
Pünktlich zum Saisonstart am Wochenende in der Regionalliga ist Jan Peter Weßels, ranghöchste Schiedsrichter im Fußball-Kreis Moers, aus dem Urlaub zurück und steht nun vor dem nächsten großen Karriereschritt. Der 24-Jährige wurde zur neuen Saison als Assistent für die Dritte Liga nominiert. Ein Meilenstein, den sich der gebürtige Moerser mit konstant guten Leistungen in der Regionalliga erarbeitet hat. Im Interview spricht der Notfallsanitäter über seinen Weg zum Profi-Referee, den Spagat zwischen Schiri-Alltag und Berufsfeuerwehr, den nun erhöhten Aufwand und die Ziele für die Zukunft.
Jan Peter Weßels Vielen Dank. Die vergangene Saison war meine dritte in der Regionalliga West. Jede Spielleitung wird dort von neutralen Beobachtern in einem Punktesystem bewertet. Wer sich da konstant gut platziert, kann für die nächsthöhere Liga empfohlen werden. Das ist mir zum Glück gelungen. Für mich ist es der nächste Schritt, mich weiter zu beweisen.
Weßels Ich unterstütze in dieser Saison Jonah Besong – einen aufgestiegenen, befreundeten Schiedsrichter aus Duisburg, der vorher auch schon Drittliga-Assistent war. An der Linie steht außerdem Maximilian Lotz aus Hessen, der in Köln studiert. Wir sind ein starkes Team und haben schon in verschiedenen Lehrgängen zusammengearbeitet. Ich freue mich sehr auf die gemeinsame Zeit, denn wir verstehen uns super.
Weßels In der Dritten Liga sind viele Assistenten auch um die 23 oder 24 Jahre alt, manche auch etwas jünger oder älter. Ich denke, ich liege also genau im Durchschnitt. Es ist beeindruckend, wie viele junge und talentierte Leute da unterwegs sind. Mit Dr. Robin Braun pfeift ein Kollege aus dem Fußball-Verband Niederrhein mit 29 Jahren fortan in der Bundesliga.
Weßels Anfang Juli stand für mich ein Trainingslager im SportCentrum Kaiserau an – dort haben sich alle Assistenten und Vierten Offiziellen der Dritten Liga getroffen. Es gab sowohl intensive athletische Einheiten mit Trainern und Physiotherapeuten als auch umfangreiche Theorie- und Praxiskurse, größtenteils speziell auf Assistenten zugeschnitten. Besonders knifflige Abseitssituationen wurden in vielen Videosequenzen behandelt. Dazu kam Lutz Wagner, der die aktuellen Regeländerungen vorstellte. Zudem fanden Leistungsüberprüfungen statt. Das gesamte Trainingslager war sportlich und mental fordernd, aber auch sehr fördernd und lehrreich.
Weßels Eine Neuerung betrifft die Dauer, wie lange die Torhüter den Ball in den Händen halten dürfen: maximal acht Sekunden. Werden die überschritten, gibt es jetzt keinen indirekten Freistoß mehr, sondern einen Eckball. Ich glaube, das ist ein sinnvoller Schritt. Gerade anfangs werden sich viele Torhüter erst umgewöhnen müssen. Es liegt an der konsequenten Umsetzung. Dann wird es nicht oft vorkommen.
Weßels Man muss sich definitiv in jeder Liga neu zurechtfinden – Mannschaften, Spielstil und Härte neu kennenlernen. Der zeitliche Aufwand ist deutlich höher. Es gibt mehr Lehrgänge, mehrere offizielle Tagungen am DFB-Campus in Frankfurt pro Saison mit Leistungsüberprüfungen – jeweils über ein bis zwei Tage. Die Spieltage selbst sind auch intensiver: Wenn ich samstags ein Spiel habe, reise ich bereits freitagabends an. Bei weiten Strecken wie Rostock oder München ist das unerlässlich. Auch die mediale Aufmerksamkeit ist höher, ebenso wie der Druck. Alles ist noch professioneller.
Weßels Die Ansetzungen kommen etwa eine Woche vor dem Spieltag, veröffentlicht werden sie aber erst ein paar Tage vorher. Gemeinsam mit meinem Team an einem Wochenende dieses Hobby auf dem hohen Niveau ausleben zu dürfen, ist etwas Besonderes und für mich ein großes Privileg. Und natürlich ist es toll, in vollen und großen Stadien zu stehen – das bringt nochmal eine ganz andere Atmosphäre mit sich.
Weßels Grundsätzlich bin ich optimistisch, dass noch mehr möglich ist. Aber ich bleibe bei meiner bisherigen Einstellung: Jedes Spiel zählt, 100 Prozent gute Leistung, möglichst fehlerfrei. Wenn das klappt, kann ich mir auch einen Aufstieg als Schiedsrichter in die Dritte Liga vorstellen. Die Entscheidung trifft der DFB, der mich auch ab der kommenden Saison vereinzelt in der Regionalliga beobachtet. Dort möchte ich ebenfalls weiterhin konstant möglichst fehlerfreie Leistungen erzielen.
Weßels Absolut. Ich besuche weiterhin möglichst oft die monatlichen Schulungen im Fußball-Kreis Moers und versuche, mein Wissen an jüngere Kollegen weiterzugeben. Gerade in meinen ersten Jahren wurde ich hier super unterstützt – der damalige KSO, Jakob Klos, hat mich damals gefördert und früh zu Sichtungen des Fußball-Verband Niederrhein geschickt. Der Kontakt besteht. Die Verbindung zum Kreis bleibt, auch wenn es durch die höheren Spielklassen, in denen ich unterwegs bin, weniger Berührungspunkte gibt.
Weßels Ich bin Notfallsanitäter, habe mein Staatsexamen in diesem Jahr abgelegt und arbeite jetzt bei der Berufsfeuerwehr Mülheim im 24-Stunden-Dienst. Es ist ein absoluter Traumjob, und ich bin sehr froh, dass mein Arbeitgeber hinter mir steht – gerade jetzt, wo ich regelmäßig freitags zu Spielen reisen muss oder englische Wochen anstehen. Ohne diese Flexibilität wäre die Laufbahn so nicht möglich.
Weßels Seit etwa zwei Jahren coacht mich Dirk Margenberg. Er hat in der Zweiten Liga gepfiffen und war Assistent in der Bundesliga. Heute ist er dort Beobachter. Wir arbeiten eng zusammen. Er sieht Dinge, die mir auf dem Platz als Schiri oft entgehen. Seine Expertise hat mich spielerisch und mental auf ein neues Level gebracht. Zudem begleitet mich seit meinem ersten Regionalliga-Jahr Marco Lechtenberg aus dem Fußball-Kreis Mönchengladbach. Auch ihm habe ich viel zu verdanken.
Weßels Ich habe das Gefühl, dass das Verständnis und Interesse für den Job des Schiedsrichters in der Gesellschaft wachsen. Die Schiedsrichter kommen vom kalten Wesen und dem Klischee als Spielverderber weg und werden immer mehr als Menschen wahrgenommen. Trotzdem ist noch viel Luft nach oben, auch wenn Kritik, egal ob an Spielern, Trainern oder an Schiedsrichtern wohl immer dazugehören wird.
Fabian Kleintges-Topoll führte
das Gespräch
