
Wiesbaden. Das von der Vereinigung der Wiesbadener Schiedsrichter mit riesigem Aufwand organisierte dreitägige Turnier in der Horst-Bundschuh-Halle am Elsässer Platz ist der Fußball-Fixpunkt in der Landeshauptstadt. 40 Teams, eine bei freiem Eintritt zumeist voll besetzte Tribüne und auf dem Feld temporeiche Partien bilden die Eckpunkte des Budenzaubers, der am Freitag (ab 17.30 Uhr), Samstag (ab 10 Uhr) und zur Entscheidung am Sonntag ab 10.30 Uhr (auch im Livestream des Wiesbadener Kurier) wieder begeistern wird. „Fairplay steht an oberster Stelle“, gibt Schiedsrichter-Obmann Ingmar Schnurr (SV Frauenstein) die Richtung vor. Und meint damit auch das Verhalten auf den Besucherplätzen. Auf der Platte soll das schon lange Jahre verankerte „Grätschverbot“ das Verletzungsrisiko reduzieren und dafür sorgen, dass der Fokus einzig aufs Fußballerische gerichtet wird. Titelverteidiger ist der aktuelle Verbandsliga-Zweite Türkischer SV, der im Finale 2025 3:0 gegen die Spvgg. Sonnenberg gewonnen hatte.
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Im Gegensatz zu den Großfeldspielen in der Liga sei Hallenfußball „eine andere Sportart mit anderen Regeln, viel mehr Szenen und der Bande, die das Spiel beschleunigt. Das erfordert von den Schiedsrichtern ein besonders hohes Maß an Konzentration“, blickt Marcel Göttel (VfR Wiesbaden) voraus. In seiner Eigenschaft als Stellvertreter von Schiedsrichter-Lehrwart Veith Lang (TuS Medenbach) ist der 21-jährige Physik-Student organisatorisch eingebunden und wird auch selbst pfeifen. Mit einigen prägnanten Videosequenzen des letztjährigen Turniers seien die diesjährigen Turnier-Referees eingestimmt worden, schildert Göttel, der seinerseits im vergangenen Jahr an seinen Höhenflug als Spielleiter angeknüpft hat. Oft zählt mit Fynn Walter vom SV Wiesbaden ein weiterer junger Schiri aus dem Wiesbadener Talentepool als Assistent zu seinem Gespann, zu dem auch regelmäßig Noah Bursky (Kreis Limburg-Weilburg) gehört. Marcel Göttel, der Partien der Männer-Hessenliga und der DFB-Nachwuchsligen leitet, durfte in der Rolle des vierten Offiziellen beim U16-Länderspiel zwischen Deutschland und Rumänien in Essen einen Gänsehaut-Moment mit den Hymnen vor Spielbeginn erleben. Doch als sein Highlight des Jahres 2025 ist ihm das auch live übertragene U19-Spiel am 26. Oktober zwischen Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen (1:1) haften geblieben. „Fußballerisch war das top“, blickt er zurück und verspürte von beiden Seiten auch eine „brutale Akzeptanz“ für seine Art der Spielleitung unter Einbindung der Vorteilsregel. Auch bei der Gelb-Roten Karte gegen einen Dortmunder, die er verhängen musste, habe es weder Kritik und Meckereien gegeben.
Was in etlichen Spielen im Erwachsenen- und Jugendbereich manchmal an der Tagesordnung ist. Was macht den Schiri-Part so reizvoll, wie können sich die Referees gegen Anfeindungen und Bedrohungen wappnen? Man müsse sich ein richtig dickes Fell anlegen, betont Marcel Göttel. „In der laufenden Runde habe ich in der Hessenliga wesentlich besser Fuß gefasst, bin in der Klasse angekommen“, sagt er, nachdem er im Eilverfahren durch die Fördermodelle aus dem Kreis in Hessens Beletage nach oben geschnellt war.
Und als 21-Jähriger erstaunliche Courage beweist. Der Elfmeterpfiff nach 20 Sekunden für die Gäste des FC Eddersheim im Spiel beim U21-Unterbau von Darmstadt 98 – im U19-Spiel MSV Duisburg gegen FC St. Pauli deutete er gar bereits nach 12 Sekunden zugunsten von St. Pauli auf den Punkt – belegt es. Im Hessenpokal zwischen dem VfR Groß-Gerau und den Sportfreunden Bad Homburg habe er kurz hintereinander Gelb und Gelb-Rot gegen Bad Homburgs Spielertrainer zücken müssen: „Wir standen Nase an Nase“, erinnert er sich und ergänzt: „Wenn ich Angst hätte, dürfte ich nicht auf dem Platz stehen. Ich bin derjenige, der am längeren Hebel sitzt, dieses Selbstbewusstsein braucht es schon.“
Ein Selbstvertrauen, das durch das Mentoren-Modell des Hessischen Fußball-Verbands (HFV) gefördert wird. Mit dem früheren Regionalliga-Referee Timo Ide stehe ihm ein ständiger Ansprechpartner zur Seite, mit dem er einen vertrauensvollen Austausch pflege. Gleiches praktiziert Göttel mit seinen Kollegen der Wiesbadener Schiedsrichter-Gilde mit dem Paten-Modell, durch das neue Schiris nach abgelegter Prüfung Rückhalt durch die Präsenz eines gestandenen Schiedsrichters bei ihren ersten Einsätzen erfahren. Anfeindungen und krasse Beleidigungen von draußen, das pralle an 13-, 14-jährigen Jungschiris nicht so leicht ab. Und doch sei es eher die Ausnahme denn die Regel, dass ein Newcomer an der Pfeife schnell das Handtuch werfe. Gegen heftige verbale Ausfälle von Zuschauern gebe es aber letztlich „kein Rezept“, bekennt Marcel Göttel. Selbstvertrauen und dickes Fell werden seine Begleiter bleiben. Er schielt in Richtung Regionalliga und hegt durchaus den Traum, auch mal in einer Bundesliga-Arena im Trikot des Referees dabei zu sein. Mit Tobias Welz (FC Bierstadt), der seine letzte Bundesliga-Saison pfeift, und Fifa-Assistent Rafael Foltyn (TSG Kastel 46), der auf WM-Einsätze an der Linie zurückblickt, hat er in Wiesbaden leuchtende Vorbilder. Aber zunächst gilt es, den dreitägigen Turnier-Marathon mit hundertköpfigem Helferteam zu bewältigen und auf der Platte alle brenzligen Situationen bestmöglich zu bereinigen. Am Sonntag geht es über das Viertelfinale (17 Uhr) und die Halbfinals (18 Uhr) ins für 19 Uhr vorgesehene Endspiel.