Meine Meinung: "Die Reserve prägt fürs ganze Leben"

Kevin Horvatovic ist mit seinen 27 im besten Fußballeralter, betreut nebenbei aber schon seit vier Jahren die Zweite und Dritte Mannschaft der SG Union Wasseralfingen als Teammanager. Eigentlich findet man ihn sonntags nur auf den Sportplätzen des Bezirks, heute hat er sich zum Abschluss unserer Themenwoche zur Reserve die Zeit genommen, uns zu schildern, was den Amateursport in diesen Ligen wirklich ausmacht.

Zum Abschluss der Themenwoche zu den Reserveligen haben wir mit Kevin Horvatociv einen der engagiertesten Protagonisten im Bezirk für einen Kommentar gewinnen können. Jango ist seit zehn Jahren ehrenamtlich in Wasseralfingen tätig, seit mittlerweile vier Jahren ist er Teammanager der zweiten und dritten Mannschaft der SG Union. In seinem Kommentar fängt er die sonntägliche Stimmung ein, die uns aktuell so fehlt. Und es wird wohl jedem deutlich werden, wie sehr man für die Reserve und für den Sport im Allgemeinen leben kann.

Kreisligafußball und die vergessenen Helden

Wer kennt es nicht? Aufgeschrammte Knie, geschwollene Knöchel und jede Faser im Körper brennt. So geht es wohl den meisten Fußballbegeisterten da draußen. Der Kampf mit sich selbst, die 90 Minuten Spielzeit zu überstehen und sich nicht mit keuchender Lunge und einem gefühlten Puls von 200 auswechseln zu lassen. Sich zweimal wöchentlich nach der Arbeit ins Training zu schleppen und seinen Sonntag auch noch zu opfern, damit können sich die vergessenen Helden der Reserveligen deutschlandweit sehr gut identifizieren.

Da fragt sich der ein oder andere mit Sicherheit: Wozu das Ganze? Es interessiert doch eh keinen, wie die Reservemannschaft gespielt hat. Doch was viele vergessen, ist, dass es bei den Reservemannschaften um viel, viel mehr geht als nur um gute Ergebnisse oder Anerkennung.

Mein Name ist Kevin Horvatovic, die meisten im Kreis Ostwürttemberg werden mich vermutlich unter meinem Spitznamen Jango kennen. Ich bin 27 Jahre alt und zähle mich mittlerweile schon zu den älteren Spielern. Seit zehn Jahren engagiere ich mich bereits ehrenamtlich in Wasseralfingen und war schon in fast allen Bereichen des Vereins vertreten. Nun bin ich seit vier Jahren Teammanager der Union II und III und möchte euch heute das Thema Reservemannschaft etwas näherbringen.

Reserve bedeutet in meinen Augen sehr viel mehr als nur die Backup-Mannschaft der ersten Mannschaft zu sein.

Die Reserve vereint viele wichtige Tugenden des Vereinslebens. In erster Linie benötigt man sie zum Aufbau junger Spieler, die vielleicht den großen Schritt aus der A-Jugend in die erste Mannschaft nicht auf Anhieb schaffen, um formschwachen Spielern der ersten Mannschaft zu ermöglichen, Spielpraxis zu sammeln oder auch um Spielern, die schon etwas über ihrem Zenit stehen, einen schöneren Übergang in die AH zu ermöglichen.

Doch nicht nur das macht eine Reserve aus: Oft ist schon alleine der Zusammenhalt faszinierend anzusehen, der sich aus der Mischung von jungen und alten Spielern entwickelt. Dabei führen die älteren Spieler die jungen und entwickeln sie weiter – fußballerisch und auch in der Persönlichkeit.

Ich weiß noch, wie es bei mir damals war, als ich aus der A-Jugend zur Aktiven der Viktoria Wasseralfingen kam. Das erste Spiel in der Aktiven und wir mussten gleich gegen den Reservemeister ran. Bei praller Sonne und 40°C auf einem riesigen Platz. Ich werde nie vergessen, wie wir in der Halbzeit in der Umkleide saßen und ein erfahrener Mitspieler frei weg in die Runde sagte: „Ich sag‘s euch ehrlich, mir ist grad schwarz vor Augen geworden, ich weiß nicht wie lange ich das noch durchhalte.“

Das hat mir klar gemacht, dass sich hier einer opfert. Jeder für jeden, auch wenn es über die Schmerzgrenze geht. Auch das macht für mich eine Reservemannschaft aus.

Damals in den ersten aktiven Jahren hat es mich unglaublich geprägt, mit älteren Spielern zusammenzuspielen und zu trainieren. Ich habe gelernt, dass die jungen Spieler sich den Respekt der älteren erarbeiten müssen. Das hilft mir heute noch, ob im privaten oder auch im geschäftlichen Umfeld. Die Reserve prägt fürs ganze Leben.

