– Foto: Roberto Parolari

Warum wir uns am "Tag der Amateure" nicht beteiligen

Der Deutsche Fußballverband wirbt seit Jahren mit dem Slogan "Unsere Amateure. Echte Profis", doch das ist mehr Bonmot als Leitspruch.

Vor einem Jahr haben wir Stellung zum "Tag der Amateure" bezogen, der am kommenden Sonntag stattfinden wird. Wir werden uns daran wieder nicht beteiligen - aus gutem Grund: Eigentlich ist es immer eine gute Sache, wenn der Fokus auf die Kleinen gelegt wird. Das lässt sich auf viele verschiedene Lebensbereiche übertragen, somit natürlich auch auf Freizeitbeschäftigungen.

Des Deutschen liebstes Hobby ist und bleibt der Fußball. Gefühlt hat schon jeder mit dem Ziel eines Volltreffers Maß genommen, ob Weiblein oder Männlein. Deshalb ist es leicht, sich mit Dorfvereinen zu identifizieren; vor allem, wenn sich der eigene Nachwuchs auf Tor- und Punktejagd begibt.

Dorfklubs sind keine Dienstleister

Allerdings keimt ein Problem der rückläufigen Mitgliederzahlen und somit der fehlenden Einnahmen und Ehrenämter genau dort: in der Jugendabteilung. Viele Eltern betrachten Fußballvereine als Dienstleister. Selbst in der D-Jugend wird schon vierteljährlich neues Equipment gefordert, obgleich der Klubbeitrag oft nur zwischen 50 Euro und 100 Euro beträgt. Wohlgemerkt im Jahr. Wie sollen Kreisligisten solchen horrenden Forderungen nachkommen, wenn zeitgleich Trainer aus- und fortgebildet werden?

F: Sven Nadolski
F: Sven Nadolski

Das zwingt das ein oder andere Aushängeschild einer Provinz oftmals zu waghalsigen Aktionen, die nicht selten im Bankrott enden. Natürlich liegen die Krisen und Engpässe nicht nur im schnellen Erfolg oder im ewig passenden Aufwärmshirt eines 13-Jährigen begraben. Selbstüberschätzung und, salopp gesagt, Schwanzvergleiche stehen dem in Nichts nach.

Muss ich als C- oder B-Ligist einem Bezirksligisten nacheifern? Natürlich nicht. Ich habe meine eigenen Stärken, die ich nur gezielt einsetzen muss. Dauert es dann mal etwas länger, bis ich ein Projekt realisiert habe? Natürlich, aber dafür ist die Nachhaltigkeit im Regelfall auch gewährleistet. Immer wieder gibt es diese Emporkömmlinge, die wie ein Phönix auf der Asche aufsteigen, zum Raubzug ansetzen und nach drei oder fünf Jahren an einem selbstgestrickten Galgen krepieren. Das muss nicht sein, das darf nicht sein und das soll gewiss auch nicht so sein.

Generalkritik nicht bei den Klubs suchen

Jedoch lassen sich für jedes riskante Vorhaben auch rationale Argumente finden. Immerhin ist es doch so: Welche Fußballerin oder welcher Fußballer möchte nicht einmal in seinem Leben einen Aufstieg feiern oder vor einer größeren Kulisse kicken? Dass solche Ziele aber immer schwieriger zu realisieren sind, liegt ebenfalls an der Tatsache, dass viele Vereine in diversen Dimensionen im Stich gelassen werden. DFB.net? Für viele nicht ohne Handbuch oder Tutorials nutzbar. Gemeinde-Umlagen? Häufen sich oftmals ohne eindeutig Erklärung. Sanktionen der jeweiligen Ordnungsinstanz? Kaum eine Mannschaft taucht nicht mindestens einmal im Monat im Strafenkatalog des Verbands auf, weile eine irrwitzige Frist nicht eingehalten wurde oder erfüllt werden konnte.

Der Deutsche Fußballverband wirbt seit Jahren mit dem Slogan "Unsere Amateure. Echte Profis", doch das ist mehr Bonmot als Leitspruch. Wann hilft Fußball-Deutschland wirklich mal seinen Grundfesten, die überhaupt dafür sorgen, dass die Profi-Klassen so florieren wie noch nie? Wie voll wären die Stadien, wenn der Kreisliga-C-Stürmer aus Velbert oder der in der Bezirksliga verteidigende Aldekerker nicht wöchentlich ihrer (Ersatz-)"Religion" nachkämen und in Massen gen Arena pilgern würden?

