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Im Nachfassen

"Ohne Kölner Keller bist du machtlos"

Das erste Pflichtspiel der Thüringenliga im Jahr 2025 war gleich eines, von dem noch lange erzählt wird. Denn ein Blick auf die Spielstatistik der Begegnung zwischen SV Blau-Weiß `90 Neustadt/Orla und dem 1. FC Eichsfeld zeigt doch mehrere Besonderheiten.

von André Hofmann · 19.02.2025, 13:21 Uhr · 0 Leser
Zwei Protagonisten des kuriosen Spiels in Neustadt/Orla: Schiedsrichter Martin Falk (links) und Eichsfelds' Nils Pichinot (liegend).
Zwei Protagonisten des kuriosen Spiels in Neustadt/Orla: Schiedsrichter Martin Falk (links) und Eichsfelds' Nils Pichinot (liegend). – Foto: Sascha Drenth

Nicht nur das Ergebnis von 4:3 für die Gastgeber lässt auf ein besonderes Spiel schließen, auch die Tatsache, dass fünf der sieben Tore vom Elfmeterpunkt fielen. Die Gastgeber erzielten dabei sogar alle ihre vier Treffer von der Strafstoßmarke. Im Mittelpunkt stand dabei auch Schiedsrichter Martin Falk.

„Schon in den ersten 15 Minuten deutete sich eine intensive Begegnung an mit hoher Zweikampfdichte, welche allesamt hart aber nie unfair geführt wurden. Mit dem 1:1 zur Pause war uns klar, dass das Spiel weiter eng und umkämpft sein wird. Dass es dann so kurios werden sollte, konnten wir uns natürlich nicht vorstellen“, sagt der 35-jährige Unparteiische im Rückblick. Die Gäste aus Eichsfeld gingen in Führung, doch Neustadt/Orla glich aus. Grimm ging im Strafraum zu Boden und Elia-Abraham Walther traf vom Punkt. „Wir gehen nicht ganz unverdient mit 1:0 in Führung. Danach kommt Neustadt stärker auf und just in dem Moment, in dem ich taktisch umstellen will, bekommen wir den Ausgleich. Für mich auch deshalb ärgerlich, da der erste Elfmeter recht deutlich keiner war, wie dann auch die Videoaufnahmen bestätigt haben“, sagt Dennis Erkner zum ersten Gegentreffer. Der Eichsfelder Trainer selbst sucht aber nicht die Schuld für die Niederlage beim Unparteiischen. Insgesamt war die Flut der Strafstöße gegen seine Mannschaft eine selbsterfüllende Prophezeiung, allerdings im negativen Sinne. Insbesondere Elia-Abraham Walther hatte Erkner in der Spielvorbereitung mit Sonderhinweisen für seine Defensive bedacht: „Er ist einer der stärksten Spieler der Liga. Er ist technisch sehr stark und schnell. Er zieht durch seine Art zu spielen, sehr häufig Foulspiele in der Box. Das wussten wir allerdings vor dem Spiel und haben das auch in der Besprechung thematisiert. Dass er dann trotzdem drei Elfmeter rausholt nervt mich tierisch.“

Video-Studium im Nachgang für Teams & Schiedsrichter

Tierisch genervt war Erkner auch, dass seine Elf nach dem Doppelschlag kurz nach Wiederbeginn auf die Verliererstraße bog. Nur 180 Sekunden waren nach der Pause gespielt, als das Schiedsrichterkollektiv wieder in den Fokus rückte. „Die zweite Halbzeit verlangte uns dann alles ab. Jede Strafraumsituation - egal, ob sie zu einem Elfmeter führt oder nicht - ist immer höchst sensibel und bedarf durch uns einen ganz besonderen Fokus. Letztendlich muss dann aber jede Situation isoliert betrachtet und bewertet werden - was wir dann auch getan haben. So hatten wir dann am Ende fünf Strafstöße plus eine weitere schwierige Situation (Handspiel der Gäste), welche wir nicht als strafbar bewertet haben. Zusammenfassend also auch für uns eine enorm kuriose und zugleich fordernde Partie, welche bis zur letzten Sekunde volle Konzentration verlangte“, sagt Martin Falk mit etwas Abstand zum Spiel. Eichsfeld-Coach Dennis Erkner gab direkt nach dem Spiel als Statement ab, dass drei Elfmeter der vier berechtigt waren. Nach dem Videostudium revidiert er diese Aussage mit Abstrichen: „Eine Mitschuld gebe ich dem Schiedsrichter beim vierten Elfmeter nicht. Ich selber musste im Video auf Slow-Motion stellen und stark reinzoomen, um zu erkennen, dass kein Kontakt vorlag. Das macht der Neustädter einfach unheimlich clever. Ohne Kölner Keller hätte hier kein Amateur-Schiedsrichter der Welt eine Chance gehabt.“

Alles im Blick: Martin Falk (hinten) beobachtet das Geschehen beim Spiel zwischen Neustadt/Orla (weiß) und Eichsfeld (schwarz).
Alles im Blick: Martin Falk (hinten) beobachtet das Geschehen beim Spiel zwischen Neustadt/Orla (weiß) und Eichsfeld (schwarz). – Foto: Janine Volbert

