Mittelfristig möchte die Spvgg. Ingelheim in ihrem Stadion im Blumengarten wieder Verbandsliga-Fußball präsentieren.	Archivfoto: Edgar Daudistel
Mittelfristig möchte die Spvgg. Ingelheim in ihrem Stadion im Blumengarten wieder Verbandsliga-Fußball präsentieren. Archivfoto: Edgar Daudistel

»Wir haben die Verbandsliga im Kopf«

Arnold Pieper, Chef der Spvgg. Ingelheim, spricht über Corona, die sportlichen Ziele und den Nachwuchs

Ingelheim. Vor über einem Jahr wurde Arnold Pieper als Nachfolger von Wilfried Haas zum Präsidenten des Fußball-Landesligisten Spvgg. Ingelheim gewählt. Der gebürtige Sauerländer lebt in Ockenheim, war dort beim TTC an der Tischtennisplatte aktiv. Zur Spvgg. kam der heute 58-Jährige über seinen Sohn Lukas, dem aktuellen Kapitän der ersten Mannschaft. Im Interview mit dieser Zeitung spricht der leitende Angestellte bei Fresenius in Bad Homburg über die Corona-Krise, die hochkarätigen Neuzugänge, die Nachwuchsabteilung und die sportlichen Ziele der Rotweinstädter.

Herr Pieper, Sie sind jetzt 13 Monate Präsident der Spvgg. Ingelheim. Wie fällt Ihre bisherige Bilanz aus?

Wir sind ja so was wie das Corona-Präsidium. Wir sind am 4. März vergangenen Jahres gewählt worden und am 15. März fing der erste Lockdown an. Von da an sind wir eigentlich nur Corona hinterhergelaufen. Wir haben ein Hygienekonzept ausgearbeitet, sind dann mit viel Hoffnung in die neue Saison gegangen, was dann auch nur von beschränkter Dauer war.

Bleiben wir mal bei Corona. Wie sehr hat die Spvgg. dadurch bislang Schaden genommen, auch finanzieller Natur?

Wir sind finanziell relativ gut durchgekommen. Was uns wehtut und wehgetan hat, ist unser Clubheim. Das ist als vereinseigene Immobilie als Gastronomiebetrieb verpachtet. Das sieht nicht gut aus. Was uns aber sehr gutgetan hat, war, dass zum einen die Trainer auf breiter Front geholfen haben. Sie haben auf einen Teil ihrer Bezüge verzichtet. Zudem wurden im vergangenen Sommer die Bezüge für die erste Mannschaft umgestellt. Sehr einheitlich, transparent und für alle Spieler nachvollziehbar auf eine rein auf Trainingsbeteiligung basierte Vergütung. Wenn kein Training stattfindet, kostet das uns im Moment kein Geld. Was uns wehtut, ist, dass wir keine Veranstaltungen haben, die für Einnahmen sorgen. Wir haben sonst beim Rotweinfest einen Bierstand gehabt, wollten bei der EM ein Public Viewing organisieren. Das fällt alles weg. Summa summarum stehen wir okay da, es hat uns jetzt nicht aus der Kurve gehauen. Aber so weitergehen darf es natürlich auch nicht.

Was ist mit den Mitgliederzahlen passiert?

Ein ganz wichtiges Element. Unsere Mitglieder wie auch unsere Sponsoren haben uns die Treue gehalten. Das Dankeschön an beide Gruppen kann nicht groß genug sein. Wir haben bei den Mitgliedern praktisch keine Austritte. Und auch bei den Sponsoren ist mir nicht bekannt, dass einer gekündigt hätte. Es ist uns sogar gelungen, im vergangenen Jahr noch den ein oder anderen dazuzugewinnen.

Apropos Sponsoren. Aufgrund Ihrer Neuzugänge für die kommende Saison wird in der regionalen Szene gemunkelt, bei der Spielvereinigung müsse entweder ein Scheich als Investor eingestiegen sein oder sich im Blumengarten eine Ölquelle aufgetan haben. Wir können Sie solche hochkarätigen Neuverpflichtungen finanziell darstellen?

Durch eine sehr offene Diskussion mit den Kandidaten. Durch eine Idee, mit der man die Spieler hat gewinnen können. Und durch strikte Budget-Treue und die Einhaltung des Vergütungs-Systems für die erste Mannschaft, das wir uns im vergangenen Sommer auferlegt haben. Es sind Spieler für weniger zu uns gekommen, als sie hatten. Wir haben ein Beispiel gehabt, da hat der Spieler zunächst gesagt, er sei mehr wert. Wir haben ihm gesagt, so viel kannst du bei uns nicht kriegen. Am Ende hat er sich uns doch angeschlossen. Unser Budget ist übrigens das gleiche wie in der vergangenen Saison.

Sagen Sie uns doch mal etwas über die Idee, die die Spieler dazu bewogen hat, nach Ingelheim zu wechseln.

