
Wiesbaden. Spielabbruch gegen den FV Delkenheim mit dem Vorwurf „Affenlaute“ gegen einen Gegenspieler aus den Reihen der Zuschauer, Polizeieinsatz nach dem Spiel gegen die Spielvereinigung Igstadt und die präventive Absage des FSV Schierstein 08 aufgrund Antrittsbedenken – der SC Gräselberg hat aktuell einen mehr als schweren Stand in der öffentlichen Wahrnehmung im Fußballkreis Wiesbaden. Das beschäftigt allen voran die Verantwortlichen des Vereins.
Denn das sind letztlich auch beim SC nur Ehrenamtliche, die versuchen ihren Heimatclub voranzubringen. Einer von ihnen ist Schatzmeister Thomas Sauer. Sauer ist ein Kind des Gräselbergs und kennt den Verein seit seiner Kindheit, als sein Vater noch Trainer des Siedlungs-Clubs war. „Wir sind seit jeher ein Familienverein und uns liegt Gräselberg allen am Herzen. Deshalb ist es aktuell eine sehr schwere Phase für uns. Natürlich will auch jeder von uns an Spieltagen nur seine Wurst essen, sein Bier trinken und Fußballschauen. Stattdessen schlagen wir uns immer wieder mit solch unangenehmen Vorfällen rum. Es ist schon sehr ermüdend“, meint er. „Besonders der Spielabbruch gegen Delkenheim hat uns mitgenommen, hier haben wir uns sehr unfair behandelt gefühlt“, berichtet Sauer weiter.
Jüngst versuchte man nun diesen Spielabbruch intern abzuschließen. Im Zuge des Sportgerichtsverfahrens gab Ethnologin Rachel Etse dieser Zeitung zwei ausführliche Interviews zum konkreten Fall im Speziellen und Rassismus im Fußball im Allgemeinen. Etse formulierte darin neben vor allem struktureller Kritik auch Einwände gegen die Rechtfertigungsstrategien Gräselbergs. „Wir haben beide Interviews erstmal mit großer Wut gelesen, weil wir uns in dieser Zeit extrem ungerecht behandelt gefühlt haben und nicht wussten, wie wir dieses Missverständnis belegen sollten. Wir standen der Situation und dem Vorwurf hilflos gegenüber, trotz absolut neutraler Zeugen die zu unseren Gunsten ausgesagt haben, wurden wir abgestraft“, blickt der Schatzmeister zurück.
Beinahe die komplette Erste Mannschaft, Trainer Nima Khanbareh sowie der Vorstand nahmen am Workshop teil. „Wir haben sehr konkret entlang des Falls gearbeitet und insbesondere die Argumente und Rechtfertigungen im Nachgang in den Blick genommen. Da ist von allen Seiten viel schiefgelaufen, man hat gemerkt, dass es hier Überforderung gab. Ich glaube nicht, dass Gräselberg lügt und es hier wirklich ein Missverständnis gab. Das ändert aber nichts an der Betroffenenwahrnehmung. Man hat gemerkt, dass es noch viel Gesprächsbedarf gab“, berichtet Etse, die weiter ihren Eindruck schildert: „Ich habe hier viele reflektierte Persönlichkeiten kenngelernt, die sich ihrem Ruf bewusst sind und offen für den Dialog waren. Wir haben es hier natürlich mit einem sozialen Brennpunkt zu tun, wo Vereinsarbeit eine andere ist. Es gibt in Teilen auch ein Gefühl der Abgehängtheit und man sieht sich so ein bisschen in der Opferrolle, wo schnell mit dem Finger draufgezeigt wird, insbesondere in diesem Fall. Hier gibt es einen reflektieren Umgang mit Rassismus. Gleichwohl haben sie anerkannt, dass es in der Vergangenheit ein Problem mit dem Zugang zu Gewalt gab. Das Fazit war nach dem Motto: Wir wissen, wir haben auch mal Scheiße gebaut, aber in diesem Fall hat es uns zu unrecht getroffen. Hier sind gewaltpräventive Maßnahmen wie so ein Workshop entscheidend, um weitere Strukturen zu schaffen.“
Thoams Sauer sagt: „Wir wissen, dass wir nicht nur leichte Jungs haben, aber bei uns laufen auch nicht elf gewalttätige Schläger rum. Wir haben und werden auch künftig in Extremfällen personelle Konsequenzen ziehen. Unser Trainer wurde nun von uns auch zur DFB-Trainerschulung angemeldet, um sich professionell zu schulen. Wir wünschen uns für die Zukunft einen fairen Umgang und sind jederzeit ansprechbar, um Probleme oder Bedenken im Vorfeld abzuklären.“ Der Kontakt mit Rachel Etse bleibt bestehen. Sie wird beim Rückspiel in Delkenheim am 31. Mai anwesend sein.