Nicht nur Theoretiker, sondern auch Praktiker: Sportwissenschaftler Matthias Lehner trainiert Jugendteams von Deggendorf und Aicha vorm Wald.
Nicht nur Theoretiker, sondern auch Praktiker: Sportwissenschaftler Matthias Lehner trainiert Jugendteams von Deggendorf und Aicha vorm Wald. – Foto: Ecker H.-J.

Reform des Jugendfußballs: »Bewährtes muss nicht schlecht sein«

Sportwissenschaftler und Jugendtrainer Matthias Lehner mit dem zweiten Teil seiner Gedanken rund um den Nachwuchsfußball.

Dass etwas passieren muss, um den Kinder- und Jugendfußball wieder attraktiver zu machen, ist angesichts der rückläufigen Zahlen an Mannschaften und Aktiven klar. Doch was genau? Sportwissenschaftler und Jugendtrainer Matthias Lehner hat da einige Ideen. Zunächst erklärte der 42-Jährige im Rahmen seiner Gedankensammlung, was sich ändern muss im Nachwuchsbereich. Im zweiten Teil macht er deutlich, dass Bewährtes nicht unbedingt komplett falsch ist.

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Kinder müssen auf ihrem Leistungsvermögen agieren

Damit sich ein Kind fußballerisch gut entwickeln kann, muss es gefordert, aber nicht überfordert werden. Die Turnierform stellt für Kinder ein wesentlich motivierendes Wettkampfgeschehen dar als ein Einzelspiel. Die sofortige Möglichkeit zu haben, das nächste Spiel wieder bei 0:0 anzufangen und es (gegen einen vielleicht schwächeren Gegner) besser zu machen, lässt die vorherige Niederlage schnell vergessen. Einladungsturniere werden immer so organisiert, warum nicht auch die Verbandsspielrunde? Für die Motivation und den Lernerfolg der Kinder wäre dies ein großer Gewinn.

Sobald Tabellen ins Spiel kommen und unterschiedliche Ligen mit Auf- und Abstieg den Leistungsdruck erhöhen, hat dies meist negative Begleiterscheinungen. Dem Erfolg wird alles untergeordnet, viele Kinder und Jugendliche verlieren dann die Lust am Fußball. Ein sehr guter Ansatz ist die Meldeliga: jeder Verein hat am Saisonanfang die Möglichkeit, seine Mannschaften entsprechend der eingeschätzten Spielstärke in eine bestimmte Liga einzuordnen. Nach einer Herbstrunde erfolgen Auf- und Abstieg und in der ausgeglicheneren Frühjahrsrunde wird somit manche Vereinsfehleinschätzung korrigiert. Da zum September ohnehin die Jahrgänge der Spieler und somit auch die Stärke einer Mannschaft wechseln, ist eine Neueinschätzung in eine passende Liga sinnvoll, auch wenn diese sportlich in der vorherigen Saison nicht erreicht wurde. Der große Leistungsdruck ist somit raus und die Spieler*innen bleiben am Ball. Daher unbedingt: Meldeliga beibehalten!


Das Vereinsdenken muss überwunden werden

Aus einer reinen Leistungsperspektive heraus ist auch nichts dagegen einzuwenden, dass man mit einem weiteren Verein eine Spielgemeinschaft eingeht, um die stärkeren und schwächeren Spieler*innen entsprechend ihres Leistungsvermögens in zwei Mannschaften trainieren und spielen zu lassen, selbst wenn man als Verein eine eigenständige Mannschaft melden könnte. Oberste Prämisse sollte sein, dass man möglichst viele Spieler auf ähnlichem Leistungsniveau zusammenfasst, weil sie dann auf ihrem Leistungsvermögen agieren. Bei allem sportlichen Ehrgeiz muss aber das Wohl der Kinder und der beteiligten Vereine im Vordergrund stehen. Es ist nicht erstrebenswert, eine immer höhere Spielklasse durch immer neue Zusammenschlüsse anzustreben, wenn dabei die Schwächeren auf der Strecke bleiben. Zwei Vereine in einer Spielgemeinschaft mit zwei unterschiedlich starken Mannschaften des gleichen Jahrgangs klingt vernünftig, alles andere ist übertriebener Ehrgeiz.

