2024-07-12T13:30:11.727Z

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Nach der Meisterschaft kann die A-Jugend des TSV Schott Mainz auch die neu gegründete DFB-Nachwuchsliga schaffen
Nach der Meisterschaft kann die A-Jugend des TSV Schott Mainz auch die neu gegründete DFB-Nachwuchsliga schaffen – Foto: Redaktion

Schotts Nachwuchsfußballer brechen SV Gonsenheim das Herz

In einem Herzschlagfinale schnappt die U19 von Schott Mainz dem SVG-Nachwuchs die erste Regionalligameisterschaft der Vereinshistorie weg und hofft auf ein erneutes Wunder.

Mainz. Dieses Saisonfinale reiht sich in eine der größten Sensationen der jüngeren Geschichte ein. Denn dass im Fußball Freud und Leid ganz nah beieinander liegen können und dieser Sport so genial wie brutal sein kann, das hat der vergangene Sonntag eindrucksvoll bewiesen.

Die Sterne standen nicht gut für den TSV Schott Mainz

Ein einziger Treffer hat die Meisterschaft in der U19-Regionalliga Südwest entschieden. Ein um ein einziges Törchen besseres Torverhältnis hat den TSV Schott Mainz jubeln und den SV Gonsenheim in das Tal der Tränen stürzen lassen. Die zunächst zweitplatzierten Schott-A-Jugendlichen fuhren mit der Hypothek von zwei Punkten Rückstand und einem um fünf Tore schlechteren Torverhältnis zu den Sportfreunden Eisbachtal. Der Tabellenführer und Stadtrivale SV Gonsenheim, der noch vor fünf Wochen per dominantem Derbysieg an den Schottlern vorbei an die Tabellenspitze gezogen war, befand sich in der Pole Position im Matchball-Heimspiel gegen der FK Pirmasens. Mit einem Sieg hätten die Sektkorken sicher am Gonsenheimer Wildpark und nicht im Westerwald geknallt. Doch es sollte alles anders kommen.

Gonsenheim war früh auf Kurs, Schott lag hinten

Als gegen 13 Uhr auf beiden Sportplätzen der Anpfiff ertönte, sah von Beginn alles nach einem Gonsenheimer Erfolg aus. Die frühe Führung nach zwei Minuten durch SVG-Angreifer Jerome Jampe und ein anschließendes Offensivfeuerwerk versetzte die überforderten Gäste aus Pirmasens in den maximalen Stresszustand. Das einzige, was fehlte: der zweite Treffer und damit Ruhe im Spiel. Zur Gonsenheimer Beruhigung trug zunächst nur der TSV Schott bei, der im Parallelspiel in der 24. Minute in Rückstand geriet.

Entscheidung verpasst- die Richtung änderte sich

Doch die folgenden Minuten sollten zum entscheidenden Scheide- bzw. Wendepunkt des Sonntags und damit der gesamten Saison werden. SVG-Goalgetter Jampe rannte zusammen mit Bennet Kruse auf den FKP-Schlussmann zu. Ein einfacher Querpass hätte gereicht, und es wäre für Kruse ein Kinderspiel gewesen, die Führung auf 2:0 auszubauen. Doch Jampe verstolperte den Ball, Pirmasens Keeper begrub den Ball unter sich und nur wenige Sekunden nach der verpassten Vorentscheidung die Hiobsbotschaft aus Nentershausen: Ismael Wiegand gleicht für Schott aus. Fortan nahm die Geschichte ihren Lauf und änderte die Richtung nicht mehr.

Die Rechenspiele begannen

In der Anfangsviertelstunde nach dem Pausentee gewann die Situation an Dynamik. Die Gonsenheimer ließen sich auskontern, kassierten den Ausgleich zum 1:1 (55.), während der TSV durch Paul Kammerer das Ergebnis zum 4:2 in die Höhe schraubte (59.). Die Rechenspiele begannen. "Jungs, wir brauchen jetzt vier Tore", rief Schotts Chefcoach Peter Staegemann aufs Spielfeld zu seinen Schützlingen, die zunächst verdutzt in Richtung Trainerbank blickten. Vier Treffer trennten die Schottler zu diesem Zeitpunkt von der Meisterschaft, die in der Blitztabelle punktgleich mit Gonsenheim waren, aber noch das schlechtere Torverhältnis hatten.

Nach 78 Minuten war Schott in der Pole-Position

Am Gonsenheimer Wildpark machte sich die Unruhe langsam breit. Der SVG verlor den Faden und die Spielkontrolle, während sich der TSV „in einen Flow spielte“. Nach 71 Minuten waren die Schottler mit 7:2 vorne und nur noch einen Treffer vom Sprung auf Rang eins in der Live-Tabelle entfernt. Doch dann der Schockmoment: Eisbachtal erzielt den Anschlusstreffer zum 7:3 (73.). Nun mussten wieder zwei Treffer her, während in Gonsenheim das Spiel immer zerfahrener und offener wurde. Doch der TSV ließ sich nicht aus der Bahn werfen und machte das schier Unmögliche möglich. Schott-Goalgetter Luka Baljak, der zuvor jahrelang für den SVG auf Torejagd ging, erzielte per Doppelschlag seine Tore drei und vier und brachte den TSV nach 78 Minuten in die Pole Position um die Meisterschaft.

