Auch im Internet-Zeithalter noch der Schweizer Trikot-Platzhirsch - der Fussball Corner Oechslin.
Auch im Internet-Zeithalter noch der Schweizer Trikot-Platzhirsch - der Fussball Corner Oechslin. – Foto: Reto Schlatter

So manche Sünde

Seit Jahrzehnten gibt es für Trikotsüchtige dieses eine Paradies

Der Fussball Corner Oechslin ist schweizweit die prominenteste Adresse für Hobbykicker und Fans. Für Kinder ist der Laden eine Traumfabrik, älteren Semestern führt er schonungslos vor Augen, dass sie ihren Zenit überschritten haben.

Im Fussball Corner Oechslin habe ich gesündigt.

Es war kurz vor der WM 98, ich war noch ein Knirps und verbrachte einen meiner schulfreien Nachmittage in diesem Fussball-Schlaraffenland am Zürcher Schaffhauserplatz. Wo Kindheitsträume in Textilform Wirklichkeit wurden und die Reizüberflutung für einen fussballverrückten Dreikäsehoch schon damals grösser war als an jeder Chilbi oder Kinderdisco.

Schaufenster der Träume und Tor zur Sehnsucht: der Oechslin am Zürcher Schaffhauserplatz.
Schaufenster der Träume und Tor zur Sehnsucht: der Oechslin am Zürcher Schaffhauserplatz.

Allein die Trikots: Superhelden-Uniformen für Pausenplätze: Seleção, Ronaldo, Nummer 9. Italien, Maldini, Nummer 3. Aber auch Japan, Nakata, Nummer 8. Und wer wollte, konnte sich gar das Saudi-Arabien-Shirt bedrucken lassen. Al-Owairan, Nummer 10.

Von den unzähligen Klubtrikots ganz zu schweigen. Ob Porto, Parma oder Panathinaikos: Der Fussball Corner bot Stoffe aus ganz Europa feil. Und wo gab es das sonst schon? Mit seiner schieren Auswahl und der puren Reduktion auf den Fussball stellte der Laden schon bald nach der Eröffnung 1974 sämtliche Sportgeschäfte des Landes in den Schatten. Schon die Generation vor mir konnte nicht umhin, für ein Trikot in den Oechslin zu pilgern – aus allen Teilen der Schweiz.

Bei einem Stadtkind wie mir häuften sich die Besuche erst recht. Man brauchte dabei nicht einmal etwas zu kaufen (was ohne zahlungskräftige Erwachsenenbegleitung ohnehin schwierig war, schliesslich kostete ein Originaltrikot ohne Name und Nummer schon damals 99.90 Franken – immerhin: Poster nach Wahl inklusive). Für die Ausschüttung von Glücksgefühlen reichte es, zuerst die Nase ans Schaufenster zu pressen und sich anschliessend drinnen durch die vollgepferchten Trikotreihen und Schuhregale durchzuarbeiten, zu schauen, zu fühlen, zu riechen.

Aber zurück zum besagten Nachmittag im Sommer 98: Damals blieb es nicht bei den Sinneseindrücken. Ich langte zu. Ich klaute beziehungsweise «strutzte». Und zwar ein paar Päckchen Panini-Bildli, die schlecht beaufsichtigt in einer Box an der Verkaufstheke auslagen. Der Verkäufer, ein warmherziger älterer Herr mit Schnauz (es könnte Ladengründer Heini Oechslin himself gewesen sein; er verstarb leider am 4. Januar 2021 - die Red.), merkte nichts. Er wünschte mir zum Abschied gar noch eine «schöne WM». Das schlechte Gewissen plagte mich tagelang.

So viele Farben!

Allerdings waren die Schuldgefühle nicht derart stark, dass sie mich in den folgenden Monaten und Jahren von weiteren Besuchen des «Tatorts» abgehalten hätten. Mittlerweile ist der Diebstahl nicht nur verjährt, er ist für mich auch durch zahlreiche Einkäufe ziemlich teurer Trikots und Ganzkörpertrainer abgegolten. Die geklauten Panini-Bildli könnten somit als vorgängig bezogener Treuebonus durchgehen.

In den letzten Jahren sind die Besuche seltener geworden. Vielleicht auch deshalb, weil sie mir immer schonungsloser den eigenen Alterungsprozess vor Augen führen.

Als ich den Fussball Corner jüngst an einem Samstagnachmittag wieder einmal betrat, keimte die kindliche Begeisterung zwar sofort wieder auf. Jedoch verstand ich einige Dinge nicht mehr und fühlte mich ein wenig so, wie sich Ludovic Magnin nach seinem Transfer zum FCZ als Spieler gefühlt haben muss, als ihm plötzlich der junge Ricardo Rodriguez vor der Sonne stand: wie ein alter Mann, überfordert vom Tempo und den Launen der Jugend.

