Sportlich schien alles klar: Mit dem Einsatz aller Kräfte führte der gebürtige Landshuter Stefan Reisinger den KFC Uerdingen zum nicht für möglich gehaltenen Klassenerhalt in der 3. Liga.
Sportlich schien alles klar: Mit dem Einsatz aller Kräfte führte der gebürtige Landshuter Stefan Reisinger den KFC Uerdingen zum nicht für möglich gehaltenen Klassenerhalt in der 3. Liga. – Foto: Imago Images

KFC-Retter Stefan Reisinger: Sechs Wochen zwischen Himmel und Hölle

Niederbayerische Exportschlager: Stefan Reisinger - Teil 1: Wie der Landshuter als Cheftrainer das Unmögliche möglich machte und mit dem KFC Uerdingen doch noch die 3. Liga sicherte. Eigentlich.

Die wohl intensivsten Wochen seiner Karriere liegen hinter Stefan Reisinger. Beim zuletzt oft als "Chaosclub" bezeichneten KFC Uerdingen hat er als Übergangslösung Mitte April die Nachfolge des entlassenen Trainers Stefan Krämer angetreten. Und der gebürtige Landshuter sowie ehemalige Bundesliga-Stürmer schaffte tatsächlich das Unmögliche - nämlich den Klassenerhalt mit dem ehemaligen Europapokal-Teilnehmer aus Krefeld in Liga Nummero 3. Im ersten Teil des Exportschlager-Interviews blickt der 39-Jährige, der inzwischen im niederrheinischen Meerbusch bei Düsseldorf lebt, auf dieses Himmelfahrtskommando zurück. Doppelt bitter: Nach dem bekanntgewordenen Aus für den KFC Uerdingen waren diese Mühen letztlich alle umsonst.

Stefan, würdest Du Dich als Mensch beschreiben, den nicht so leicht etwas aus der Bahn wirft?
(überlegt) Es kommt auf die Lebenssituation drauf an. Was ich aber immer versuche, ist, aus jeder Situation das Beste zu machen. Vor allem im Fußball hat mich mein Ehrgeiz immer wieder angetrieben. Es hat sich ja bei mir nicht unbedingt abgezeichnet, dass ich Profi werde. Und nun kann ich sogar auf Spiele in der 1. Liga zurückblicken. Wer hätte das gedacht, als ich damals mit Landshut in der Landes- und Bayernliga angefangen habe. Aber ich war nie zufrieden. Ich wollte in die 1. Bundesliga und das habe ich - zum Glück - auch geschafft.

Geht's Dir da als Trainer ähnlich?
Natürlich. Solche Eigenheiten kann man ja nicht einfach so ablegen. Vor 5,6 Wochen, als ich beim KFC Uerdingen zum Cheftrainer bzw. Teamchef berufen worden bin, steckte der Verein in einer sehr schwierigen Situation. Meine Beförderung kam darüber hinaus für mich sehr überraschend. Ich kann mich noch genau an den Mittwochabend erinnern, als mir gesagt worden ist, ich solle übernehmen. Von Anfang an wusste ich, dass es schwierig wird, die Klasse zu halten. Ich kann nicht zaubern. Aber was ich machen kann, ist alles zu geben. Die vergangenen Wochen gab es dann nur Fußball und den KFC.


»Ich habe gelernt, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren«

Wie oft warst Du den in der vergangenen Drittliga-Saison kurz davor, den Kopf zu verlieren oder gar aufzugeben?
Nie. Ich war ja auch die Spielzeit zuvor schon einmal Teamchef und wusste ungefähr, was auf mich zukommt. Ich kenne ja den Verein und die Begebenheiten hier. Bereits während meiner ersten Phase als Teamchef haben wir erfolgreich zusammen gearbeitet. Nach so vielen Jahren im Profigeschäft kann ich mich selber gut einschätzen. Ich kenne meine Aufgaben und meine Kompetenzen. Und: Ich habe gelernt, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Und dann kommt man sich auch nicht komplett veräppelt vor, wenn - wie im Falle des KFC - die sportlichen Themen zu Nebensächlichkeiten degradiert werden?
Ab dem Zeitpunkt als ich Teamchef wurde, hat mich das alles nicht mehr interessiert. So ehrlich muss man sein. An besagten Mittwoch waren ja die großen Probleme längst bekannt - der Punktabzug, der Investoren-Wechsel, der kleine Kader. Das war halt dann einfach so. Für mich sind die Jungs und das bevorstehende Training im Fokus gestanden. Ich hab ihnen gesagt, dass wir hart trainieren werden und wie ich mir das Miteinander vorstelle. Mein Ziel war es von Beginn an, nur das Sportliche zu sehen und den Klassenerhalt mit dem Team zu schaffen.

