
Diese Sonnenuntergangsatmosphäre war es in Verbindung mit satten 576 zahlenden Zuschauern auch, die dem Lokalduell den gebührenden Flair verlieh. Der vollgepackte Sportlerheimbalkon, eine Gegengerade voller blau-weißer Gästefans und (leider) auch eine längere Schlange am Rosterstand zeugten davon. Und auf dem satten, gut präparierten Grün entwickelte sich so von Beginn an eine Partie, die von höchster Konzentration und taktischem Respekt, aber auch den erwartbaren kleinen Nickligkeiten geprägt war.
BERICHT von Leif Broßmann / FSV Schleiz
Dabei musste Schleiz-Coach Roger Fritzsch, der selbst nicht auf der Bank platznehmen durfte, den ebenfalls gesperrten Mendes ersetzen und tat das, indem Sa von der linken Verteidigung auf den rechten Flügel wanderte. Gepaart mit einigen weiteren Positionsänderungen wurde so im defensiven Mittelfeld Platz für Oskar Martin Petzold, der verdientermaßen zurück in die Startelf rückte. Als Nebeneffekt traf Neu-Linksverteidiger Bamba dann auf Neustadts potentiellen Unterschiedsspieler E. Walther, dem aber früh klargemacht wurde, dass zumindest über diese Seite heute nichts gehen würde. Die Folge war die erste gelbe Karte des Spiels nach übertriebenem Einsteigen des Blau-Weiß-Angreifers gegen Eichelkraut nach gut 20 Minuten.
Zuvor erlebte man eine Phase des Abtastens beider Teams. Sa testete mit einem Freistoß BWN-Schlussmann Paul; Pohl verpasste dann abzuschließen, nachdem er einen langen Ball gekonnt behauptet hatte. Echte Neustädter Gefahr ließ bis Mitte der ersten Hälfte auf sich warten. Dann zeigten die Gäste aber, wie schnell es gehen könnte: Seidels Dribbling durch die gesamte Schleizer Hälfte endete mit einem Pass auf J. Walther, der den Ball nur knapp am FSV-Gehäuse vorbeisetzte. Mit dem Halbzeitpfiff hatte dann auch Künzel per Volley noch einmal einen Riesen auf dem Fuß, doch das Spielgerät ging einige Meter über den Kasten.
Unterdessen hatten auch die Schleizer noch drei Größtchancen, doch Pohl scheiterte im Eins-gegen-eins an Paul, Eichelkraut setzte seinen Abschluss nach Bergers Freistoßflanke aus kürzester Distanz neben das Gehäuse und Langers Abschluss wurde von Neustadts Spielführer Grau im letzten Augenblick geblockt.
Schiedsrichter Steffen Läsker beendete die erste Halbzeit also bei einem Stand von 0:0. Mit Bravour und souverän hatte das Schiesdrichtergespann diese ersten 45 Minuten geleitet. Es sollte das auch im zweiten Teil des Spiels tun – auch wenn die Mittel hierzu drastischer wurden.
Denn die zweite Halbzeit dieser Partie wird wohl nicht nur wegen des letztlich entscheidenden Treffers und eines unerwarteten Retters, sondern auch eines Novums am Fasanengarten in Erinnerung bleiben: Das STOP-Konzept des DFB ist eine im Sommer 2024 in Kraft getretene Maßnahme zur Gewaltprävention und dient als "Beruhigungspause", wenn sich die Gemüter auf dem Platz zu sehr erhitzen und wurde in Schleiz erstmals angewendet. Denn tatsächlich wurde das Geschehen besonders nach einem Foul Mohorns mit offener Sohle an Sa – wohl bemerkt, nachdem das Spiel schon unterbrochen worden war –, einer folgenden Tätlichkeit des Portugiesen und der Ampelkarte für den verwarnten und sich einmischenden J. Walther in der 65. und schließlich in der 80. Minute nach einem taktischen Foul Pätz' und Neustädter Aufregungen hitziger. Als Lösung wählten Steffen Läsker und seine Assistenten Breuninger und Köhler mit der Durchführung des STOP-Konzepts dann so etwas wie fünfminütiges "In-die-Grübelecke-stellen": Die Spieler wurden in ihre jeweiligen Strafräume geschickt, das Schiri-Gespann beriet sich und begründete den Kapitänen Pohl und Grau sowie Ordner-Chef Heiko Marschall die Unterbrechung der Partie. Mit beruhigten Gemütern und nur noch zwanzig Spielern auf dem Platz konnte es dann weitergehen. Schon vor Ende des Berichts sei deshalb erwähnt, dass die Leistung des Schiesdrichtergespanns in einer Partie solcher Brisanz mustergültig war. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele junge, vielleicht angehende und eventuell auch langjährige Schiedsrichter mitbekommen haben, mit welcher Klarheit, Ernsthaftigkeit, dennoch Nahbarkeit und Korrektheit hier seitens der Unparteiischen agiert wurde!
