
Die SG Niedersonthofen/Martinszell steht vor dem größten sportlichen Abenteuer ihrer Geschichte. Drei Spieltage vor Saisonende haben sich die Oberallgäuer den Meistertitel in der Bezirksliga Süd gesichert und spielen in der Saison 2025/26 erstmals in der Landesliga Südwest. Im Moment des größten Erfolgs stellt Abteilungsleiter Marcus Stehle aber gleich mal klar: „Wir bleiben ein Dorfverein und haben unsere Werte: Wir zahlen kein Geld und stellen das Vereinsleben immer in den Vordergrund.“
Nach dem 4:1-Erfolg gegen den SVO Germaringen gab es kein Halten mehr. Es war der 20. Sieg im 28. Spiel, die Bezirksliga-Meisterschaft war eingetütet und die Kicker feierten den Triumph, der vor gar nicht allzu langer Zeit überhaupt nicht absehbar war. Niedersonthofen war zu Beginn des Jahrtausends eine typische Fahrstuhlmannschaft, pendelte zwischen A-Klasse und Kreisklasse. Vom höherklassigen Amateurfußball, wie im 15 Kilometer entfernten Kempten (TSV Kottern, FC Kempten, VfB Durach) oder im knapp 20 Kilometer entfernten Sonthofen dachte im Dorf, das wegen des nahegelegenen Sees deutlich bekannter war als wegen des Sports, niemand.
Weil es in einem Dorf mit rund 900 Einwohnern nicht leicht ist, eine eigene Fußballmannschaft zu stellen, kam es im Jahr 2001 zur Zusammenarbeit zwischen dem SSV Niedersonthofen und dem ASV Martinszell. Obwohl das Team in den Ergebnislisten des Bayerischen Fußball-Verbandes nur noch als SSV Niedersonthofen geführt wird, lebt die Zusammenarbeit weiter – und aus der offiziellen ist eben eine inoffizielle Spielgemeinschaft geworden. Andernfalls wären die jüngsten Erfolge auch gar nicht möglich gewesen, denn eine SG darf nur maximal bis zur Kreisliga am Spielbetrieb teilnehmen.
2019, als die SG den Landesliga-Spieler Felix Thum vom FC Kempten als Spielertrainer verpflichtete, spielten solche Gedanken noch keine Rolle. Die Oberallgäuer waren froh, dass sie sich gerade in der Kreisklasse etabliert hatten. Unter Thums Regie schreiben die Niso-Boys, wie sie sich titulieren, ihre ganz ungewöhnliche Erfolgsstory. Mit dem neuen Spielertrainer ging es in der wegen Corona abgebrochenen Saison 2019/21 gleich hoch in die Kreisliga, zwölf Monate später wurde auch dort die Meisterschaft eingefahren und die SG Niedersonthofen/Martinszell durfte sich erstmals Bezirksligist nennen. Und selbst dort ließ sich der Außenseiter nicht klein kriegen, wurde auf Anhieb Vierter und bestätigte das Ergebnis gleich nochmal als Vierter. Was dann folgte, damit hatten allerdings selbst die kühnsten Optimisten nicht gerechnet. Ab dem zweiten Spieltag setzte sich die SG an der Tabellenspitze fest, musste sich bis zur Winterpause nur einmal geschlagen geben (mit 1:2 im Spitzenspiel gegen den hoch gehandelten FC Thalhofen) und machte schließlich gegen Germaringen den Titelgewinn perfekt. „Es ist eine unfassbare Saison“, war Abteilungsleiter Stehle regelrecht sprachlos.

Im Moment des Triumphs wird Stehle aber nicht müde, die Väter des Erfolgs zu würdigen: „Wie vor allem Felix Thum und Simon Frasch die Mannschaft weiterentwickelt haben, ist sensationell. Das ist ihr Verdienst“ Frasch, der beim TSV Kottern schon Bayernliga-Luft geschnuppert hat, ist seit vier Jahren als spielender Co-Trainer mit an Bord – an der Seite seines Bruders Lukas, der ebenfalls dem Trainerteam angehört und in seiner Vita ebenfalls schon Bayernliga-Erfahrung beim FC Memmingen vorweist.
Es gibt sogar fünf Spieler, für die es vierte Aufstieg mit der SG war. Kapitän Christoph Kiesel, die Abwehrspieler Lukas Mayr und Marius Jäck, Stürmer Dominik Linder sowie der momentan an Kreuzband verletzte Andreas Abend waren schon dabei, als die Niedersonthofer vor neun Jahren noch in der A-Klasse kickten. In welcher Form beispielsweise der 35-jährige Kapitän das nächste sportliche Abenteuer angeht, lässt er noch offen. „Das lasse ich auf mich zukommen“, sagt Kiesel. Nicht dabei mehr sein wird Robert Jäck, der seine Laufbahn beendet. Vor dem Germaringen-Spiel wurde Robert Jäck offiziell verabschiedet. Was ein ganz emotionaler Augenblick war, denn vergangene Saison war die damalige Stammkraft auf dem Platz zusammengebrochen und musste wiederbelebt werden. Dass er jetzt wieder im Kreis seiner Teamkollegen die Meisterschaft feiern durfte, war auch für ihn ein ganz besonderer Moment.