Die Farben und Muster erschlagen mich mittlerweile förmlich. Real Madrid ist nicht mehr länger nur das weisse Ballett, sondern trägt nun auch knalliges rosa. Das Juve-Ausweichtrikot hat mit seinen schwarzen Farbklecksen auf orangem Hintergrund eine fast schon hypnotische Wirkung. Die Streifen auf dem Inter-Shirt können nicht mehr gradlinig verlaufen, sondern müssen im Zickzack angeordnet sein. Und das Dortmund-Trikot sieht nicht nur im TV hässlich aus, es vermag aus der Nähe gar kurz den Anflug eines epileptischen Anfalls auszulösen.

Ein Junge, der an diesem Nachmittag mit seinem Vater und seiner Schwester den Laden verlässt, ist da offenbar weniger empfindlich: Er hat das BVB-Shirt eben erworben, ohne Namen und Nummer, dafür gabs auch noch ein CR7-Poster dazu. Der Junior des FC Neukirch-Egnach ist extra aus der Ostschweiz angereist. «Wir wollten eigentlich an eine E-Sport-Ausstellung im FIFA-Museum. Aber die wurde wegen Corona abgesagt», sagt der Vater. Die Alternative: der Fussball Corner, noch immer eine schweizweit bekannte Attraktion.

Schoner wie SIM-Karten

Nun betreten zwei Hobbyfussballer den Laden. Sie sind eigentlich schon umgezogen für ein paar Ballwechsel auf dem Platz («Mätschlen» liegt in diesen Zeiten bekanntlich nicht drin). Der eine trägt Juve-Shorts und einen Ball mit sich. Fehlen nur noch die Schuhe. Früher hatten nur wenige Kunden spezifische Wünsche («Nike, Lars Ricken»). Die meisten begaben sich relativ ahnungslos in den Laden und gingen nach eingehender Beratung mit einem klassischen Paar «Puma King» oder dergleichen nach Hause, wie mir Mitarbeiter Jimmy erklärt.

Heute kommen sie mit dem exakten Modell ihres Idols auf dem Zettel. Als mir der eine Tschütteler wenig später seine neu erworbenen Treter präsentiert, halte ich diese erst für Socken oder eng anliegende Thrombosestrümpfe. Ich muss genau hinschauen, ehe sich mir offenbart, dass so das fussballerische Schuhwerk der Gegenwart aussieht. «Die haben sich schon verändert, sie sind deutlich leichter als früher», sagt einer der Käufer und gibt mir damit zu verstehen, dass bei all meiner Überforderung im Hier und Jetzt immerhin noch das Erinnerungsvermögen intakt ist. Die Eigenmarke «Oechslin Super Cup» in ganz schwarzem Känguruleder verkauft der Fussball Corner noch immer, den Hipster freuts.

Ein Blick auf die Schienbeinschoner bestärkt dann wieder das Gefühl des Abgehängtseins. Waren die Dinger früher klobige Panzer mit allerlei Bändel und «Gschleif», so sind sie heute schlichte Plättchen, nur unwesentlich grösser als SIM-Karten. Die Intention ist klar: weniger Schutz, aber mehr Raum für Kabinettstückchen und Zuckerpässchen. Aber wie sollen Eisenfüsse so noch herzhaft reinholzen können? An Stéphane Henchoz‘ These, dass die Verteidiger von heute keine blutgrätschenden Krieger, sondern phlegmatische Schönspieler sind, muss etwas dran sein!

Vereinstreue ist out

Doch sosehr sich manche Dinge auch verändert haben, das Erfolgsrezept des Fussball Corner ist über die Jahre dasselbe geblieben: Der Laden ist einerseits Grundversorger und Ausrüster für Tschütteler aller Altersklassen und Leistungsstufen und strömt dabei einen mässig glamourösen Breitensport-Groove aus.

Andererseits ist er aber auch eine Traumfabrik, ein Tor zur Glitzerwelt des Fussballs, durch das die Kunden als Junioren des FC Bischofszell, des FC Rüti oder von Oerlikon/Polizei eintreten und als kleine CR7, Neymars oder Dybalas wieder rauskommen.

Trikots aus der ganzen Welt auf nur wenigen Quadratmetern.
Trikots aus der ganzen Welt auf nur wenigen Quadratmetern. – Foto: Reto Schlatter

Die Möglichkeit, Trikots noch vor Ort und innert nützlicher Wartefrist bedrucken zu lassen, ist gemäss Geschäftsführer Ralph Greile eines der Alleinstellungsmerkmale des Geschäfts. «Das kann in der Schweiz bei einer solchen Auswahl keiner bieten», sagt er. Die Beflockung mit Nummer und Spielernamen sei im Zusammenhang mit einzelnen Spielern wie Beckham oder Zidane bereits in den 90er-Jahren hoch im Kurs gestanden.

