"Optimismus muss man sich als Fan bewahren, allein schon aus Trotz"

Die Saison ist tot. Lang lebe die Saison! Nach all den schlechten Nachrichten der vergangenen Wochen und Monate schreibt FuPa wieder positive Schlagzeilen - mit euren schönsten Fußballmomenten der Saison 20/21. Den Aufschlag macht "Der 12.Mann" Nico Schoch.

Der endgültige Saisonabbruch und die diesmal damit verbundene Annullierung aller gespielten Partien hat die Amateurfußballwelt trotz aller Alternativlosigkeit hart getroffen. Doch alles Jammern über verpasste Aufstiegschancen, geplatzte Derbys und abgesagte Kabinenfeste bringt nichts. Und deshalb nutzen wir auf FuPa die nächsten Wochen, um noch einmal in schönen Erinnerungen zu schwelgen! Den Anfang macht Nico Schoch, bei der TSG Backnang und dem SV Pfahlbronn besser bekannt als "Der 12.Mann", der uns mitnimmt und von seinen beiden schönsten Fußballmomenten der Saison 20/21 berichtet.

Nico Schoch alias Der 12. Mann: "Um drei Uhr morgens waren wir wieder zurück in Schwäbisch Gmünd"

Der Amateurfußball im Lockdown und kein Ende in Sicht. Es ist Ende April und wir stehen ziemlich genau am gleichen Punkt wie vor einem Jahr. Besser gesagt: Wir sitzen zuhause. Wieder mal oder immer noch, das fällt in die Augen des Betrachters. Rückblickend war es – und das müssen sich auch die Verbände im Hinblick auf eine künftige Spielzeit 21/22 eingestehen! - blauäugig, im vergangenen August eine Corona-Saison mit aufgeblähten Ligen zu beginnen. Zumal niemand einen vernünftigen Plan B in der Tasche hatte.

So geriet die Saison 2020/21 zu einem kurzen Vergnügen. Als Fan hatte man immer ein Auge zu richten auf den richtigen Abstand, Maskenpflicht, Desinfektion und mögliche Zuschauerbeschränkungen insbesondere bei Auswärtsspielen. Jedes Wochenende aufs Neue stellte sich die Frage: Was darf man noch und wie lange? Die allermeisten Zuschauer sind an den Sportplätzen trotzdem dicht an dicht gestanden, ohne dass ich jetzt aber wüsste, dass daraus irgendwo ein Corona-Hotspot entstanden wäre. Für mich war das alles naturgemäß ein Stück einfacher: Packe ich im Stadion meine Trommel und die berüchtigte 98-Dezibel-Stimme aus, halten die Nebenleute gerne zwei Meter Abstand. Oder auch mehr...

So kurz und seltsam diese Saison auch wahr, fällt es mir gar nicht so leicht, einen Moment besonders hervorzuheben. Rein emotional waren natürlich die ersten Vorbereitungsspiele im Juli inklusive der Wiedersehensfreude am allerbesten. Sei es nach über vier Monaten erstmals wieder unter dem Etzwiesenviadukt zur TSG Backnang zu spazieren oder auch beim SV Pfahlbronn und nicht zuletzt bei meinen Freunden vom SV Hussenhofen vorbeizuschauen, diese Momente waren einfach speziell. Dass der zweite Lockdown noch viel länger und kräftezehrender werden würde, hätte ich nicht für möglich gehalten und ich denke, so geht es vielen. Ziemlich genau ein halbes Jahr liegt mein letztes „Live-Spiel“ jetzt zurück: Am 29. Oktober siegte die TSG gegen Bissingen mit 5:2. Der bevorstehende Lockdown war wenige Stunden zuvor beschlossen worden. Dass das famose Flutlichtderby das Saisonfinale gewesen sein sollte, hätten wohl selbst die größten Pessimisten damals nicht erwartet.

