die Hormone wird sie bis an ihr Lebensende nehmen müssen.

Halbzeit. Ottensen führt 1:0 gegen Eintracht Elbmarsch, einige Zuschauer holen sich eine Bratwurst für zwei Euro. "Sie macht das bisher gut", sagt Lisa Dederscheck über die Leistung ihrer Ehefrau. Vor sieben Jahren hatte sie Sven geheiratet, einen Mann, und begleitete sie auf ihrem Weg, eine Frau zu werden. "Wir sind immer noch glücklich miteinander. Warum auch nicht?", sagt Lisa Dederscheck. Die beiden wollen sich noch einmal das Ja-Wort geben, dieses Mal als Frau und Frau, "um das neue Leben zu festigen", sagt Sarah Dederscheck.

Das neue Leben. Dederscheck trägt jetzt im Alltag figurbetontere Kleidung, gewöhnt sich an die größere Brust. "Jetzt, wo ich eine komplette Frau bin, fühle ich mich auch so. Ich bin viel selbstbewusster, lerne neue Leute kennen", sagt Dederscheck. Wenn sie alleine unterwegs ist, versucht sie, größere Menschenmengen zu vermeiden, um möglichen Beleidigungen oder Handgreiflichkeiten aus dem Weg zu gehen. "Ich schaffe mir Räume, in denen ich mich wohlfühle." Das gilt auch im Fußball. Dederscheck berichtet, dass sie, wenn sie für Ottensen oder als Gastspielerin für die Ü30 von Mulsum/Kutenholz spielt, auf den Plätzen immer mal wieder bepöbelt wird. Zuletzt so heftig, dass gegnerische Spielerinnen einen Zuschauer beruhigen mussten. Wenn sie für Grün-Weiß Eimsbüttel in Hamburg spielt, "kommt das nicht so oft vor." Dederscheck ist seit mehr als zwei Jahren auch bei dem Frauen-Oberligisten aktiv, betreut die Mannschaft zudem als Co-Trainerin. Auf den Plätzen in Hamburg fühlt sie sich wohler.

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Sarah Dederscheck kommt aus der Kabine. "Sieh zu, dass du ein Tor schießt!", sagt Lisa Dederscheck. Ehefrau Sarah schüttelt den Kopf: "Ne, Hauptsache wir gewinnen!" Und tatsächlich: Wenige Minuten später - nach einer Ecke - behauptet Dederscheck den Ball im Strafraum, eine Drehung, ein platzierter Schuss, der Ball rollt über das gelbe Laub ins lange Toreck, ein donnernder Jubelschrei. Ottensen führt 2:0, ausgerechnet Dederscheck. "Klang ziemlich weiblich, der Schrei, oder?", wird sie nach dem Spiel mit einer Portion Ironie kommentieren.

Dederscheck stellt die Vorstöße weit in die gegnerische Hälfte nun ein, sichert hinten ab. Mit ihren 1,84 Meter und ihrer kräftigen Statur ist sie eine Erscheinung: wenn sie mit dem Ball an deutlich schmächtigeren und halb so alten Gegenspielerinnen vorbeimarschiert, wenn sie von der Mittellinie abzieht oder Flanken, so scheint es, aus dem Fußgelenk schüttelt. Das führt schon mal dazu, dass die Unparteiischen ein anderes Maß bei Dederscheck anwenden, berichtet Trainer Carlos Follert. "Sie sind strenger mit ihr, wenn es um ein Foul geht. Leider kommt es vor, dass sie dadurch gehemmt ins Spiel geht." Doch ihre Qualität ist unbestritten: Selbst als Dederscheck kürzlich Ottensens Ü40-Männer im Spielbetrieb unterstützte, erzielte sie drei Tore.

Es ist dunkel. Das Flutlicht erhellt den Platz am Föhrenweg. Schlusspfiff. Ottensen gewinnt 3:0, kann sogar einen vergebenen Elfmeter verkraften. "Wir haben richtig gut gekämpft", sagt Dederscheck am Tag danach, sie selber fühle sich relativ kaputt. Es war eines ihrer vorerst letzten Spiele für den SV Ottensen. "Das ist ein großer Verlust", sagt Follert. Dederscheck möchte den zeitlichen Aufwand reduzieren, sich in Eimsbüttel auf das Coachen konzentrieren. Sie gehe mit einem weinenden Auge, sagt sie. Es ist eine weitere Veränderung in ihrem neuen Leben.

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Aufrufe: 019.11.2021, 08:30 Uhr
Tageblatt / Von Tim ScholzAutor

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