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Ratingen 04/19: Erst kamen die Engländer, dann der Fußballgott

Ratingen 04/19 feiert an diesem Wochenende sein 120-jähriges Bestehen.

von Georg Amend · 30.06.2024, 10:00 Uhr · 0 Leser
Ratingen 04/19 ist ein Verein mit langer Geschichte.
Ratingen 04/19 ist ein Verein mit langer Geschichte. – Foto: Sascha Köppen

An diesem Wochenende feiert Ratingen 04/19 sein 120-jähriges Bestehen. Ein Blick in die Historie – von Viktoria 1904 über Fusionen mit dem TV Ratingen und dem SV Germania 19 bis hin zu Trainer Toni Turek – mit dem Weltmeister-Torhüter gab es Auftrieb und Aufstiege.

Wer heutzutage im Internet recherchiert, stößt unweigerlich auf Wikipedia. In der freien Enzyklopädie gibt es auch einen Eintrag über den Fußballverein Ratinger Spielvereinigung Germania 04/19 – der ist jedoch sehr karg. Am Ende steht immerhin unter dem Punkt „bekannte Trainer“ aufgelistet: Toni Turek. Der Fußballgott von 1954.

Ein Anruf und ein Besuch im Stadtarchiv Ratingen sind da deutlich produktiver. Da findet sich beispielsweise als eines der ältesten Zeugnisse des inzwischen größten Fußballvereins der Stadt eine Anzeige in der damaligen Ratinger Zeitung vom 29. April 1908: „Unserer allverehrten Vereinswirtin Frau Tillmann Küppers zu ihrem gestrigen Geburtstage die herzlichsten Glück- und Segenswünsche. Gewidmet vom Fußballklub ,Allemania’“, steht da. Galant verschwiegen, der wievielte Geburtstag es war.

Diese Anzeige deutet immerhin schon an: So ganz einfach ist die nun 120-jährige Geschichte des Vereins, den man mittlerweile kurz „04/19“ nennt, nicht. Diejenigen, die bei der aktuellen Europameisterschaft in Deutschland gerade die wenig attraktive Spielweise der englischen Mannschaft ablehnen, müssen jetzt stark sein: Es waren Briten, die den Fußball nach Ratingen brachten.

Der Anfang

In mehreren Jubiläens-Festschriften heißt es übereinstimmend: „Im Jahre 1903, als die Twyfordschen Werke (heute Keramag, Anm. d. Red.) erbaut wurden, kam gleichzeitig eine ganze Anzahl Facharbeiter aus dem Lande des Sports nach hier. Diese Engländer gründeten bald (...) ,Viktoria Ratingen 1904’“. Namentlich erwähnte Gründungsmitglieder sind Tommy Miller, James Cant oder die Briggs-Brüder. Der Klub spielt „auf einer großen Wiese an der Düsseldorfer Straße“ und wird in der Saison 1905/06 Meister der ersten Klasse des zweiten Bezirks, der den Raum Düsseldorf und Mönchengladbach umfasste. Nach dem dritten Platz auf Verbandsebene verlassen viele Spieler den Verein und gewinnen mit dem Düsseldorfer FC die Westdeutsche Meisterschaft – Viktoria Ratingen 04 wird 1907 aufgelöst.

Dennoch gilt die Viktoria als das eine Standbein des heutigen Fußballklubs, sie ist in jedem Fall der Auslöser einer Vereinsgründungswelle: Ebenfalls 1904 werden der FC Union, FC Germania und eben auch Alemannia 04 (die Schreibweise wandelt je nach Quelle, d. Red.) ins Leben gerufen, auch der TV Ratingen hat eine Fußball-Abteilung und zählt neben der Alemannia mit dem Verein Vorwärts 08 bald zu den bedeutendsten Fußballklubs der Stadt. Ein Sportartikel aus der Ratinger Zeitung vom 18. Dezember 1909:

„(Sport.) Am letzten Sonntag fand auf dem Sportplatz an der Bahnstraße ein Meisterschaftsspiel der B-Klasse des Westdeutschen Spielverbandes statt. Es standen sich gegenüber der Klub ,Hohenzollern’-Benrath und der hiesige Fußballklub ‚Alemannia‘. Nach sehr scharfem Kampfe wurde das Spiel zu Gunsten der ‚Alemannia‘ entschieden. (...) Morgen findet wieder ein Meisterschaftsspiel hier auf dem Platze an der Bahnstraße statt: ‚Alemannia‘ gegen Neußer Fußballklub. Abstoß 2½ Uhr.“

Erste Fusionen

Zwei Jahre später folgt ein Zusammenschluss, den der TV Ratingen auch auf seinem Zeitstrahl an der Turnhalle am Stadionring festgehalten hat. Die Ratinger Zeitung schreibt am 20. Mai 1911:

„Der Fußballklub ‚Allemania‘ hat sich dem Turnverein Ratingen E.V. gegr. 1880 als Spielabteilung angeschlossen. Die Abteilung ist Mitglied des Westdeutschen Spielverbandes und des Deutschen Fußballbundes. (...) Möge die junge Abteilung manchen Sieg durch frisch-fröhlichen Wettkampf an ihre Fahne heften.“

Der Erste Weltkrieg beendet ab August 1914 die Fröhlichkeit. 1916 nimmt Wilhelm Ostermeyer, aus dem Kriegsdienst entlassen, den Spielbetrieb in Ratingen wieder auf, er wird aber durch fehlende Sportkleidung, Fußballschuhe, Plätze und weitere Einberufungen erschwert und kommt 1918 zum Erliegen. Doch ein Jahr später geht es weiter. Fortan gibt es unter anderem Liga-Duelle zwischen dem Turnverein Ratingen und Vorwärts Ratingen – 1919 fusionieren sie. So heißt es im Artikel vom 19. April 1919:

„Nach längeren Verhandlungen haben sich der Turnverein Ratingen e.V. 1865 und der Ratinger Ballspielverein Vorwärts 08 unter dem Namen Turn- und Spielvereinigung 1865 e.V. vereinigt. Der erste Erfolg dieses für die Entwicklung des Sportes in Ratingen so wichtigen Zusammenschlusses war ein einwandfreier Sieg von 7:1 über die spielstarke 1b-Mannschaft des Duisburger Spiel-Vereins.“

Erster Namensteil

Die Einschätzung, wie wichtig die Fusion für die Entwicklung des Sports in der Stadt ist, hält der Realität nicht lange stand. Am 5. August 1920 schreibt die Ratinger Zeitung unter der Überschrift „Ratinger Spielvereinigung 04“:

„Die bisherige Ratinger Turn- und Spielvereinigung 1865 hat sich am 2. August durch Versammlungsbeschluß in zwei selbstständige Vereine getrennt. Die Spielabteilung des bisherigen Gesamtvereins hat den Namen ‚Ratinger Spielvereinigung 04“ angenommen.“

Damit ist der eine Teil des Namens geboren, das zweite Standbein bildet der Verein „SV Germania 19“, der am 28. Oktober 1919 gegründet wurde. Die Fusion, auf der noch heute der komplette Name beruht, wird aber erst Jahrzehnte später vollzogen. Die Ratinger Spielvereinigung (RSV) 04 entwickelt sich sportlich weiter, spielt 1926/27 in der höchsten Spielklasse Westdeutschlands. Als Trainer wird Heinz Körner verpflichtet: der 58-malige Nationalspieler Österreichs, der 1933 mit Fortuna Düsseldorf Deutscher Meister wird, in der Saison 1929/30 aber auch mit der RSV in die Sonderklasse aufsteigt. Dort sind der VfL Benrath und eben Fortuna in den nächsten Jahren spielstarke Gegner.

Germanias Fusion und RSV-Auftrieb

Der Zweite Weltkrieg ist dann die große Zäsur – ab 1945 wird aus den verbliebenen Vereinen, darunter auch die RSV, die „Sportgemeinde Ratingen“ gebildet, die in der untersten Spielklasse wieder beginnen muss und sich bald wieder auflöst, weil die Klubs wieder selbstständig sein wollen. So nimmt 1948 auch der SV Germania 19 den Spielbetrieb wieder auf und bekommt zunächst auf dem „Schlammberg“ in Eckamp einen Platz. Der ist aber wenig zuschauerfreundlich, deswegen folgt die Fusion mit dem Eisenbahnsportverein 1928, der einen schönen Platz an der Düsseldorfer Straße hat. Fortan spielt „Raspo-Germania 19/28“ unter anderem gegen die RSV 04 in der ersten Kreisklasse.

1954 gibt es das „Wunder von Bern“, Außenseiter Deutschland feiert den ersten Titel bei einer Weltmeisterschaft – das bringt auch der RSV einen „mächtigen Auftrieb“, wie es im Jubiläumsheft heißt. Und dann kommt Toni Turek. Der damalige RSV-Geschäftsführer Willi Altenkamp holt den Weltmeister-Torhüter nach dessen Karriereende 1956 bei Borussia Mönchengladbach als Trainer nach Ratingen. Turek steigt mit der RSV in die Bezirksliga auf, auf dem Weg dorthin gibt es unter anderem ein Derby gegen Rot-Weiß Lintorf vor 4500 (!) Zuschauern. Sieben Jahre wirkt Turek in der Dumeklemmerstadt, führt auch die Reserve zum Aufstieg und die erste Mannschaft in die Landesliga.

Zweiter Namensteil

Für eine noch bessere Entwicklung sucht die RSV Anfang des Jahres 1965 den Kontakt zu Raspo-Germania 19/28 zwecks einer Fusion – sie erfolgt am 11. Juni 1965. Auf „einer sehr gut besuchten Versammlung“ wird der noch heute gültige Name beschlossen: Die „Ratinger Spielvereinigung Germania 04/19“ ist geboren.