Stefan Rießenberger hier als Schiedsrichter.
Stefan Rießenberger hier als Schiedsrichter. – Foto: ANDREAS MAYR

Spielabbruch nach schweren Zuschauerbeleidigungen - Schiedsrichter wollte aufhören

Vorzeitiges Ende bei TSV Burggen gegen TSV Schongau

Der vergangene Spieltag war aus Sicht der Vereine im Altlandkreis Schongau ebenso ungewöhnlich wie unschön: Gleich zwei Partien wurden – aus unterschiedlichen Gründen – abgebrochen.

Landkreis Schongau – In der Kreisklassen-Partie zwischen dem SV Fuchstal und dem SV Kinsau sorgte eine schwere Verletzung eines Kinsauer Spielers nach einem harten Foul für das vorzeitige Ende. Zwei Tage zuvor bei der A-Klassen-Partie zwischen dem TSV Burggen und dem TSV Schongau brach der Unparteiische ab, zuvor war er mehrfach von Zuschauern beleidigt worden.

Die Spielinfos auf der Homepage des Bayerischen Fußball-Verbandes waren verwirrend. Da stand bei der Partie zwischen Burggen und Schongau der Vermerk „Abbruch“. Wer daraufhin den Button „Liveticker“ anklickte, wunderte sich: Da waren alle Torschützen aufgeführt, es stand 3:2 für Burggen. Zudem verteilte der Schiedsrichter, der namentlich im elektronischen Spielberichtsbogen nicht (mehr) vermerkt ist, zahlreiche gelbe Karten und in der 88. Minute eine Zeitstrafe gegen den Schongauer Daniel Böhm. Dies ist der letzte Eintrag im Liveticker. Trotz der geringen Restspielzeit brach der Unparteiische die Partie ab, nachdem er zuvor mehrmals und zum Teil heftig von Schongauer Zuschauern beleidigt worden war. Dies bestätigt so auch Schongaus Trainer Peter Mahl.

Daraufhin, so Mahl, habe er seinen Burggener Trainerkollegen Thomas Höfler aufgefordert, den Schiedsrichter, der in die Kabine verschwunden war, zu überreden, die Partie fortzusetzen. Höfler habe dies umgehend getan, „aber der Schiedsrichter hat auf den Abbruch bestanden“, so Mahl. Der Zuschauer, der den Spielleiter so schwer beleidigt hatte, habe sich bei den Schongauer Spielern, die wie die von Gastgeber Burggen bedröppelt auf dem Platz standen, für seine Entgleisung entschuldigt. So wirklich verstehen kann Mahl das Verhalten des Unparteiischen, der in der zunehmend hektischen Partie „einige grobe Sachen nicht gepfiffen hat“, nicht. „Ich war auch lange Schiedsrichter. Da musst du einfach mal auf Durchzug schalten.“ Alternativ hätte er die Begegnung auch abpfeifen können“, so Schongaus Coach.

Früher abpfeifen statt Spielabbruch nicht möglich

Letzteres geht laut Michael Kögel, Obmann der Schiedsrichtergruppe Schongau, jedoch nicht. „Ein Spiel muss mindestens 90 Minuten dauern.“ Auf die Frage, ob es richtig gewesen sei, abzubrechen, antwortet Kögel ausweichend: „70 Prozent pfeifen wahrscheinlich weiter.“ Er betont aber, dass er aus menschlicher Sicht absolutes Verständnis für die Entscheidung seines Schiedsrichterkollegen habe. „Über das gesamte Spiel ist er mehrfach beleidigt worden“, und auch von der Schongauer Bank seien mehrfach Unmutsbekundungen gekommen. Kögel, der Spiele bis zur Bayernliga gepfiffen hat, ist mit seinen 42 Jahren ein erfahrener Pfeifenmann. Er hätte die Situation anders gehandhabt: „Normal rufst du den Ordnungsdienst und der verweist den Zuschauer des Platzes.“

Der Schiedsrichter, der diese Partie pfiff, war zwar kein heuriger Hase mehr und er hat selbst auch Fußball gespielt, den Schiedsrichterschein besitzt er allerdings erst seit dem vergangenen Juli. Noch am selben Abend hatte er seinen Schiedsrichter-Obmann angerufen. „Dieses Telefonat war nicht lustig, er wollte aufhören“, berichtet Kögel. Nur mit Mühe habe er ihn beruhigen und überreden können, weiter Spiele zu pfeifen.

Szenen, wie sie sich im Spiel zwischen Burggen und Schongau ereignet haben, treten laut Kögel zwar eher selten in einer solchen Heftigkeit auf, Schiedsrichter-Beleidigungen sind aber an der Tagesordnung: „Das ist mittlerweile normal.“ So gesehen sei es auch gar nicht schlecht, dass die Partie abgebrochen wurde. Damit könne man auf dieses unschöne Thema wieder einmal aufmerksam machen.

Unterschiedliche Gründe für Spielabbrüche im Amateurfussball

Was vergangenen Donnerstagabend in Burggen vorgefallen ist, dient auch nicht dazu, Schiedsrichter-Nachwuchs zu rekrutieren. Dabei ist die Situation in der Schiedsrichtergruppe Schongau mittlerweile „mehr als ganz schlecht“, wie Kögel betont. Im Rahmen der Relegationsspiele im vergangenen Juni habe es zwar einen großen Aufruf an die Vereine gegeben, die Resonanz sei aber enttäuschend gewesen. Dabei ist die Situation für den Schongauer Zuständigkeitsbereich dramatisch: Dass Spiele in den B- und C-Klassen nicht mehr besetzt werden, „ist mittlerweile mehr Regel als Ausnahme“, berichtet Kögel. Und ohne die Hilfe benachbarter Schiedsrichtergruppen seien auch die Spiele der A-Klasse nicht mehr komplett mit Schiedsrichtern zu bestücken.

Auch bei der Kreisklassen-Partie zwischen Gastgeber Fuchstal und dem SV Kinsau erlebten Spieler, Betreuer und Zuschauer ein vorzeitiges Ende. Wenige Augenblicke vor der Pause foulte ein Fuchstaler seinen Kinsauer Gegenspieler „rotwürdig, aber in der Entstehung unglücklich“, so Stefan Rießenberger, der diese Partie leitete. Es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als den Fuchstaler mit glatt Rot vom Platz zu stellen.

Dieser Aspekt geriet allerdings zur Nebensache, denn der gefoulte Kinsauer blieb schreiend liegen. Schnell war klar: Das ist eine ernsthafte Verletzung. Es wurden Notärzte und ein Sanka gerufen, der den Spieler nach mehr als halbstündiger Erstversorgung auf dem Platz abtransportierte. „Beide Mannschaften waren fix und fertig“, berichtete Rießenberger, „und am meisten der Sünder“. In Absprache mit beiden Trainern beschloss er daraufhin, das Spiel abzubrechen. „Weiterspielen hätte auch keinen Sinn mehr gehabt.“

Wie mit diesen beiden Partien weiter verfahren wird – Wiederholung, Wertung, Geldstrafen –, darüber entscheidet jetzt das Sportgericht. (Stefan Schnürer)

Aufrufe: 019.10.2022, 08:01 Uhr
Stefan SchnürerAutor