
Andreas Schwan wählt einen anschaulichen Vergleich: Ein bisschen wie Robert Andrich sei der Pascal Schellhammer, sagt Union Nettetals Trainer – auch wenn er selbstredend weiß, dass beide fußballerisch nicht kompatibel sind.
Schließlich ist Andrich inzwischen deutscher Nationalspieler und feierte in der Vorsaison die Deutsche Meisterschaft mit Bayer Leverkusen. Aber Schwan geht es eher ums Auftreten: Ein Mann fürs Grobe, ein Antreiber, mit Herz für den Zweikampf: Beschreibungen, die es zuhauf über Andrich gibt – und die ebenfalls auf Schellhammer zutreffen. Was beide ebenfalls eint: Als Spielertyp sind sie in ihrer Mannschaft unersetzlich.
Für die Partie am Sonntag in Mülheim muss Schwan vermutlich aber auf Schellhammer verzichten, sein Kapitän fehlt wegen einer Gelb-Rot-Sperre. Statt einer rustikalen Grätsche flog Schellhammer allerdings vor einer Woche gegen Biemenhorst wegen eines Kommunikationswirrwarrs im Schiedsrichterteam vom Platz: Der Linienrichter schickte ihn nach einer Verletzungsunterbrechung zurück aufs Spielfeld, der Hauptschiedsrichter fand das gar nicht gut – und zückte die zweite Gelbe Karte. „Der Assistent hat dem Schiedsrichter direkt gesagt, dass er den Spieler aufs Feld geschickt hat. Aber der Schiedsrichter blieb bei seiner Meinung. Das ist ein Regelverstoß, der zu unseren Lasten geht“, sagt Schwan. Nettetal hat inzwischen beim Fußballverband Niederrhein Einspruch gegen den Platzverweis sowie gegen die Spielwertung eingelegt. Das Verfahren läuft noch. In Unterzahl verlor Nettetal das Spiel nach 1:0-Führung mit 1:2.
Im Niederrheinpokal am vergangenen Sonntag durfte Schellhammer allerdings spielen und gehörte zu den erfolgreichen Schützen beim 8:6-Erfolg im Elfmeterschießen gegen den TSV Meerbusch. Er agierte dabei einmal mehr in seiner neuen Rolle als Sechser vor der Innenverteidigung, eine Position, die er nach eigener Aussage am liebsten spielt. Doch in Nettetal sah ihn Trainer Schwan bislang besser in der Innenverteidigung aufgehoben. „Er ist extrem kopfballstark und bei der Lufthoheit einer der besten Spieler der Liga. Außerdem hat er einen tollen Spielaufbau. Daher war er für uns als Innenverteidiger wichtig“, sagt Schwan. Schellhammer akzeptiert so etwas mannschaftsdienlich: „Wenn ich hinten gebraucht werde, scheue ich das nicht.“
Die mäßigen Ergebnisse in den ersten Saisonwochen ließen das Trainerteam jedoch umdenken. Es brauchte neue Impulse, also zog Schwan seinen Kapitän vor dem Velbert-Spiel Anfang Oktober auf die Sechs ins Mittelfeld nach vorne. Das zahlte sich aus: Unter anderem bereitete Schellhammer einen Treffer beim 4:2-Sieg gegen Velbert vor. „Ich bin nun viel aktiver im Spiel und früher in den Zweikämpfen. Als Innenverteidiger war ich oft zu weit weg vom Geschehen“, sagt Schellhammer. Anders gesagt: Schellhammer will sein, wo es rummst. Schwan hebt zudem sie spielerischen Stärken des 29-Jährigen hervor: „Er ist ein aggressiver Leader, der in den Zweikämpfen ans Limit geht und sich nie zurücknimmt. Er fordert aber auch den Ball und ist unter Druck immer anspielbar. Damit gibt er der Mannschaft Sicherheit und seinem Nebenmann auf der Sechs mehr Freiheiten.“
Schellhammer kam 2020 vom 1. FC Mönchengladbach zu Union Nettetal und erhielt auf Anhieb das Amt des Kapitäns – eine Entscheidung, die alles andere als selbstverständlich ist. „Wir wollten, dass er gleich die Rolle als Führungsspieler einnimmt“, sagt Schwan, für den Schellhammer aber kein gewöhnlicher Mannschaftsführer ist: „Außerhalb des Platzes ist er kein Lautsprecher oder ein extrovertierter Typ. Auf dem Spielfeld ist es aber anders, da geht er vorneweg.“ Schellhammer ist dieser Wandel bewusst. „Wenn es aufs Feld geht, entwickelte ich eine extreme Siegermentalität“, sagt er und fügt lachend an: „Dann nerve ich die Mitspieler und werde auch mal lauter.“
Der mäßige Saisonstart hat zuletzt die Kommunikation zwischen ihm und dem Trainerteam intensiviert, sagt Schellhammer. Es ging um Grundsätzliches zum Innenleben der Mannschaft, aber auch um konkrete Ansätze, was augenblicklich hilft. „Er ist ein Schlüsselspieler und ein zentraler Ansprechpartner für das Trainerteam. Seine Meinung ist uns sehr wichtig. Sein Feedback beziehen wir in unsere Entscheidungen mit ein“, sagt Schwan. So entstand auch die Idee, Schellhammer ins Mittelfeld zu beordern. Gegen Mülheim am Sonntag könnte der Kapitän nun allerdings als Antreiber fehlen – sofern der FVN die Sperre nicht aufhebt. Er muss die Kollegen dann von außen „nerven“.