
Bodenheim. Der Fußball schreibt die besten Geschichten, heißt es. Und mit Sicherheit die kuriosesten. Das beweist diese hier. Nach einer Roten Karte für den Schlussmann von 1817 Mainz beim Bodenheimer Hallen-Turnier „Guckenberg-Cup“ wird der A-Klassist am Ende trotzdem überraschend Dritter. Auch dank Schiedsrichter Jannis Kaufmann. Nicht weil er den Keeper vom Platz geschickt hat. Sondern weil er sich kurz darauf selbst für 1817 zwischen die Pfosten stellt. „Wenn ich was mache, dann ziehe ich es auch durch. Dann geb’ ich mein Bestes“, sagt Kaufmann später schmunzelnd. Aber von vorn.
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Nicht einmal drei Minuten sind im Gruppenspiel zwischen dem TV 1817 Mainz und TSV Gau-Odernheim vergangen, als Torsten Bochinsky – seines Zeichens Torhüter der 1817er – als letzter Mann die Sense gegen TSV-Spieler Paul Krassmann auspackt. Schiedsrichter Jannis Kaufmann hat die Situation genau beobachtet, pfeift, joggt dann auf Bochinsky zu und trifft innerhalb von Sekunden eine Entscheidung. „Ich hatte direkt Rot im Kopf“, sagt Kaufmann im anschließenden Gespräch. Also: Platzverweis. Das Gezeter ist groß, wie immer in solchen Situationen. Entscheidender Unterschied bei dieser hier: Die Mainzer Spieler beschweren sich bei ihrem Vereinskollegen. Denn Jannis Kaufmann pfeift für 1817.
Es stimmt schon, Kaufmann hätte sich für eine Zwei-Minuten-Strafe entschließen können. Doch noch bevor er die Karte zückt, rasen seine Gedanken: „Ich wollte mich nicht angreifbar machen. Hätte ich „nur“ zwei Minuten gegeben, hätte es heißen können, dass ich parteiisch bin.“ Und es sei schließlich eine Notbremse gewesen. Das belegen auch die Bilder aus dem AZ-Livestream. Daher der Entschluss für den Platzverweis.
Somit steht 1817 plötzlich ohne Keeper da. Einen zweiten Torwart hat der A-Klassist nicht mit in die Halle genommen. Was also tun? Trainer Sven Giese kommt der Geistesblitz und er eilt sogleich zur Tribüne. An die Stelle, wo Kaufmann Platz genommen hat und gerade mit sich selbst hadert. „Ja scheiße, jetzt habe ich hier meinem eigenen Verein den Tag versaut“, geht es ihm durch den Kopf, bevor ihn Giese aus seinen Gedanken reißt. „Jannis, wir haben keinen Torwart mehr dabei“, spricht der Coach Kaufmann mit einem Augenzwinkern an. Der junge Schiedsrichter steht auf dem Schlauch, Giese wiederholt seine Worte. Dann dämmert es Kaufmann: „Warte mal, er meint ja mich. Ich bin ja auch Keeper.“
Richtig gelesen. Kaufmann spielte bis zur B-Jugend selbst bei 1817 – und zwar im Tor. „2019 habe ich mein letztes Pflichtspiel gemacht“, erinnert er sich. Sein Pass liegt dem Verein immer noch vor. Kaufmann lässt sich Gieses Angebot kurz durch den Kopf gehen, spricht danach mit seinem Schiri-Kollegen Hüseyin Dogan – stellvertretender Schiedsrichter-Obmann der Mainz-Binger Schirivereinigung – und klärt alles mit der Turnierleitung ab. Diese legt das Strafmaß für Bochinsky auf zwei Spiele Sperre fest und stimmt anschließend zu. Genauso wie Dogan. Weg frei für Kaufmann.
Im letzten Gruppenspiel von 1817 geht langsam ein Raunen durchs Publikum, als klar wird, wer da gerade im Tor steht. „Ich musste kurz reinkommen, hab’ mich auch nicht aufgewärmt.“ Trotzdem hält Kaufmann gegen Türk Gücü Rüsselsheim, den Tabellenersten der A-Klasse Groß-Gerau, furios, fängt sich zwar zwei Dinger, aber sichert seinem Team am Ende das 2:2.
Die 17er ziehen in die K.o.-Phase ein. Und im Viertelfinale wartet Verbandsligist VfB Bodenheim. 1817 geht als klarer Underdog ins Spiel, doch Kaufmann und sein Team nehmen die Rolle nicht an. Sie kämpfen, beißen, schießen Tore – und hinten fischt Kaufmann einen nach dem anderen gegen seinen Ex-Verein weg. „Dass ich mich im vermutlich spannendsten Spiel des Turniers so zeigen konnte, habe ich nicht erwartet. Aber mit diesem Ausgang ist es umso schöner.“ Denn am Ende steht ein 4:3-Sieg. Die Überraschung ist perfekt.
Und damit hat Jannis Kaufmann seinen Torwart-Dienst getan. Torsten Bochinsky kehrt im anschließenden Halbfinale gegen den späteren Turniersieger Spvgg. Ingelheim ins Tor zurück. Kaufmann sieht von den Rängen aus die 2:4-Niederlage seines Teams – und kurz darauf den Sieg im Spiel um Platz drei gegen Harxheim. Ein erfolgreicher Ausgang eines kuriosen Tages für 1817. Und auch Kaufmann blickt positiv auf diesen, nun wirklich alles andere als gewöhnlichen Turniertag zurück: „Es hat einen Riesenspaß gemacht.“ Danach fügt er schmunzelnd hinzu: „Aber es war auch ein Paradebeispiel dafür, warum man nie seinen eigenen Verein pfeifen sollte.“