Mit einem Kompass im 16-Meter-Raum

Der O.F.C. Solingen spielt mit einem Handball-Nationaltorhüter

Er hütete das Tor der deutschen Nationalmannschaft, fühlt sich trotzdem unwohl im Gehäuse eines Fußball-C-Ligisten. 19 Mal schmetterte er mit dem Adler auf der Brust die Nationalhymne, trotzdem weiß er nicht, ob er sich auf den Ball schmeißen oder ihn lieber per Fuß abwehren soll.
Für Chrischa Hannawald sind es die ungewohnt großen Maße, die ihn nervös machen. Er ist es in seiner Profi-Karriere gewohnt gewesen, in einem drei Meter breiten und zwei Meter hohem Tor zu stehen. In einem Handballtor.

Der 41-Jährige hatte seine Handball-Karriere eigentlich 2008 beendet, feierte 2010 aber ein kurzzeitiges Comeback bei den Rhein-Neckar Löwen. Seitdem geht er seinem lange unterdrückten Hobby Fußball nach. In seiner Zeit als Handball-Profi durfte er nicht kicken. Fußball galt als Risikosportart. Die Verletzungsgefahr sei zu groß. Heute spielt er auf Vereinsebene Fußball. Beim OFC Solingen.

Frank Jakobi, ein guter Freund, fragt 2011 nach, ob er nicht Lust hätte, das Team zu unterstützen. Hannawald ist zu diesem Zeitpunkt Co-Trainer des Handball-Bundesligisten Bergischer HC. Er überlegt nicht lange und sagt zu. Als Kind hatte er schon immer Fußball gespielt, parallel dazu Handball.

Hannawald erkannte früh, dass er beim Handball besser aufgehoben ist. Spätestens mit 13 Jahren lassen sich beide Sportarten nicht mehr verbinden. Dreimal pro Woche muss er zum Training, mit 17 steht er jeden Tag in der Halle. Er schafft den Sprung in die Bundesliga, spielt unter anderem für den VfL Günzburg, Grün-Weiß Minden, TV Großwallstadt, TuSEM Essen und den HSV Hamburg.

Jetzt hat er plötzlich einen Spielerpass bei einem C-Ligisten. Bei einem Klub, der in der niedrigsten Fußball-Liga spielt. Hier, wo der Spaß den Ehrgeiz regiert. Ausgerechnet Hannawald. Er zählte unter den Handballern zu den positiven Verrückten. Er war einer, der seinen Körper nie schonte und sich in jeden Ball schmiss. „Ich habe doch meinen Ehrgeiz nicht verloren, nur weil ich jetzt in einer C-Liga-Truppe kicke“, erklärt Hannawald.

Er geht nur unregelmäßig zum Training, versucht an den Sonntagen dabei zu sein. Die Zeit muss es zulassen, denn er ist viel mit dem Handball-Bundesligisten Bergischer HC unterwegs. Ins Tor will er aber nicht, er will im Feld mitspielen. Im Tor steht nämlich sein Freund Frank Jakobi. Er läuft als Mittelfeldspieler und Stürmer auf. Hannawald lernt schnell die Unterschiede zum Handball kennen. „Die Fußballer treten dir gegen die Wade, den Knöchel, die Achillessehnen und den Fuß. Das kannte ich nicht, das hat mich am Anfang etwas sauer gemacht.“ Er verteidigt sich auf dem Platz. Vor allem bei Eckstößen. Hier schafft er sich im Stile eines Handballers Platz. Die Ellenbogen werden ausgefahren.

Die Konkurrenz in der Liga erkennt Hannawald früh. Es spricht sich herum, dass ein ehemaliger Handball-Nationaltorhüter beim OFC mitspielt. „Probleme gab es nie. Wurde ich gefoult, habe ich die Hand hingehalten. Habe ich jemanden zu Fall gebracht, habe ich ihm gleich hoch geholfen. Einen Handschlag hat mir niemand verweigert. So muss Sport doch sein.“ Es kommt der Tag, an dem er sich doch ins Tor des OFC Solingen stellen muss. Es gibt keine Alternative. Er zieht sich die ungewohnten Handschuhe und das Torwarttrikot an. Eine lange Hose verweigert er, zieht eine kurze an. Das hat er schon immer beim Handball getan. Das war sein Markenzeichen. Der Mann mit der kurzen Hose und dem Mundschutz.

Da steht er nun mit seinen 1,88 Metern. In einem Tor mit den Maßen 7,32 Meter breit und 2,44 Meter hoch. Hannawald fühlt sich etwas orientierungslos. Er sucht einen Kompass und die Landkarte für den 16-Meter-Raum. „Ich wusste gar nicht, wann ich heraus- laufen oder mich hinschmeißen soll. Das war eine unglaubliche Umstellung.“ Der Vorsitzende des OFC Solingen, Peter Deutzmann, erinnert sich ganz genau an dieses Spiel: „Vom Hinschmeißen hat Chrischa nicht viel gehalten. Er hat viele Schüsse mit dem Fuß geklärt. In der Luft war er mit seinen Riesenpranken und seinem wuchtigen Körper nicht zu schlagen.“

Die Partien im Tor bleiben die Ausnahme. Er will lieber laufen, schießen, ein Tor erzielen. So wie sein Vorbild aus Kindertagen. „Ich fand früher Paul Breitner immer geil. Ein toller Spieler mit einer unglaublichen Frisur.“ Mit dem Toreschießen klappt es nur einmal in der vergangenen Spielzeit. Für den OFC Solingen reicht es auch so für den Meistertitel. Die Truppe fliegt nach der abgelaufenen Spielzeit nach Mallorca, mit Hannawald. „Ich bin aber nur drei Tage geblieben. Zum Glück. Länger hätte ich das nicht ausgehalten.“ Einen großen Unterschied zu den Handballklubs erkennt er nicht: „Da tun sich beide nicht viel. Beide können schon richtig gut feiern.“

Ob er in der kommenden Spielzeit weiter für den OFC Solingen auflaufen wird, weiß er noch nicht. Den Vorsitzenden Deutzmann würde es freuen. „Chrischa ist ein Super-Typ. Er motiviert die anderen Jungs, ist immer positiv. Macht alles mit.“ Aber eins würde Hannawald niemals machen. Auf einem Ascheplatz spielen. „Da würde ich mich verweigern. Dann könnt ihr mich ruhig eine Mimose nennen.“

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Aufrufe: 6.8.2012, 07:43 Uhr
Von Thomas SchulzkeAutor

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