Qualen und Lichtblicke des Sonntags

Morgens aufstehen, seine Tasche richten, erstmal die seit Wochen verschollenen Schienbeinschoner suchen und die noch vom Vorabend leicht zitternden Beine sortieren. Schnell ins Auto hechten, um noch vor Halber den Treffpunkt pünktlich zu erreichen. – so beginnt wohl der Sonntag für die meisten Reservespieler. Vor dem Aussteigen aus dem Auto noch schnell den Schlafsand aus den Augen reiben und ein Pfefferminz für den Atem. Wenns noch reicht, eine schnelle Zigarette auf dem Weg vom Auto zur Kabine. Schnell umziehen und dann erstmal gemütlich den Ball quer über den Platz schlagen. Ein paar Meteoren übers Tor dreschen und dabei hoffen, dass sich die bereits etliche Male gerissenen Bänder dabei nicht wieder verabschieden.

Danach aber der ernste Part: In zwei Reihen warmlaufen, als wäre man ein Profiverein und das obligatorische Dehnen. Vor dem Spiel noch zwei drei Sätze vom Trainer, der mit vollem Engagement versucht, die Mannschaft einzustellen.

Danach 90 Minuten Herumgescheuche des Abwehrchefs und Gekloppe des Gegners, der dein Schienbein wohl mit dem Ball ständig zu verwechseln scheint.

Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, zeigt der Schiedsrichter, den man am Vorabend noch kurz per WhatsApp klar gemacht hat, auch noch fünf Minuten Nachspielzeit an.

Doch warum das Ganze?

Weil man seine Jungs nie im Stich lassen würde und der Fußball einem das Gefühl gibt am Leben zu sein. Und natürlich, weil es ein unbeschreiblich gutes Gefühl ist, nach dem Spiel dein isotonisches Kaltgetränk in den Armen zu halten, ganz so als wäre es das Erstgeborene.

Eine wichtige Frage ist allerdings auch: Wie unterscheidet sich eine Reservemannschaft gegenüber einer ersten Mannschaft?

In der ersten Mannschaft findet man, klar, die talentierteren Spieler. In meinen Augen ist es aber nicht wichtig, in welcher Mannschaft man spielt, es ist viel wichtiger, dass man, egal in welcher Mannschaft man aufläuft, immer sein Bestes gibt. Fußball gibt uns allen etwas, nicht nur den Stars aus den oberen Ligen. Fußball fordert die Gemeinschaft und trägt auch einen großen Teil zur Integration bei. Fußball wird von allen Schichten der Gesellschaft zusammen betrieben und auf dem Platz sind wir alle gleich. Der Spaß steht an erster Stelle und mit dem Spaß kommt auch der sportliche Erfolg. Außerdem trägt der Fußball einen großen Teil dazu bei, sich fit und gesund zu halten.

Fußball ist für alle da

Uns bei der Union und vor allem mir ist es unglaublich wichtig, jedem, der Fußball spielen möchte, auch die Möglichkeit zu bieten. Deshalb führen wir schon seit dem ersten Tag der Union Wasseralfingen drei Mannschaften. Seit 2015 haben sich die Vereine FV Viktoria Wasseralfingen, SV Wasseralfingen und die DJK-SG Wasseralfingen zur SG Union Wasseralfingen zusammengeschlossen.

Es ist nicht immer einfach, drei schlagkräftige Teams zu stellen, doch die Trainer Jens Hildebrandt, Julian Krach und Marc Stahl vergießen all ihr Herzblut und geben jede Woche alles für den Verein.

Wir sind sehr stolz darauf, drei Mannschaften stellen zu können und unser Respekt und Dank gilt allen Spielern, Verantwortlichen, wie auch allen Zuschauern und Sponsoren, die uns Woche für Woche tatkräftig unterstützen. Nicht nur die Spieler, sondern all diejenigen, die den Verein unterstützen, machen einen Verein zu dem was er ist.

Corona macht es nicht einfacher

Wie in allen Bereichen des Amateursports blieb auch der Amateurfußball logischerweise nicht vom Corona-Wahnsinn verschont. Saisonabbrüche, Hygieneregeln und die ständige Angst sich doch irgendwie infizieren zu können, spielen eine wichtige Rolle.

Meines Erachtens haben die Corona-Regeln des WFV sehr gut gegriffen. Bei uns kam es zu keiner einzigen Infektion während des Spiel- oder Trainingsbetriebs in keiner drei aktiven Mannschaften.

Leider hatten nicht alle Mannschaften dieses Glück. Viele Spiele mussten verschoben werden. Trotzdem finde ich, dass die aktuellen Maßnahmen zum Schutz von uns allen beitragen und kann daher sehr gut verstehen, dass der Amateursport aussetzen muss.

Doch auch hier gibt es natürlich ein aber: Ich hoffe, dass – sobald die Inzidenzwerte es zulassen – der Amateursport eins der ersten Dinge sein wird, die nach den Öffnungen der Schulen, des Einzelhandels, der Gastronomie etc. wieder betrieben werden dürfen.

Denn wenn die Pandemie auch ein Gutes hatte, dann das: Sie hat uns allen hoffentlich klar gemacht, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, gesund zu sein und seinen Sport ausüben zu können.

Aufrufe: 028.2.2021, 09:57 Uhr
Michael FeindertAutor

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