Diese Unterbrechung war der Höhepunkt einer knackiger werdenden zweiten Halbzeit, in der erst Langer einen Konter nach Pätz-Pass nicht erfolgreich abschließen konnte und dann auch Schulz Pohls Ablage nach einer Ecke elegant drei Meter über den Querbalken schaufelte. Auch die Gäste wurden aber zwingender, etwa durch ein Eckball-Trio oder die scheiternden Künzel und E. Walther. Der eingewechselte Wahl stellte die FSV-Defensive vor neue Herausforderungen.
Da parierte sich plötzlich ein bisher noch unspektakulär agierender Protagonist ins Rahmenlicht: Der 35-jährige Christian Feig, der Daniel Micklischs Vorgänger in der Co-Trainer-Rolle war und seine letzte Partie im März 2025 für die 2. Mannschaft absolviert hatte, stand überraschend im Tor des FSV Schleiz, war ein sicherer Rückhalt und sollte bis zum Spielende die Weiße Weste anbehalten. Vor allem seine aufmerksame Tat im Duell mit Wahl in der Schlussphase verhinderte wohl einen Gästesieg.
Und stattdessen kam in eine Neustädter Schlussoffensive hinein der Stich ins Herz der Orlastädter: Einen Fehlpass leitete Berger, unmittelbar bevor er gottlos weggesenst wurde, auf seinen startenden Kapitän weiter. Pohl schüttelte erst Wietasch ab, spitzelte dann das Spielgerät am zögerlich herauseilenden BWN-Torwart vorbei und vollendete nach kurzem Schulterblick ins leere Tor zum 1:0-Endstand (.).
Wenig später Pfiff Läsker die Partie ab, wodurch Schleiz den Heimspiel-Derbysieg-Dreierpack in der Thüringenliga gegen Neustadt schnüren und das fünfte Duell zwischen beiden Teams über ungeschlagen bleiben konnte. Es folgte eine Ehrenrunde zu allen fleißigen Unterstützern am Fasanengarten, ein Uffta-Tätärä mit Capo Stichi, ein Eichelkraut-moderiertes Zicke-Zacke auf den Sieg und unseren kürzlich 55 gewordenen Betreuer KB sowie eine Nacht, die an die Hochphase der Kabinenfeier-Zeiten erinnerte. Dieser Verein, diese Mannschaft ist besonders. Immer noch und immer wieder.
Das sieht auch ein stolzer FSV-Caoch Roger Fritzsch so: "Ich denke auf Grund der klaren Chancenvorteile ein hochverdienter Sieg, aber durch den späten Treffer natürlich trotzdem glücklich", so seine knackige Einschätzung der Partie. "Aus einer sehr geschlossenen Mannschaftsleistung möchte ich Nicky Eichelkraut, der fast 60 Minuten lang angeschlagen auf dem Platz eine Top-Leistung abgerufen hat, und unsere beiden Jüngsten, Petzold und Schulz, hervorheben!"
Zusammenfassung: In einem als hitzig in Erinnerung bleibenden SOK-Derby war der FSV Schleiz sowohl taktisch als auch mental bestens auf den SV Blau-Weiß 90 Neustadt (Orla) eingestellt. Es gelang den Rennstädtern durch saubere eigene Ballbesitzphasen und eine sichere Defensive das Geschehen 60 Minuten lang zu prägen. Nach dem Hinspiel wussten die Schwarz-Gelben, was sie erwartet und dass es darauf ankommen würde einen kühlen Kopf zu bewahren. Nach je einem Platzverweis bekamen die Gäste in den letzten 20 Minuten leichtes Oberwasser, von einem hervorragend haltenden Routinier Feig aber auch die Grenzen aufgezeigt. Als Berger dorthin ging, wo es weh tat, und Pohl sich gegen zwei Gegner durchsetzte, brachen am Fasanengarten die Dämme. Der FSV Schleiz ließ sich auf keine Spielchen ein und verdient sich durch mentale Stärke und Mut mit Ball den Derbysieg!