
Wegen nicht gezahlter Gehälter liegt Serhat Imsak mit Türkgücü München im Rechtsstreit. Die ersten beiden Gerichtsverhandlungen hat der Stürmer gewonnen.
München - Es mutet seltsam an, dass die Internetseite von Regionalligist Türkgücü München mit dem Motto „Überall Familie“ überschrieben ist. Zumindest aus Sicht von Serhat Imsak. Der gehört einst auch zu dieser Familie. Er lernte auf dem Sportplatz an der Heinrich-Wieland-Straße in Perlach das Kicken, auf dem heute auch die Türken trainieren. Schon sein Vater spielte auf dem Rasen. Er und selbst seine Eltern kennen praktisch jeden, der im Klub etwas zu sagen hat, persönlich.
„Ich habe die letzten eineinhalb Jahre so viel Scheiße gefressen. Wenn ich meine Familie und Freunde nicht hätte, wüsste ich nicht, wo ich wäre.“
Serhat Imsak.
Aber nun hat der Stürmer mit dem Klub gebrochen. Der Verein schuldet ihm seit November 2023 sämtliche Gehälter. Wir sprechen von einer Gesamtsumme von etwa 50 000 Euro. Serhat Imsak ist als Erster und Einziger der ehemaligen Mannschaft vor Gericht gezogen. Weil er Gerechtigkeit und seinen Seelenfrieden haben will. „Ich habe die letzten eineinhalb Jahre so viel Scheiße gefressen. Wenn ich meine Familie und Freunde nicht hätte, wüsste ich nicht, wo ich wäre“, sagt der 25-Jährige.
Beide Gerichtsverhandlungen hat Serhat Imsak vor dem Arbeitsgericht gewonnen. Die letzte mit Urteil vom 13. Dezember. Der Einspruch der Türken gegen das erste Urteil wurde als verspätet abgelehnt. Die erste Zahlung ist geflossen, 16 000 Euro, per Kontopfändung. Beim Viertligisten erzählen sie natürlich eine etwas andere Version. Gewiss, vor Gericht habe Serhat Imsak gewonnen, sagt Vorstand Serdar Yilmaz. Er glaubt aber an einen persönlichen Rachefeldzug des - mittlerweile - ehemaligen Stürmers. „Der will, dass der Verein Schaden abbekommt“, vermutet Yilmaz im Interview mit dem Münchner Merkur. Nach dem Urteil sagt er dem früheren Türkgücü-Kicker zu: „Was im Urteil steht, wird bezahlt.“
Die Liaison begann einmal in Harmonie. Im Sommer 2023 entschloss sich der Münchner zurückzukehren. Als junger Fußballer hatte er eine Saison für Türkgücü gespielt, ehe er auszog, um seinen Traum vom Fußball zu leben. Zuletzt in St. Pauli trainierte er zeitweise mit der Ersten Mannschaft. Die Türken lockten ihn mit Ambitionen auf die 3. Liga und einem lukrativen Zwei-Jahres-Vertrag, nannten ihn ihren Wunschspieler. Heute weiß er: „Sie haben mir Honig ums Maul geschmiert.“ Seine Mutter sagte ihm damals bereits: „Geh’ nicht nochmal zu Türkgücü.“ Er hörte nicht auf sie. Auch Serdar Yilmaz räumt einen Fehler ein. Nämlich den Stürmer mit einem Vertrag zu solch guten Konditionen für gleich zwei Jahre ausgestattet zu haben. Damals rechnete die Führung fest mit den Geldern von Investor Milan Rapaic. „Was soll ich machen, wenn Rapaic von heute auf morgen aussteigt?“
Der erste Dominostein fiel im November 2023. Als sich Imsak ein Auto finanzieren wollte, aber kein Gehalt mehr ankam. Am Telefon berichtete Vorstand Serdar Yilmaz von der finanziellen Schieflage des Klubs, vom Ausstieg des Investors Milan Rapaic und was das bedeutet: Kein voller Lohn mehr für die Spieler. Serhat Imsak sollte auf 80 Prozent verzichten, besser gleich den Vertrag auflösen. Er war viel zu teuer geworden. „Für mich ist in dem Moment alles zusammen gebrochen. Von was soll ich leben? Fußball ist mein Beruf“, sagt er. Serdar Yilmaz erklärt: Es ging nicht anders. „Ich musste den Schritt gehen.“ In der Winterpause habe sich der Verein mit allen Spielern hingesetzt und den Ernst der Lage erläutert. Ihm zufolge gingen sämtliche Kicker auf den Deal ein, spielten zu deutlich abgespecktem Gehalt oder verließen den Klub. Serhat Imsak nicht.
Wie prekär das alles ist, merkte der Fußballer im Januar 2024 beim Zahnarzt. Als er zur Zahnreinigung in die Praxis kam, sagte ihm die Dame am Empfang, dass er nicht mehr krankenversichert ist. Türkgücü hatte ihn abgemeldet, diese Auskunft gab ihm später seine Versicherung. „Da kam mein Entschluss: Ich muss zum Anwalt.“ Sportvorstand Yilmaz berichtet von einem Gespräch mit Imsaks Berater. Über den habe man vereinbart, dass Imsak künftig nur noch auf Minijob-Basis (und damit ohne Krankenversicherung) kickt. Nur schriftlich habe er sich das vom Stürmer nicht bestätigen lassen. „Da habe ich ihm vertraut.“ Serhat Imsak wiederum betont: So eine Abmachung gab es nie.