Talente müssen gefördert werden

Jeder Verein hat Spieler*innen, die technisch, athletisch oder körperlich herausstechen. Will man diese vereinsintern fördern, ist es meist sinnvoll, sie in einer Mannschaft mit Älteren zusammen spielen zu lassen. Bis zu einem gewissen Alter funktioniert das, auch wenn eine erhöhte Verletzungsgefahr durch körperliche Unterlegenheit besteht. Doch für eine wirkliche Talentförderung braucht man auch technisch und taktisch gute Mitspieler und geschulte Trainer*innen. Jeder Verein sollte seine Talente motivieren, sich für einen Fußballstützpunkt zu empfehlen, anstatt Angst zu haben, einen guten Spieler zu verlieren. Dort können talentierte Spieler*innen das lernen, was im eigenen Verein nur schwer möglich ist, und das sollte man keinem Kind verwehren. Trotzdem sollte es möglich sein, dass ein Kind im Stützpunkt trainiert und im Heimatverein spielt, denn Talent ist keine Frage der Vereinszugehörigkeit.

Es gibt aber auch Talente, die es nicht ganz in den Stützpunkt schaffen und im Vereinstraining unterfordert sind. Warum sollte man nicht 1-2 Mal pro Monat mit den vier umliegenden Nachbarvereinen einen Trainingstermin ausmachen, zu dem jeder Verein seine vier besten Spieler mitnimmt? Es wären Übungs- und Spielformen möglich, die zu Hause im Verein nicht funktionieren. So könnten auch die Talente aus der zweiten Reihe technische und taktische Dinge lernen, die sie im Spiel anwenden können. Voraussetzung: das enge Vereinsdenken muss dafür überwunden werden.

Die Vorzüge des Futsals müssen sinnvoll in den Kinderhallenfußball integriert werden

Als letztes noch ein kurzer Blick auf den Hallenfußball. Futsal ist nicht so schlecht wie sein Ruf. Es gibt sehr viele Vorzüge, die für die fußballerische Entwicklung von Kindern genutzt werden sollten. Der schwerere und langsamer rollende Ball erleichtert Kindern ein gezieltes Zusammenspiel, und genau das ist es, was wir Kindern in der Halle beibringen sollten. Das Fehlen einer Bande, die meist zu unnötigem Gebolze und Verletzungen führt, fordert genau dieses Zusammenspielen ein. Allerdings muss man auch zugeben, dass dies erst mit einem gewissen technischen Können möglich ist, weshalb ein Spiel ohne Bande erst ab der U10 Sinn macht.

"Für eine wirkliche Talentförderung braucht man auch technisch und taktisch gute Mitspieler und geschulte Trainer*innen."
"Für eine wirkliche Talentförderung braucht man auch technisch und taktisch gute Mitspieler und geschulte Trainer*innen." – Foto: Robert Geisler


Es kann auch ein Tor ohne Pfosten sein

Der Futsal-Ball wiederum ist beim Schießen für Kinder ein Nachteil, weshalb viele Spiele 0:0 enden. Kinder wollen und sollen aber viele Tore schießen, denn das ist für den Einzelnen und die gesamte Mannschaft die größte Freude beim Spielen, daher könnten größere Tore diesen Nachteil kompensieren. Ganz revolutionär gedacht kann man zugunsten vieler Torerfolge das traditionelle Pfostentor sogar ersetzen. Im Kinderhandball gibt es Turnierformen, bei denen im Spiel gegeneinander jeder Wurf gegen die Wand als Tor gezählt wird. Man kann es sich als Erwachsener vielleicht nicht vorstellen, aber den Kindern ist es ziemlich egal, wie sie ein Tor erzielen müssen: die Freude über den Erfolg mit den Mitspieler*innen ist die größte Motivation, die unser Sport hat.

Und somit schließt sich der Kreis dieser Beschäftigung mit dem Kinder- und Jugendfußball: der Blick über den Tellerrand hinaus muss unbedingt gewagt werden, um den tollen Mannschaftssport Fußball in einer sicherlich schwierigen Zeit für Kinder und Eltern attraktiv zu halten. Es gibt einige Probleme im Nachwuchssport, die unbedingt diskutiert und gelöst werden müssen. Aber über eines können wir uns sicher sein: Kinder haben Freude an der Bewegung und somit auch am Fußball, wenn wir ihnen motivierende Erlebnisse bieten!

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5446 Aufrufe5.4.2021, 05:00 Uhr
Helmut Weigerstorfer/Matthias LehnerAutor

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