In den letzten Jahren sei die Nachfrage aber weiter gestiegen: «Früher kauften die Kunden ihre Trikots stark mannschaftsbezogen, die Vereinstreue war grösser. Heute stehen die Spieler noch stärker im Fokus.» Verkäufer Jimmy nennt das Beispiel Diogo Jota: Liverpools Neuzugang erzielte jüngst zwei Tore an einem Wochenende. «In den Tagen darauf mussten wir seinen Namen einige Male auf Trikots drucken.»

Kinderträume und Sonderwünsche

Ein Junge, der mit seiner Mutter strahlend den Laden verlässt, hat derweil einen anderen Favoriten. Eben noch quengelte er in der Umkleidekabine, weil das Puma-Unterziehtrikot zu eng war. (Das wiederum hätte ihm selbst ein alter Mann wie ich sagen können!) Nun scheint er auf einer Wolke der Glückseligkeit zu schweben, das Mami ist erleichtert. Das Unterziehleibchen blieb liegen, dafür wurde ein neues Bayern-Trikot gekauft, Nummer und Name sind schon drauf. Wer das Idol ist? Man hätte es angesichts der Afrofrisur des strahlenden Jungen erahnen können: Leroy Sané.

Dass im Fussball Corner im Umgang mit Trikotnummern auch der umgekehrte Weg möglich ist, zeigt an diesem Nachmittag eine andere Episode: Ein stämmiger Herr mit Glatze betritt zackig den Raum, er trägt einen Barça-Trainer aus den 80er-Jahren. Äusserlich erinnert er an Lausanne-Trainer Giorgio Contini, was man allerdings nur erahnen kann, weil sein Gesicht von einer Barça-Schutzmaske bedeckt ist. In einem Plastiksack führt er zwei alte Barça-Auswärtstrikots mit sich. Farbe Türkis, Saison 89/90. Sein Anliegen: Er möchte die Nummer 11 auf beiden Shirts wegmachen lassen. Nicht deshalb, weil er Txiki Begiristain, den Träger von damals, nicht mehr leiden kann. Sondern weil die Nummern seinerzeit nicht im Originaldesign aufgedruckt wurden. «Wir versuchen es, aber es könnte Schlirggen geben», sagt Jimmy. Der Kunde nimmt es in Kauf, auch weil er weiss: «Wenn das hier nicht klappt, klappt es nirgends.»

Fischer und Longo hinter dem Tresen

Dass der Fussball Corner Oechslin auch im Internet-Zeitalter der Schweizer Trikot-Platzhirsch ist, zeigt sich nicht nur daran, dass hier die Sonderwünsche von Barça-Fans behandelt werden. Weiterhin hat man auch ein Herz für die Anhänger von Getafe. Oder von Vasco da Gama. Ja sogar von Bate Borisow. Auch diese Originaltrikots finden sich irgendwo aufgehängt, nach ihnen gefragt werde aber – wenig überraschend – selten.

«Es ist für uns eine Sache des Prestiges, sie anzubieten», sagt Geschäftsführer Greile. Tradition verpflichtet. Und im Gegensatz zu einer Onlinebestellung im Ausland hält man selbst das dritte Trikot von Tottenham sehr bald in den Händen – und wegen ausbleibender Versandgebühren und Zollformalitäten erst noch zu einem besseren Preis.

Ruud Gullit bei seinem Besuch in Zürich - Ladengründer Heini Oechslin stehend links.
Ruud Gullit bei seinem Besuch in Zürich - Ladengründer Heini Oechslin stehend links.

Prestige verschafft hat dem Laden einige Jahre nach seiner Gründung in den 80er-Jahren auch Ruud Gullit, der für eine Autogrammstunde vorbeischaute. Es war bis heute der letzte Besuch eines Weltstars in Zürich-Unterstrass. Zuvor waren da immerhin noch Urs Fischer und Urs Schönenberger, die sich in ihren ersten FCZ-Jahren nach dem Training als Teilzeitangestellte im Fussball Corner einen Zustupf verdienten.

Und ja, auch die Fussballikone schlechthin hat am Schaffhauserplatz 10 seine Spuren hinterlassen: Über dem Tresen wacht ein Trikot von Diego Armando Maradona, das «El Dios» für den Fussball Corner mit eigenen Händen signiert hat. Es hängt seit den 80er-Jahren dort.

Das bedeutet wiederum, dass Schutzpatron Diego mich mittels dieser Reliquie damals, an einem Sommernachmittag im Jahre 98, beim Bildli-Klau beobachtet hat. Und er mir nun, rund 22 Jahre später und kurz vor seinem Tod, die Beichte abgenommen hat.

Der Artikel ist im Fussballmagazin Zwölf erschienen. Zur aktuellen Ausgabe.
Ein Abo von "Zwölf - Fussball-Geschichten aus der Schweiz" - lösen.

Aufrufe: 03.1.2021, 14:29 Uhr
Benjamin RothschildAutor

Verlinkte Inhalte