
Wiesbaden. Stolze 622 Beiträge zählt der Instagram-Account des SKC Munzur Wiesbaden. Damit hat der B-Ligist die wahrscheinlich engagierteste Social Media-Abteilung Wiesbadens. Wobei sich das im Falle Munzurs auch einfach in den wahrscheinlich engagiertesten Trainer Wiesbadens übersetzen ließe. Denn Coach Tolga Yildiz bespielt den Online-Auftritt seines Teams im Alleingang.
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"Das macht Spaß und kann eben auch Aufgabe eines Trainers sein. Insbesondere in kleinen Vereinen, die nicht so breit aufgestellt sind, muss man als Trainer mehr leisten, als nur Trainings und Spiele zu organisieren", meint er. Vor kurzem wurde dem früheren Torwart allerdings kurz der Spaß an seiner Nebentätigkeit genommen. Unter einem Video, auf dem Kapitän Noureddine Hassan seinem Vertreter Gabriel Deniz die Kapitänsbinde anzog, kommentierte ein Account "Asylheimer Kickers".
Rassistischer Kommentar wird aufgegriffen
Statt den rassistischen Kommentar einfach zu löschen, entschied sich Yildiz dazu, das Ganze aufzugreifen. So verurteilte er in einem gesonderten Post die Anfeindung und distanzierte sich ebenso im Spieltagsinterview nach dem Spiel gegen Blau-Gelb. "So etwas macht einen im ersten Moment natürlich wütend und fassungslos. Intuitiv will man das dann erstmal einfach löschen. Aber ich habe das für den falschen Weg gehalten. Es ist wichtig, so etwas öffentlich zu machen, die Leute aus der Deckung zu holen und sich zu positionieren", meint er. Im Nachgang bekam der Verein sowohl öffentlich als auch privat viel Solidarität: "Wir haben ganz viel Unterstützung erfahren, was mich unglaublich gefreut hat. Viele haben verstanden, was so ein Kommentar auslösen kann und sich deshalb gemeldet. Es soll ja im Prinzip vermitteln: Egal, was du Positives darstellst, für manche Menschen gehört man einfach nicht dazu, wenn man anders aussieht. Ich bin froh. dass es die Jungs kaum mitgenommen hat, wir haben bei der letzten Spielersitzung nochmal darüber gesprochen."
Yildiz, der den Amateurfußball seit vielen Jahren bestens kennt, weiß auch um die besondere Rolle von Vereinen mit Migrationsgeschichte: "Munzur wurde 1999 gegründet. Mein Onkel ist hier Anfang der 2000er in den Vorstand gekommen, ich spiele seit meiner Jugend Fußball in Wiesbaden und bin jetzt seit rund vier Jahren Trainer hier. Da hat man schon einiges erlebt und mitbekommen. Vieles von dem, was einem früher ohne Konsequenzen an den Kopf geworfen werden konnte, ist heute endlich nicht mehr sagbar. Ich habe das in meiner Zeit als Torwart auch erlebt. Meine Schwarzen Freunde wurden damals immer wieder mit dem N-Wort beleidigt. Das hat sich schon gewandelt. Ich habe das Gefühl, dass diese Dinge, wenn dann eher im geschützten Kreis gesagt werden, wo sich Personen sicher fühlen, keine Widerworte zu bekommen. Gerade deshalb ist es wichtig, seinen Mund aufzumachen", berichtet Yildiz, der weiter weiß: "Bei Vereinen mit vielen Spielern mit Migrationshintergrund muss man häufig einmal mehr auf ein faires Verhalten achten. Gibt es eine Rudelbildung oder Ähnliches, wird das von einigen gleich in Verbindung mit der Herkunft gebracht. Hast du dann als Verein wirklich mal mehrere solcher Vorfälle, ist es schwer, dieses Image wieder loszuwerden. Wir hatten das vor ein paar Jahren bei unseren Teams, die Fairness nicht so vorgelebt haben, wie wir es uns wünschen. Wir haben dort dann personelle Veränderungen vorgenommen und jetzt insgesamt eine Kultur, die zuerst Respekt und Fairness einfordert. Danach kommt der Erfolg. Aber da war es auch erstmal schwer, das wieder loszuwerden."
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Der Kommentar wurde vom Verfasser selbst im Übrigen mittlerweile gelöscht. "Das war ein einzelner Idiot. Wir wissen das einzuordnen. Die politischen Entwicklungen und Narrative der letzten Jahre tragen eben oft Früchte", analysiert Yildiz. Womit er recht zu haben scheint, denn auf dem Account zeigt sich ein junger Mann stolz mit "Deutschland"-Schriftzug in der Beschreibung. In den vergangenen Jahren zeigen sich immer wieder vermehrt Accounts, die als Teil einer rechten Meme-Kultur Deutschland unter anderem als "Schlaraffenland" für Geflüchtete konstruieren. In den Kommentarspalten dieser Beiträge tummeln sich Konten wie die des Herren, der unter dem Munzur-Video auftauchte. Die Faktenlage gibt dieses Narrativ zwar angesichts von Arbeitsverboten, dem ausgesetzten Familiennachzug oder Instrumenten wie der sogenannten "Bezahlkarte" nicht her, trotzdem sind dafür immer wieder insbesondere junge Männer empfänglich. "Auch der Sport kann hier einen Beitrag leisten und solche Tendenzen abbauen. Wer bei uns einmal im Verein ist, merkt wie hier 15 Kulturen gemeinsam Vereinssport betreiben. Das steht für sich", ist Yildiz überzeugt.