Wenn ich auf den sportlich schönen Spätsommer zurückblicke, kommt mir zuallererst das spektakuläre 3:3-Remis meiner TSG Backnang gegen die Stuttgarter Kickers in den Sinn. Ein Mittwochabendspiel, das durchaus 2000 Zuschauer verdient gehabt und ohne Corona auch problemlos erreicht hätte. Eine Hundertschaft der Polizei war vor Ort, um Gästefans abzuweisen. Die nur 450 Tickets waren schnell vergriffen und das „Spiel des Jahres“ gegen den Ex-Bundesligisten hat alles gehalten, was es im Vorfeld versprochen hat. Nach nur fünf Minuten erzielte unser Top-Torjäger und künftiger Trainer Mario Marinic mit einem feinen Heber die umjubelte Führung. Aus dem Nichts folgte der Ausgleich, doch postwendend legte die TSG wieder vor: Neuzugang Niklas Pollex – ein Flügelflitzer, der mich mit seiner positiven Energie schon nach wenigen Auftritten total begeistert hat – zog im Stile eines Ferraris an seinen Gegenspielern vorbei und zog unhaltbar zum 2:1 ab. Die Etzwiesenelf hätte schon höher führen müssen, stattdessen aber setzte es noch vor der Pause das zweite Gegentor und nach einer Stunde erzielten die Kickers aus elf Metern sogar die Führung. In der Schlussphase war es dann ein offener Schlagabtausch – mit dem Happy End für die TSG. „Mister Tentakel“ , TSG-Keeper Marcel Knauß, stellte sich den Blauen ein ums andere Mal in den Weg. In der 89. Minute dann nickte Loris Maier einen Eckball zum gerechten 3:3 ein – das Etzwiesenstadion stand Kopf. Die TSG hatte die großen Kickers geärgert. Mal wieder. Denn schon zwei Jahre zuvor hatte man sowohl in der Liga als auch im WfV-Pokal einen 1:0-Erfolg auf der Waldau bejubelt. Schon am 1. Spieltag der Saison 2020/21 hatte die TSG mit dem 1:1 gegen Herbstmeister SGV Freiberg unter Beweis gestellt, dass sie zurecht in die Oberliga gehört und sich vor niemandem zu verstecken braucht. Kein Respekt vor großen Namen – so muss das Motto auch für die Zukunft lauten!

Trotz aller Rivalität wünsche ich den Freibergen mit unserem letztjährigen TSG-Coach Laki Sbonias, dass sie ihren Traum vom Regionalliga-Aufstieg nachträglich am grünen Tisch verwirklichen können. Obwohl es sicherlich einen Beigeschmack hat, mit gerade einmal 13 absolvierten Spielen zum Meister gekürt zu werden. Ein Stück weit finde ich das durchaus unfair. Alle Spitzenreiter in den unteren Spielklassen müssen sich bei dieser Posse in der Oberliga doch verarscht vorkommen. Ganz besonders denke ich da an die SGM Hohenstadt/Untergröningen, zu der ich zwar keine persönlichen Bezug habe, aber wenn man zehn von zehn Spielen in der Kreisliga B I gewinnt und dann mit leeren Händen abserviert wird, dann ist das sprichwörtlich ein Schlag in die Fresse. Meinem SV Pfahlbronn in der Parallelstaffel B1 geht es da nicht anders. Die gesamte Arbeit, die Trainer Tuna Tözge und sein Team im schwierigen Jahr 2020 geleistet haben, ist durch die Annullierung der Saison mit einem Schlag eingerissen worden.