„Eichsfeld hat die ersten 20 Minuten extrem viel Druck gemacht und Spielkontrolle gehabt. Dann konnten wir uns befreien und haben mutiger gespielt. Wir sind höher angelaufen und haben die Bälle besser festgemacht. Am Ende ist es ein verdienter Sieg und eine hervorragende Mannschaftsleistung“, freut sich Neustadts‘ Jürgen Walther nach der Partie. Der Trainer der Blau-Weißen selber bewertet den Handelfmeter gegen sein Team in der Nachspielzeit als diskutabel „zumal man die gleiche Situation auch auf der anderen Seite hätte pfeifen können“, so Walther.

Ein denkwürdiges Spiel bleibt

Am Ende bleibt für Schiedsrichter Martin Falk sowie den Trainern Jürgen Walther und Dennis Erkner ein Spiel, von dem man wohl noch den Urenkeln eines Tages erzählen kann. „Ich habe so etwas in knapp 20 Jahren Schiedsrichtertätigkeit noch nicht erlebt. Dass es mal einen Strafstoß gibt, ist so normal wie üblich. Wenn es mal zwei werden, ist das schon viel. Gleich fünf Strafstöße in einem Spiel war für mich und meine beiden Assistentinnen natürlich maximal kurios. Am Ende kann das aber natürlich kein Grund sein, irgendein Foul oder ein Handspiel nicht zu ahnden, nur weil es dann Elfmeter Nummer Vier oder Fünf wäre“, sagt Martin Falk. Eine solche „Elfmetererfahrung“ hatte bisher auch noch nicht Jürgen Walther gemacht: „So viele Elfmeter habe ich noch nicht erlebt. Alle waren klar. Grimmi und Elia sind jeweils konsequent in den 16er und bekommen den Kontakt. So was muss man auf dem Niveau annehmen.“ Und auch für Dennis Erkner war es eine (unschöne) Premiere.

Martin Falk hat wie beide Teams auch das Spiel für sich als Unparteiischer analysiert. Auch mit etwas Abstand handelte der Schiedsrichter in der Partie nach besten Wissen und Gewissen: „Vorab: Niemand, schon gar nicht ein Schiedsrichter, ist vor Fehlentscheidungen gefeit. Wichtig ist, dass man sich selbst reflektiert und als Resümee feststellen kann, dass man sein Bestmögliches gegeben hat. Was ich sagen kann: Ich hatte im Spiel schon ein sehr gutes Gefühl bei den Entscheidungen und auch im Nachhinein würde ich behaupten, dass die getroffenen Entscheidungen so vertretbar sind. Da mir vom 1. FC Eichsfeld dankenswerterweise auch das Videomaterial zum Spiel zur Verfügung gestellt wurde, konnte ich mir auch alle Szenen nochmals anschauen, was den Eindruck dann auch bestärkte. Beim ersten Elfmeter kann man sich sicherlich streiten, ob dieser knapp in- oder knapp außerhalb des Strafraumes war. Da aber auch meine Assistentin hier guten Einblick hatte, sind wir uns auch in der Nachbetrachtung einig, dass die getroffene Entscheidung richtig war. Alle anderen Szenen waren dann aber doch recht eindeutig“

Für das Schiedsrichter-Kollektiv wie auch beide Trainer war dieser Samstagnachmittag emotional und aufreibend. Entsprechend bewertet Falk auch die Reaktion direkt nach dem Spiel nicht über und kann diese gut einschätzen: „Naturgemäß ist es so, dass wenn ein Verein vier Elfmeter gegen sich bekommt, die Grundstimmung gegenüber dem Schiedsrichter nicht wirklich positiv ist. Dass man dann auch noch 3:4 verliert - und das durch vier Strafstoßgegentore - steigert die Begeisterung der unterlegenen Mannschaft natürlich nicht. Ich muss aber sagen, dass Spieler, Trainer und Funktionäre beider Mannschaften nach dem Spiel bei uns waren und sich absolut fair und respektvoll verhalten waren. Wir erhielten viel positives Feedback für die getroffenen Entscheidungen und diese sportliche Fairness, vor allem auch durch die unterlegenen Gäste aus Eichsfeld, muss man schon herausstellen. In Zeiten rauer Stimmung und auch Beleidigungen gegenüber Schiedsrichtern habe ich die Atmosphäre nach dem Spiel als überaus angenehm und sportlich fair wahrgenommen.“

Letztendlich treffen Falks letzte Worte den Nagel auf dem Kopf und zeigen, wie schön dieser Sport sein kann. Auch wenn ein Spiel einmal mit 3:4 und vier Elfmeter-Gegentoren verloren geht, kann man doch wie Dennis Erkner fair bleiben und letztendlich die Fehler erstmal bei der eigenen Mannschaft statt dem Unparteiischen suchen. Sicher ein Vorbild für einige Amateurfußballer…