Die Anfänge: Stefan Reisinger als 8-Jähriger im Trikot seines Heimatvereins, dem SV Essenbach.
Die Anfänge: Stefan Reisinger als 8-Jähriger im Trikot seines Heimatvereins, dem SV Essenbach. – Foto: Reisinger

Aber die Rahmenbedingungen waren schon extrem.
Natürlich war es nicht einfach. Wir hatten teilweise nur noch 13, 14 Feldspieler. Leistungsträger und somit Qualität sind weggebrochen. Die Trainingsbedingungen waren ok, wir waren in Quarantäne, mental hat die Insolvenz auch Spuren hinterlassen. Ein großes Stück Identifikation mit dem Verein ist verloren gegangen. Aber was bringt es einem, zu jammern? Wir haben versucht, das Maximale rauszuholen.

Viel Arbeit als Übungsleiter - und als Psychologe?
Ich bin ein kommunikativer Trainer, der viele Gespräche sucht. Aber wichtig ist es dann trotzdem, jedes Training professionell und strukturiert zu planen und fokussiert anzugehen. Und das haben die Jungs auch gemacht, sie haben gut mitgezogen - wenn es möglich war. Es blieben ja nur 2,3 Wochen, in denen wir mal gezielt eine komplette Woche trainieren konnten. In der übrigen Zeit waren entweder Englische Wochen und wir waren in Quarantäne. Wir haben versucht, die widrigen Umstände auszublenden.


»Eigentlich war es eine Mission impossible«

Und das geht so einfach?
Mal mehr, mal weniger. Natürlich gab es Momente, in denen die Skepsis überwiegt - bei mir genauso wie bei den Jungs.

Wie geht man damit um, wenn man nur eine Chance als Cheftrainer erhält, weil der Vorgänger gegangen wird. Hattest Du Mitleid mit dem entlassenen Stefan Krämer?
Ich habe mich sehr gut mit Stefan Krämer verstanden und wir hatten auch eine erfolgreiche Zeit zusammen. Im Fußballgeschäft ist es ja meistens so, dass der Cheftrainer gehen muss, wenn die gewünschten Ergebnisse ausbleiben und - wie in meinem Fall - dann kurzfristig der Co-Trainer übernimmt.

Letztlich packte der KFC den Klassenerhalt doch noch - trotz aller Widrigkeiten. Wie viele Steine sind Dir am letzten Spieltag vom Herzen gefallen?
Boah, das war einfach nur unglaublich. Nach dem Schlusspfiff spürte ich eine große Erleichterung, Glücksgefühle ohne Ende. Wir haben das geschafft, was eigentlich nicht mehr möglich war. Der eigentliche Fixabsteiger hat den Klassenerhalt doch gepackt - was will man mehr.

Der Jubel nach dem sportlich gesicherten Klassenerhalt kannte keine Grenzen.
Der Jubel nach dem sportlich gesicherten Klassenerhalt kannte keine Grenzen. – Foto: Pressefoto Eibner

Und dann der Super-GAU: Am Grünen Tisch muss der KFC Uerdingen nun wohl doch noch absteigen. Die Lizenzauflagen sind nicht erfüllbar. Auch wenn es Dir wahrscheinlich schwer fällt, dafür Worte zu finden, bitten wir genau darum.
Wenn es natürlich endgültig so kommen sollte, ist das natürlich sehr bitter, schade und traurig.

Dein Vertrag beim KFC wäre sowieso ausgelaufen. Du Du im Endeffekt also nicht, was Du im Juni/Juli machen wirst?
Genau.

Wie gehst Du mit dieser Ungewissheit um?
Es ist nicht so, dass ich nicht das ein oder andere im Hinterkopf habe. Aktuell bin ich deshalb sehr entspannt.

Im zweiten Teil des Exportschlager-Interviews spricht Stefan Reisinger über seine Zusammenarbeit mit Jürgen Press sowie über seine aktive Karriere - allen voran seine größten Höhepunkte und seinen größten Fehler.

Aufrufe: 2.6.2021, 16:00 Uhr
Helmut WeigerstorferAutor

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