So steht in Pfahlbronn der „doppelte Derbysieg“ gegen die SGM Alfdorf/Hintersteinenberg über allem anderen. Ein stimmungsvoller Kreisliga-Sonntag, den Fabi Schatz mit seinem Doppelpack im Reservespiel (2:0) eröffnete und in dessen „Hauptspiel“ es für #TeamTuna zunächst alles andere als gut aussah. Vor der tollen Kulisse mit 200 Zuschauern lag der SVP zur Pause verdient mit 0:1 im Hintertreffen. Eine Woche nach dem peinlichen 2:3 bei Schlusslicht Großdeinbach II drohte der nächste bittere Patzer. Doch der SVP bewies eine beeindruckende Moral. Die Alfdorfer waren in der zweiten Halbzeit komplett in ihrer Hälfte eingeschnürt, dennoch hielt ihre Führung bis zur 71. Minute an. Die beiden spielentscheidenden Szenen sehe ich noch ganz genau vor meinem inneren Auge. Der Eckball kurz ausgeführt, Sascha Kühne zog aus spitzem Winkel mit voller Kraft ab, sein Schuss wurde abgefälscht und landete direkt vor den Füßen von Pa Saity Darboe. Der Neuzugang, der uns leider nach nur einem Jahr wieder verlassen wird (Viel Erfolg in Bargau, lieber Pa!!!), drückte die Kugel zum erlösenden 1:1 über die Linie. Nur fünf Minuten später spielte Darboe erneut die Hauptrolle, als er zum genau richtigen Zeitpunkt gestartet war, um sich den Steilpass von Capitano Timo Seibold zu ersprinten. Völlig uneigennützig legte er ab für den mitgelaufenen René Kühne, der dann alle Zeit der Welt hatte, um ins leere Tor einzuschieben. Was für ein Jubel, was für eine Euphorie! Anschließend mussten Trainer Tuna Tözge und ich am Spielfeldrand aber noch kräftig zittern. Erst in der siebten Minute der Nachspielzeit, als SVP-Torwart Marco Wahl die letzte Alfdorfer Chance entschärfte, war der Dreier perfekt. Eine spielerische Glanzleistung war es keinesfalls gewesen, vielmehr ein Sieg des unbedingten Willens. Der lange Abend im Vereinsheim war die Belohnung dafür. Um drei Uhr morgens waren Siegtorschütze René Kühne und ich zurück in Schwäbisch Gmünd...

Lassen wir die ganzen Diskussionen, ob man die Hinrunde im Sommer noch hätte zu Ende spielen und dann mit einer ganz kurzen Sommerpause die neue Runde in dann aufgeteilten Ligen hätte starten können, einmal beiseite: Stand jetzt fühlt es sich einfach nur extrem bitter an, dass die Aufstiegsträume mit einem Schlag zerplatzt sind. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Niedergeschlagenheit am Haubenwasen schon bald einer „Jetzt-Erst-Recht“-Stimmung weichen wird. Genau auf diesen Kämpfer-Charakter, den #TeamTuna im Derby gezeigt hat, lässt sich aufbauen. Und wie heißt es so schön: Aller guten Dinge sind drei? Tuna Tözge startet in sein drittes Trainerjahr bei seinem Heimatverein, bis auf Pa Saity Darboe bleiben alle Leistungsträger an Bord und mehrere Jugendspieler lechzen darauf, sich bei den Aktiven zu beweisen. Die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft sind gestellt, darauf darf ich mich als Fan freuen.

Die TSG Backnang muss ein weiteres Jahr den brutalen Abstiegskampf in der XXL-Oberliga bestehen. Vielleicht umfasst die Liga sogar mehr als die bislang 21 Mannschaften. Lassen wir uns überraschen, was sich die Verbände noch einfallen lassen. In jedem Fall bin ich zuversichtlich, dass die TSG auch künftig eine hervorragende Rolle spielen wird. Mit Mario Marinic und Julian Schieber steht ein neues „stürmisches“ Trainerduo bereit, das schon jetzt viel Euphorie und Feuer versprüht. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir immer noch nicht wissen, wann und wie es mit unserem geliebten Fußballsport weitergehen wird.

Den Optimismus muss man sich als Fan bewahren, allein schon aus Trotz. Vielleicht können wir alle auch aus dieser schwierigen Zeit lernen. Demütiger zu werden, dankbar zu sein für die Gesundheit und auch für die vielen kleinen Dinge des Lebens. Wir sollten die gemeinsame Zeit am Wochenende auf den Sportplätzen künftig umso mehr genießen. Für das erste Training in Backnang laufen bereits die Pläne, die Mannschaft dort gemeinsam mit meinen Mitstreitern Alex Kovac, Timothy Maywood und Harry Nellis wieder auf dem heiligen Rasen willkommen zu heißen. Ich kann es kaum erwarten, euch alle wiederzusehen!

So schwer es an manchen Tagen auch fallen mag, bis dahin richten wir den Blick nach vorne und bleiben zuversichtlich. Denn wie heißt es so schön in der größten Fußballhymne aller Zeiten:

„At the end of a storm
There's a golden sky...“

Aufrufe: 022.4.2021, 13:30 Uhr
Michael FeindertAutor

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