Als wir im vergangenen Jahr angetreten sind, haben wir früh angefangen, über diese Idee nachzudenken. Wo wollen wir als Präsidium eigentlich hin? Wir haben das aufgeschrieben, in einem Trainermeeting, im erweiterten Vorstand, dem ein oder anderen Sponsor und der Stadt präsentiert. Wofür stehen wir? Wir wollen ein Ausbildungsverein sein – für Trainer wie für Spieler. Wir haben ambitionierte sportliche Ziele. Uns geht es auch um Werte wie Integrität. Was meinen wir damit? Finanziell solide. Uns sind viele kleine Sponsoren und nachhaltige Zusammenarbeit lieber als der Ölscheich, der nach drei Jahren sagt, das gefällt mir nicht mehr, und geht. Dazu kommt Bodenständigkeit. Wir wollen in Ingelheim, mit Ingelheim und für Ingelheim sein. Das heißt auch, dass wir Spieler die bei uns groß geworden sind, halten wollen. Der Übergang zwischen Jugend und Aktiven ist immer ein Thema im Verein. Der Sprung von der A-Jugend in ein Aktiventeam ist umso schwerer, je höher die erste Mannschaft spielt. Da sind wir froh, dass wir die Reserve wiederbelebt haben. Die steht gut da. Es herrscht dort eine Stimmung, wie sie besser nicht sein könnte. Damit haben wir eine Möglichkeit, A-Jugendlichen das Schnuppern in den Aktivenbereich anzubieten.

Wenn Sie sagen, dass Jugendarbeit einer der Schwerpunkte in Ingelheim ist, dann braucht es dazu eine funktionierende Nachwuchsabteilung. Nun hört Jugendleiter Olaf Allgeyer nach sieben Jahren auf, und ein ganzer Schwung von Nachwuchstrainern geht gleich mit. Was sind die Gründe und wie wollen Sie dem begegnen?

Wenn man sich die letzten sieben Jahre der Spielvereinigung anguckt, dann waren das doch sehr bewegte Zeiten mit Hochs und Tiefs sowie Unruhe. Olaf Allgeyer war in dieser Zeit der ruhende Pol, der in seiner Jugendabteilung sehr viel geleistet und damit auch eine Ära begründet hat. Und wenn so eine Ära zu Ende geht, dann hinterlässt das Schleifspuren. Wenn man aus einer funktionierenden Konstellation das Herzstück – sprich einen Olaf Allgeyer – rausnimmt, dann fallen Puzzlestücke. Wie wir damit umgegangen sind, hat nicht alle glücklich gemacht. Das ist mir bewusst. Ich weiß auch nicht, ob das möglich gewesen wäre. Wir haben uns sehr schnell bemüht, jemanden zu finden, der die Aufgaben übernehmen kann. Weil jetzt die Zeit ist, die nächste Saison vorzubereiten. Olaf Allgeyer sorgt zwar für eine vernünftige Übergabe, will sich verständlicherweise aber nicht mehr an der Vorbereitung der neuen Saison beteiligen. Nun ist es bei uns so, dass der Jugendleiter von der Mitgliederversammlung gewählt wird. Ich kann Ihnen also nicht sagen, wie der neue Jugendleiter heißt. Das steht zur Wahl. Wir werden in der ersten Maihälfte eine Online-Mitgliederversammlung abhalten und da hoffentlich die Zustimmung für den Kandidaten, den wir im Kopf haben, bekommen. Der Mann, mit dem wir im Gespräch sind, hat uns mit seinen Ideen und Konzepten überzeugt. Das Bindeglied zwischen Jugend und Aktiven haben wir mit Johannes Schön (Co-Trainer der ersten Mannschaft, Anm. der Red.) ziemlich gut besetzt.

Moment mal, Johannes Schön wollte doch die Spvgg. Ingelheim verlassen, um eine eigene Mannschaft als Chefcoach zu übernehmen.

Ja, er hat sich mit dem Gedanken getragen. Manchmal kommt aber das eine zum anderen. Und so bleibt er der Spielvereinigung erhalten und wird mit großer Wahrscheinlichkeit die A-Junioren übernehmen. Mit seinem Bezug zum Aktivenbereich sitzt er genau an der Schnittstelle.

Welche Rolle soll denn der frühere Wackernheimer Coach Sebastian Frey spielen?

Das ist unser Kandidat für das Amt des Jugendleiters.

Wo will die Spvgg. Ingelheim sportlich hin?

Wir haben natürlich die Verbandsliga im Kopf. Doch im ersten Schritt wollen wir uns in der Landesliga etablieren. Das haben wir in der abgebrochenen Saison noch nicht so gut hingekriegt. Ich verrate aber sicher kein Geheimnis, dass wir in den nächsten drei bis fünf Jahren in die Verbandsliga aufsteigen wollen. Dass dafür auf Spielerseite investiert werden muss, ist auch klar. Aber im Sinne von Integrität und Solidität. Wir werden nichts tun, was wir uns nicht leisten können. Also müssen wir daran arbeiten, Geldquellen zu erschließen, um uns das leisten zu können.

Das Interview führte Volker Buch.



991 Aufrufe26.4.2021, 12:30 Uhr
RedaktionAutor

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