– Foto: Paul Krier

Wenn der Fußball zur Nebensache wird

Beflaggte Drohne sorgt beim Europa-League-Heimspiel des F91 Düdelingen gegen Qarabag Agdam für Missstimmung.

Es war ein Abend zum Vergessen für den F91 Düdelingen – und das weit über die klare 1:4-Niederlage hinaus: Das erste Heimspiel in der Gruppenphase der Fußball-Europa-League gegen Qarabag Agdam hatte so gar nichts von dem erhofften (weiteren) Festtag zu tun. Vielmehr war die Partie ab der 30. Minute für knapp eine halbe Stunde unterbrochen, nachdem sich die Gäste aus Aserbaidschan durch eine über dem Josy-Barthel-Stadion fliegende Drohne provoziert gefühlt hatten. An diese war die Flagge von Bergkarabach befestigt – seit 1993 kann Qarabag Agdam infolge des Konflikts um diese Teilrepublik zwischen Aserbaidschan und Armenien nicht mehr in seiner Stadt spielen, sondern bestreitet seine Heimpartien in der Hauptstadt Baku (siehe Info).
Anhänger von Agdam unter den 3005 Zuschauern waren derart aufgebracht, dass sie aufs Spielfeld stürmen wollten und nur unter größten Mühen der Ordner davon abgehalten wurden. Sitzschalen flogen Richtung Spielfeld. Zudem wurden Auswechselspieler der Aserbaidschaner gegenüber Sicherheitskräften handgreiflich.

„Sehr schade, dass der Sport für politische Krisen missbraucht wird“, sagte Paul Philipp, der Präsident des Luxemburger Fußballverbandes. Die Drohne war außerhalb des Stadions vom angrenzenden Gelände eines Tennisclubs gestartet worden. „So was kannst Du nicht verhindern“, wusste F91-Präsident Romain Schumacher. Welche Spannung noch immer in diesem Konflikt herrscht, erfuhr er persönlich: „Als die Drohne zu sehen war, schrie mich plötzlich ein Botschaftsangehöriger aus Aserbaidschan auf der Tribüne an.“

Erst, als sich der Luxemburger Sportminister Dan Kersch um des lieben Friedens willen über das Stadionmikrofon bei den Gästen für die Provokation entschuldigte, kehrten sie aufs Spielfeld zurück und setzten die Partie fort.

F91-Abwehrspieler Tom Schnell:


Unwohl gefühlt habe er sich, sagte Angreifer Danel Sinani, als die Drohne für den Abbruch sorgte. „So was hat auf dem Fußballplatz einfach nichts zu suchen“, stellte Verteidiger Tom Schnell klar.

Die vertane Chance der Düdelinger, nach dem sensationellen 4:3-Erfolg zwei Wochen zuvor bei Apoel Nikosia mit einem weiteren Sieg einen guten Schritt Richtung Zwischenrunde tun zu können, war am Donnerstag in den Hintergrund getreten.

„Wir waren von Anfang an nicht im Spiel, hatten zu viel Platz zwischen den Linien“, wusste Schnell.

Vor dem 0:1 durch Abdellah Zoubir (11.) hatten Außenverteidiger Mohamed Bouchouari und der ansonsten starke Torwart Jonathan Joubert schlecht ausgesehen. Dem 0:2 durch Michel (30.) war ein Fehler von Mario Pokar vorausgegangen. Agdam ließ den Ball gut zirkulieren, wirkte griffiger als Düdelingen, dem es auch an Spirit fehlte.

Auch nach der Unterbrechung hatte der Gast alles im Griff. Richard Almeida verwandelte in der 37. Minute einen Foulelfmeter zum 0:3-Pausenstand. Nach knapp einer Stunde flog F91-Abwehrspieler Mickael Garos mit Gelb-Rot vom Platz. Die Überzahl nutzte der Spanier Dani Quintana, einer von zahlreichen Legionären im Team von Qarabag Agdam, zum 0:4 (70.).

Schmerzlich im Düdelinger Spiel vermisst wurde die offensive Triebfeder Dominik Stolz, der wegen Magen-Darm-Problemen kurzfristig ausgefallen war. „Es war ein großer Verlust. Dominik hat uns sehr gefehlt“, wusste Interimstrainer Bertrand Crasson, dessen dauerhafte Zukunft als Chefcoach – ursprünglich hatte er Mitte September als Assistenzcoach angeheuert – immer noch nicht geklärt ist. Agdam attestierte der eine sehr starke Leistung. Einigen seiner Akteure fehle noch die Konstanz, um dauerhaft solche Auftritte wie zum Gruppenphasen-Start in Nikosia hinzulegen. Priorität habe jetzt die Meisterschaft – mit sieben Punkten aus sieben Spielen ist Düdelingen nur sehr mäßig gestartet.

Zum Drohnen-Vorfall meinte der frühere belgische Nationalspieler: „Da sieht man schnell, wie nebensächlich der Fußball sein kann.“

Info: Armenische Ultras bekennen sich zum Vorfall

Formal gehört die Enklave Bergkarabach, in welcher der FK Qarabag Agdam eigentlich zu Hause ist, zu Aserbaidschan. Sie hat jedoch eine armenische Mehrheit und war in der Praxis zum größten Teil unabhängig nach dem Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, der 1988 begann und 1994 endete. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind allerdings unverändert angespannt und von Feindseligkeiten geprägt.

Zum Drohnen-Einsatz bekannten sich die Ultras der First Armenian Front auf ihrer Facebookseite: „(…)Der Nachbarstaat Aserbaidschan hat ein starkes Team für politische Zwecke gebildet und es Qarabag genannt, mit dem Ziel, das Wort Qarabag durch den Verein mit Aserbaidschan in Verbindung zu bringen. Und das gelingt ihnen. Mit unserer Kampagne wollten wir eine möglichst große Resonanz erzielen und möglichst vielen Menschen zeigen, dass Qarabag nicht zu Aserbaidschan gehört. Qarabag ist unabhängig (…)“

Aufrufe: 04.10.2019, 12:00 Uhr
Andreas ArensAutor

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