Rät dem DFB, die Basis im Auge zu behalten: die Mellerin Hannelore Hauser. Stefan Gelhot
Rät dem DFB, die Basis im Auge zu behalten: die Mellerin Hannelore Hauser. Stefan Gelhot

„Beim DFB fehlt mir die Vielfalt“

Serie „WIR sind der DFB“, Teil 3: Hannelore Hauser über Frauenquote in Führungspositionen und die Keller-Nachfolge

Der DFB macht seit Wochen mit negativen Schlagzeilen auf sich aufmerksam. In der Serie „WIR sind der DFB“ erhalten die Mitglieder der Region eine Stimme – heute blickt die 70-jährige Mellerin Hannelore Hauser, die sich viele Jahre im Fußball bis auf Landesebene engagierte, auf die Verbandsspitze.

Frau Hauser, der DFB steckt in einer umfassenden Erneuerung an der Spitze. Für viele war so ein Prozess längst überfällig. Für Sie auch?

Ja, auf jeden Fall. Ich hätte mir schon seit Anfang der 2000er-Jahre Veränderungen erhofft. Auch da gab es schon Themen, die die Basis bewegt haben. Warum hat man da nicht zugehört? In Melle gab es zum Beispiel Fußballer aus Nationen, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Wir haben versucht, diese Menschen jenseits des Fußballplatzes auch einzubinden, aber für Schiedsrichter-Tätigkeiten oder andere Verbandsarbeit konnte man sie kaum gewinnen, weil sie da alleine waren. Auch wenn ich heute die Gesichter beim DFB sehe, fehlt mir die Vielfalt. Auf Themen wie Integration hat der DFB fast immer nur reagiert. Dabei muss so ein großer Laden auch mal selbst von sich aus agieren.


Sie kennen das Funktionärswesen aus Niedersachsen – und aus einer Zeit, als Frauen in Ämtern noch exotischer waren als heute...

Ich habe mich bei Versammlungen oft als Alibi-Frau gefühlt, die etwas sagen durfte, aber nicht unbedingt ernst genommen wurde. Es gab wenige engagierte Frauen wie Maria Klewe. Frauen wurden zum Beispiel bei der Trainerausbildung oder anderen Tagungen anders behandelt, mussten um 22 Uhr wieder in Barsinghausen sein, während solche Regeln für Männer nicht galten. Diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich mich irgendwann dort zurückgezogen habe. Ich hatte das Gefühl, dass ich im Verein, an der Basis, mehr verändern kann.


Neun Frauen aus dem Fußball fordern aktuell eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent in den Führungspositionen der Verbände bis 2024. Braucht es dieses Instrument, und wird das Ziel zu erreichen sein?

Vielleicht geht es beim DFB nicht anders, aber grundsätzlich bin ich keine Freundin von Quoten. Es sollte immer um die Leistung gehen und nicht darum, dass jemand irgendwo dabei ist, damit eine Quote erfüllt wird. Insgesamt hat sich die Wahrnehmung von Frauen im Fußball schon verbessert, weil der Frauenfußball eine prominentere Rolle spielt. Aber auch in vielen Vereinsstrukturen ist höchstens das Amt der Schriftführerin weiblich. Viele andere Positionen sind männlich besetzt. Da wäre es schön, wenn sich das ändert – nicht nur mit mehr Frauen, sondern generell mit mehr Vielfalt. Das wäre ein großer Fortschritt.


Mit der Düsseldorfer Amateursportvertreterin Ute Groth will sich eine Frau um das Amt des DFB-Präsidenten bewerben, mit Ex-Nationalspielerin Katja Kraus hat eine weitere Frau eine Kandidatur nicht ausgeschlossen. Ist es Zeit für eine Frau an der DFB-Spitze?

Na klar ist es an der Zeit dafür, das wäre toll. Aber wie gesagt: Es geht nicht vorrangig um das Geschlecht, sondern darum, dass jemand die passenden Voraussetzungen mitbringt und die Strukturen und Probleme kennt. Ich glaube aber, es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Frauen und Männern: Frauen können in Diskussionen erst einmal wahrnehmen und urteilen nicht sofort. Das hat mir damals in vielen Runden gefehlt.


Haben Sie Sorge, dass am Ende doch wieder ein Mann DFB-Präsident wird?

Nein, keine Sorge in dem Sinne. Vielleicht wäre ja auch eine Frau an einer starken zweiten Position genau richtig. Oder es geht andersherum: Dass eine Frau die Führung übernimmt und von einem zweiten Mann unterstützt wird. Der darf aber nicht nur da sein, um später mal selbst den Job zu kriegen.


Wo muss der DFB inhaltlich als Erstes ansetzen, wenn es um Erneuerung geht?

Mein Rat wäre: Egal, was der DFB macht – er darf nicht immer an erster Stelle das Geld im Hinterkopf haben. Der DFB lebt nicht nur vom Spitzensport, sondern das, was an der Basis passiert, ist seine Grundlage. Deshalb sollte er immer wieder die Basis im Auge haben.

Aufrufe: 029.5.2021, 05:00 Uhr
Johannes Kapitza / NOZ SportAutor

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