
Am Rasthof irgendwo zwischen Niedersachsen und Baden-Württemberg hängen schon am frühen Morgen lila-weiße Fahnen aus den Fenstern der Reisebusse. Die Saison ist entschieden, die Meisterschaft gefeiert – und trotzdem reden sie in diesen Stunden wieder nur über Fußball. Über Rekorde. Über Zahlen. Darüber, dass diese Mannschaft offenbar selbst im Mai noch nicht genug hat.
Die ganz große Anspannung ist verschwunden. Doch wer glaubt, der VfL Osnabrück lasse die Saison nun entspannt austrudeln, dürfte beim Blick auf die Ausgangslage schnell eines Besseren belehrt werden. Denn selbst am letzten Auswärtsspieltag steht noch einiges auf dem Spiel.
Ein Punkt fehlt den Lila-Weißen, um den Rückrundenrekord der 3. Liga zu brechen. Ein Sieg würde den 13. Auswärtserfolg der Saison bedeuten – mehr als jedes andere Team zuvor. Und zusätzlich könnte Osnabrück als erst vierte Mannschaft überhaupt die Marke von 80 Punkten knacken.
Dass diese Zahlen intern durchaus präsent sind, merkt man auch den Aussagen von Timo Schultz an. Der VfL-Trainer warnt eindringlich davor, die Partie beim VfB Stuttgart II auf die leichte Schulter zu nehmen: „Die Jungs wollen sich präsentieren und haben Bock zu kicken. Und wenn man denen zu viel Raum lässt und nicht hundert Prozent bei der Sache ist, dann kann man auch mal schnell sechs Dinger kriegen.“
Tatsächlich wartet mit der Zweitvertretung des VfB eine Mannschaft, die trotz Tabellenplatz 14 zu den spielstärksten Teams der Liga zählt. Trainer Nico Willig formte aus einem extrem jungen Kader eine Mannschaft mit klarer Handschrift: viel Ballbesitz, hohe Passsicherheit, mutiges Positionsspiel.
Mit 54,2 Prozent Ballbesitz und einer Passquote von 84,2 Prozent liegen die Schwaben ligaweit jeweils auf Rang zwei – nur der SC Verl weist bessere Werte auf. Auch in den direkten Duellen zeigt sich Stuttgart robust. Mehr als die Hälfte aller Zweikämpfe entscheidet der VfB für sich.
Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem zwei Offensivspieler: Noah Darvich, gerade erst zum „Newcomer der Saison“ gewählt, sowie Nicolas Sessa, der trotz unzähliger Fouls immer wieder kreative Lösungen findet. Darvich setzte sich bei der Wahl übrigens knapp vor Osnabrücks Ismail Badjie durch – eine kleine zusätzliche Pointe vor diesem Duell.
Auffällig ist zudem die enorme Heimstärke der Schwaben. Alle 17 Punkte der Rückrunde sammelte Stuttgart II in Großaspach. Seit fünf Heimspielen ist die Mannschaft dort ungeschlagen. Und noch eine Statistik dürfte in Osnabrück aufmerksam gelesen worden sein: Gegen Tabellenführer verlor der VfB seit über einem Jahrzehnt kein Heimspiel mehr.
Hinzu kommt eine offene Rechnung. Das 1:2 im Dezember gegen Stuttgart II war die letzte Heimniederlage des VfL – damals wirkte eine souveräne Meisterschaft noch weit entfernt. Osnabrück taumelte Richtung Winterpause, stand lediglich auf Rang sechs und verlor drei der letzten vier Spiele des Jahres.
Heute ist die Lage eine andere. Der Aufstieg ist perfekt, die Mannschaft gereift, das Selbstverständnis deutlich größer geworden. Auch personell kann Schultz nahezu aus dem Vollen schöpfen. Robin Fabinski ist nach seiner Sprunggelenksverletzung wieder einsatzbereit, während Stuttgart auf mehrere Spieler verzichten muss, darunter Tim Köhler und Mirza Catovic wegen Gelbsperren.
Und so dürfte sich der Charakter dieser Auswärtsfahrt tatsächlich verändert haben. Über 2.000 VfL-Fans werden erwartet, viele reisen im Buskonvoi an – diesmal ohne Abstiegsangst, ohne Druck, aber mit der Lust auf einen letzten großen Nachmittag.
Vielleicht passt genau das zu dieser Saison: Dass selbst nach einer bereits historischen Spielzeit noch neue Geschichten möglich scheinen.