Zeitspiel trotz 9:3 Führung

Die Nachricht aus Nentershausen kam spätestens durch den Liveticker auch jetzt in Mainz an. SVG-Coach Vanni versuchte alles, beorderte den groß gewachsenen Noah Dietze aus der Innenverteidigung in den Sturm, doch die Abwehrkante verlor die Nerven und flog nach einem Disput mit dem Schiedsrichter mit Rot vom Platz. Während am Wildpark der Liveticker und die Blitztabelle Hochkonjunktur hatten, mauerte der TSV gegen Eisbachtal. "Ich weiß nicht, ob ich das nochmal erleben werde, dass wir beim Stand von 9:3 an der Eckfahne auf Zeit spielen", erklärt Schott-Coach Staegemann. "Das war absolut verrückt!"

Als in Gonsenheim der Schlusspfiff beim Stand von 1:1 ertönte, jubeln die dort anwesenden U17-Kicker des TSV Schott, die nicht nur von der Meisterschaft ihrer Vereinskollegen, sondern auch davon träumten, nächstes Jahr in der DFB-Nachwuchsliga gegen Deutschlands Jugendfußball-Elite antreten zu dürfen.

Fassungslosigkeit in Gonsenheim, grenzenloser Jubel in Nentershausen

Doch im Westerwald waren noch drei Minuten zu spielen. 180 Sekunden zwischen Hoffen und Bangen. Die Telefonleitungen zwischen Gonsenheim und Nentershausen glühten heiß, der Live-Ticker verbuchte vermutlich Rekordaufrufzahlen. Die SVG-Spieler saßen konsterniert auf dem Boden und hofften bis zur letzten Sekunde noch auf einen Eisbachtaler Treffer, der alles verändern würde. Doch der blieb aus - und der TSV Schott konnte sein Glück kaum fassen.

"Als der Abpfiff ertönte, war es pure Ekstase. Ich habe es mir im Video gestern noch mehr als zehn Mal angeschaut. Dieser Schlusspfiff, wie alle jubeln. Ich habe jeden Spieler mal per Blick verfolgt, was da für Emotionen freigesetzt wurden", blickt Staegemann zurück. Jubelnde Spieler und Trainer auf Seiten des TSV, die sich in den Armen liegen und alles per Instagram-Livevideo festhalten. Während in Gonsenheim die Gewissheit, die Meisterschaft tatsächlich verspielt zu haben, für Wut und Trauer sorgte. Stille im Spielerkreis und ein einsam und allein am Tor sitzender SVG-Trainer, der diesen Spielverlauf versuchte zu verstehen.

Gegenseitige Wertschätzung der Trainer

Im Westerwald begann die Feierei. Zunächst auf dem Platz, dann in der Kabine mit Tanzeinlagen und Gesang. Auch ein Stau auf der Autobahn A3 konnte die Stimmung beim TSV nicht ins Wanken bringen: "Wir haben die Autobahn zur Partymeile gemacht." Im Laufe des Abends trudelten auf Staegemanns Smartphone auch die Glückwünsche von seinem Trainerpendant Luca Vanni ein: "Im Moment der tiefsten Trauer eine Nachricht mit Glückwünschen zu schicken, das war sportlich extrem groß. Hochachtung vor Luca und dem, was er und sein Team in dieser Saison geleistet haben", so Staegemann.

In Mainz angekommen folgte dann ein blau-weißer Autokorso durch Mombach und Gonsenheim, ehe Schott-Hausmeister Alex Bartuli die jungen Helden mit seinem Trekker noch eine Ehrenrunde um den Schott-Rasen fuhr, auf dem nun ein erneutes Wunder gelingen soll.

Schott-Aufstiegsspiele gegen Darmstadt 98 um die DFB-Nachwuchsliga

Genauer gesagt am kommenden Sonntag (17.30 Uhr), wenn der Bundesliga-Nachwuchs von Darmstadt 98 zum Rückspiel um den Aufstieg in die neu geschaffene DFB-Nachwuchsliga nach Mainz reist. Als Meister der Regionalliga Südwest muss sich der TSV in zwei, maximal drei Partien gegen das Nachwuchsleistungszentrum durchsetzen. Und der TSV-Trainer gibt sich optimistisch: "Wenn wir es schaffen, die Euphorie mitzunehmen und frische Spieler auf den Platz zu bekommen, dann packen wir das", gibt Staegemann die Marschrichtung vor, die seine Kicker möglichst schon im Hinspiel am Mittwochabend (18.45 Uhr) auf dem Rasenplatz in Rödermark, der Heimspielstätte der Junglilien, beherzigen sollen.

Dabei setzt der 28-jährige Lehrer auf ein „großes Learning“ aus den vergangenen Wochen, als es neben der Derby-Niederlage gegen Gonsenheim auch eine 1:6-Heimpleite gegen Herxheim hagelte. "Wir wollen die hungrigsten Spieler auf den Platz schicken. Mentalität schlägt Talent. Das werden wir mit allem, was wir haben, verkörpern."

Aufrufe: 05.6.2024, 12:00 Uhr
Dominik TheisAutor