F: Björn Niedrig
F: Björn Niedrig

Welche Anerkennung die Oberen für die inbrünstigen Anhänger, die in der Regel auch Amateurfußballer sind, übrighaben, wurde erst im April dieses Jahres deutlich. Wahrscheinlich gibt es keine Region in Deutschland, die ein höheres Ballungszentrum an Vereinen pro Quadratmeter vorweisen kann als das Ruhrgebiet. Der Pott hat mit dem "Revierderby" zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund bekanntlich sein eigenes großes Highlight in der Bundesliga, doch an welchem Tag darf dieses rassige Lokalduell niemals stattfinden? Korrekt, an einem Sonntag. Doch der 15. April 2018 war ein Sonntag und somit verpasste die Deutsche Fußballliga den Ober- wie Kreisligisten einen gewaltigen Schlag in die Visage, obgleich der despektierlichere Ausdruck "Fresse" hier eher angebracht wäre, weil mit Rücksicht und Respekt hatte diese Ansetzung wenig zu tun.

Die Folge waren zahlreiche Verlegungen auf den Samstag und leere Sportplätze am eigentlichen Feiertag, denn genau das sollte dieses historische Duell zwischen S04 und dem BVB eigentlich sein.

F: Oliver Kälke
F: Oliver Kälke
Ein Tag - ein netter Gedanke

Das 11FREUNDE-Magazin hat deshalb im vergangenen Jahr analog zum englischen "Non League Day", der seit 2010 stattfindet, den sogenannten "Tag der Amateure" ausgerufen. Am kommenden Sonntag, dem 14. Oktober, sollen deutschlandweit die Massen zur hiesigen Lokalsport-Veranstaltung pilgern, um ihren Dorfkickern den Zuspruch zu erteilen, den sie auch wert sind. So weit, so gut.

Der Gedanke dahinter ist ein netter, doch wir als FuPa-Gebiet können uns damit nicht so recht identifizieren. Der Hintergrund ist einfach: Wir haben 365 Tage im Jahr den "Tag der Amateure" und bei uns stehen die Kleinen der Kleinen im Vordergrund. Nicht nur deshalb haben wir uns in der vergangenen Woche dazu entschlossen, im gesamten Verbreitungsgebiet von FuPa Niederrhein vollwertige Vor- und Nachberichte ab der Kreisliga A anzubieten und auch partiell die wichtigsten Geschehnisse der B- und C-Klassen abzubilden. Zusätzlich haben wir die Prämienpunkte für Liveticker und Galerien angehoben, weil wir damit zeigen wollen, dass wir Engagement belohnen und nicht Versäumnisse oder das Verstrichen einer unrealistisch einzuhaltenden Deadline bestrafen.

Wir wollen FuPa oder FuPa Niederrhein an dieser Stelle nicht feiern, gewiss nicht. Es gibt ebenso andere tolle Formate, die den charismatischen, lustigen und vor allem auch authentischen Kreisliga-Fußball unterstützen. Auch die aufgezeigten Problemfälle sind nur angeschnitten und decken keineswegs die gesamte Palette der oft schwierig zu löschenden Brandherde für unsere Helden, die bei Wind und Regen, Sonnenstrahl und Schneesturm ihre Frau beziehungsweise ihren Mann stehen, ab.

Vielmehr wollen wir mit diesem mutierten Wochenrückblick für einen Denkanstoß sorgen. Dorfvereine kämpfen um ihre Existenz und fehlende Hände, selbst für geschätzte Institutionen aus höheren Gefilden ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, in der Folge-Saison ruhigen Gewissens an den Start gehen zu können. Das liegt nicht nur am entstandenen Dienstleister-Charakter oder an fatalen Ambitionen für die mittelfristige Zukunft. Amateurfußball ist keine Selbstverständlichkeit mehr - und das sollten sich Spieler, Trainer, Fans, Eltern und auch Journalisten, wie wir es sind, verinnerlichen.

F: Heiko van der Velden
F: Heiko van der Velden

Die Zahl der aktiven Vereine und Mannschaften sinkt rapide und exzessiv. Nur gemeinsam können wir dem entgegenwirken. Das schaffen wir allerdings nur gemeinsam, indem wir den "Tag der Amateure" nicht als jährliches Highlight instrumentalisieren, sondern ihn wöchentlich vorleben.

13667 Aufrufe8.10.2019, 10:27 Uhr
André NückelAutor

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