Ein früherer Mitspieler empfahl ihm Anwalt Thomas Müller, ein Spezialist für Arbeits- und Sozialversicherungsrecht und ehemaliger Bayernliga-Kicker, der über seine aktive Zeit sagt: „Den Ball hab ich getroffen.“ Den Fall seines Mandanten wie das Vorgehen von Türkgücü München nennt er „ungewöhnlich“. Ein befristeter Vertrag lässt sich nicht einfach kündigen. Am Anfang versuchte er es mit Konsens. „Ein langer Rechtsstreit macht keinen Sinn“, betont der Anwalt. Außerdem habe er ein Herz für Vereine. „Ziel war nie, dass man Türkgücü in den Abgrund stürzt“, betont Thomas Müller.
„Mit Serhat kannst du dich schwer unterhalten. Er stellt sich einfach auf stur.“
Serdar Yilmaz über Serhat Imsak.
Tatsächlich sei man dem Klub entgegengekommen. Die Verantwortlichen lehnten einen „sinnvollen Kompromiss“ ab, boten zunächst nur an, den Vertrag ohne Zahlung aufzulösen. „So können wir nicht verhandeln, das ist nicht interessengerecht“, betont Thomas Müller. Vorstand Serdar Yilmaz hingegen beschreibt das Vorgehen der anderen Seite als stur. Auf jedes Angebot habe man nur mit einer höheren Forderung reagiert. Yilmaz sagt: „Mit Serhat kannst du dich schwer unterhalten. Er stellt sich einfach auf stur.“
Am 20. März 2024 schickte Anwalt Müller die erste Klage, forderte die Gehälter (knapp 20 000 Euro samt Zinsen) ein. Im Mai endete Teil eins des juristischen Streits mit einem Sieg vor Gericht. Die Klubführung, die sich selbst vertrat, erschien nicht zur ersten Verhandlung und versäumte die einwöchige Einspruchsfrist. Beim zweiten Treffen vor Gericht im Dezember kam der Vorstand dann – und verlor abermals. Diesmal ging es um circa 30 000 Euro. Im Januar meldete sich schließlich ein sogenannter Vereins-Sanierer, dessen Name nicht erwähnt werden soll, mit einem Angebot von 12 000 Euro. Natürlich lehnten Müller und sein Mandant ab. Mittlerweile haben sie den Vertrag aufgelöst. Sportvorstand Yilmaz erklärt: Türkgücü habe danach nochmals 35 000 Euro (20 000 direkt, 15 000 auf Raten) geboten, was die Gegenseite ablehnte. Diese Offerte gab es nicht, sagen wiederum Imsak und sein Anwalt.
Für Serhat Imsak beginnt nun das Leben danach. Was er im vergangenen Jahr durchgemacht hat, kann man Schikane nennen. Immer wieder schmissen ihn die Verantwortlichen aus der Mannschaft, verboten ihm zu trainieren, um ihn später wieder zurückzubeordern. Sie schickten ihn frühmorgens zum Laufen, bettelten an manchen Tagen um Einsätze, machten ihm an anderen klar, dass sie keine Verwendung mehr für ihn haben. Und sie verpflichteten über 30 neue Spieler, ohne ihm sein Geld zu zahlen.
„Das war eine Zumutung, psychisch nicht aushaltbar.“
Serhat Imsak über die letzte Zeit bei Türkgücü München.
Serhat Imsak ließ diesen Terror über sich ergehen. Weil er sich keinen Fehler erlauben wollte. Heute sagt er: „Das war eine Zumutung, psychisch nicht aushaltbar.“ Ein Arzt hat ihm das bestätigt. Bei Türkgücü hingegen vermuten sie, dass Imsak den Verein schlecht dastehen lassen will. Weil er unzufrieden war, oft auf der Ersatzbank saß, seine Rolle nicht fand. „Serhat ist nicht wirklich ins Spiel gekommen. Er hat mehr Krankmeldungen eingereicht, als dass er ins Training gekommen ist“, erklärt Serdar Yilmaz.
Mittlerweile wohnt Imsak wieder bei seinen Eltern, ist auf Taschengeld angewiesen – und plant die Zukunft. Eine Weiterbildung zum Videoanalyst und Scout hat er absolviert, sich zum ersten Trainerlehrgang angemeldet. Die Karriere würde er gerne so schnell wie möglich wieder beleben. Auch wenn es derzeit schwer ist, einen Verein auf Regionalliga-Niveau und darüber zu finden.
„Fußball war mein Plan A – es gab keinen anderen. Der Traum ist nie vorbei“, sagt Serhat Imsak. Am wichtigsten ist ihm aber die Gewissheit, dass Türkgücü München mit seiner Volte scheitert. „Ich will einfach nicht, dass sie damit durchkommen. Weil ich weiß, wie viele junge Leute dadurch ausgenutzt werden, Karrieren zu Ende gehen.“ Es geht ihm nicht um Geld, sondern um Gerechtigkeit.